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Hermann oder: Plan 10 from Outer Space

Niemand vermochte je genau zu sagen, woher er gekommen war. ‚Ich habe ihn von Petra, und die von Max, nee, von Tina, denke ich‘ oder ‚zuallererst hatte ihn Tante Gustel, und die hat ihn von ihrer Freundin, glaube ich...‘, das waren die klarsten Aussagen, die ich bei meinen Recherchen je erhalten habe. Wahrscheinlich wird sich seine Herkunft nie mehr klären lassen, aber das ist jetzt gleichgültig geworden.

Daß es ausgerechnet ein Kuchen sein sollte, der das Ende der Menschheit besiegeln würde, das hatten nicht einmal die verwegensten in der Zunft der Science Fiction Autoren zu prophezeien gewagt. Und doch: wie ließe sich eine außerirdische Invasion besser tarnen denn als Hefeteig? Als ich bei meinen Untersuchungen (ach ja: ich bin Professor für Genetik an der Universität von X.) den geradezu unglaublich hohen DNA-Gehalt dieser speziellen Hefezellen entdeckte, war es bereits zu spät.

Aber ich sollte besser am Anfang beginnen: Woher er stammt, weiß, wie gesagt, niemand so genau. Auch ich konnte die Spur nur einige Schritte weit zur Cousine der Freundin einer Bekannten zurückverfolgen. Indes zweifle ich nicht mehr daran, daß Hermann seinen Ursprung außerhalb unseres Sonnensystems hat, und daß er konstruiert wurde, um Vorbote einer Invasion zu sein. Ob er als unsichtbarer Schauer einzelner Zellen vom Himmel rieselte oder mit einem Raumschiff auf die Erde gebracht wurde, ist nur von akademischem Interesse. Ich denke, letzteres trifft zu.

Jedenfalls wurde man seiner erst in Form eines Kuchenteigs gewahr, der zusammen mit einem Kettenbrief die Runde durchs Land machte. Man solle ihn füttern, bis er groß genug ist, um ihn in drei Portionen zu teilen. Die eine solle man backen, die zweite zusammen mit einer Kopie des Briefes einem guten Freund oder einer guten Freundin geben, und die dritte schließlich weiterzüchten, bis sie wieder groß genug ist... Perfide, nicht wahr?

Wir haben ihn genährt und gehegt, eine giftige Natter an unserer Brust, bis sie nun bereit ist, zuzubeißen. Doch der Reihe nach. Nach nur wenigen Monaten hatte fast jeder einen Hermann im Haus, und bald war es kaum noch möglich, Abnehmer zu finden. Natürlich kursierte der mysteriöse Kuchenteig auch im Ausland, es gab 'Herman', 'Hermano' und andere nationale Ableger. Inzwischen ist er längst weltweit verbreitet, und das, obwohl er nicht einmal sonderlich gut schmeckt. Es sind die Prinzipien der Mode, des Spieltriebs und des Kettenbriefs, die ihn am Leben erhal ten. Wer seinen vernichtet, auf den warten Scharen edler Spender, um den Frevler aufs neue zu beglücken. Die Menschheit hatte keine Chance gegen diesen so perfekten Plan.

Halb aus Neugier, halb um lästige Studenten beschäftigt zu halten, begannen wir im Institut für Genetik der Universität X., die Hermann-Hefen zu untersuchen. Zuerst schien nichts an ihnen auffällig, bis wir uns über die ungewöhnlich hohen Ausbeuten an DNA zu wundern begannen. Doch es war kein Meßfehler, keine Verunreinigung, die Zellen enthielten vieltausendmal mehr Erbmaterial, als Hefezellen normalerweise benötigten. Anfangs witzelten wir noch, diese unausgewogene Würzung müsse für Hermanns eher unterdurchschnittlichen Geschmack verantwortlich zeichnen, doch dann begann es, interessant zu werden. Wir fanden keine vervielfachten Chromosomen und keine Wiederholungen außer einer langen Kette von Guanin-Basen, die jedoch prozentual nicht ins Gewicht fiel. Alles schien Information zu sein - nur wofür und woher? Lediglich ein kleiner Teil war ganz gewöhnliche Hefe-DNA , der Rest war ein Rätsel. Er wurde nicht abgelesen, nicht verändert, er schien nutzlos und war einfach nur da.

Wir züchteten immer größere Mengen, und wir selbst trugen zur Verbreitung des Teiges bei, indem wir wissenschaftlichen Instituten aus jenen glücklichen Winkeln der zivilisierten Welt, welche die Plage bislang verschont hatte, Proben zusandten – mit Kettenbrief, versteht sich. Aber niemand konnte uns helfen, und bald verlor sich das Interesse an diesem Kuriosum. Selbst wir hätten die Forschung eingestellt, wäre nicht Professor W. aus M. gewesen. Er schickte uns eines Tages einen Brief, um uns auf einen Meßfehler aufmerksam zu machen.

Es war die Länge der Guanin-Kette, die wir nach seinen Angaben wohl falsch bestimmt hatten. Er gab an, nur etwa die Hälfte gefunden zu haben. Eine Weile blieb der Brief liegen, bis ein störender Praktikant auf das Problem angesetzt wurde, damit er den wichtigen Laborbetrieb nicht behinderte. Das Resultat war überraschend. Auch W. schien sich geirrt zu haben, sein Wert war um ein Zehntel zu hoch!

Im folgenden fanden wir heraus, daß die fragliche Kette beständig kürzer wurde. Niemand konnte es erklären, doch es schien, als ob die Zellen selbst sie abbauten, in regelmäßigen Schritten, alle zugleich und wie von einer inneren Uhr gesteuert. Als ob ein molekularer Countdown seinem Ende entgegen liefe. Natürlich haben wir diesen Aphorismus eines Studenten nicht ernst genommen.

Jetzt ist es zwei Uhr Morgens, ich bin alleine im Labor. Jener doch nicht so dumme Junge hatte recht gehabt. Nur wenige Basen sind noch vorhanden, in einigen Stunden werden auch sie abgebaut sein. Ich habe herausgefunden, daß die Guanin-Kette als Repressor, als Blockade für den mysteriösen Rest des Erbgutes wirkt. Wie ein biologischer Timer hat er die wahre Information Hermanns stumm gehalten, bis genug Zeit verstrichen war, um seine Verbreitung über den Erdball zu gewährleisten. Nun, da dieses Ziel erreicht und jede menschliche Gegenwehr endlich vergebens ist, wird das Schweigen gebrochen. Eine gigantische genetische Bibliothek wird aktiviert werden, abgelesen und umgesetzt in Enzyme und Proteine, die Moleküle werden Formen bilden, Stufe für Stufe vom mikroskopischen hinauf in die Dimensionen unserer Welt. So wird Hermann seine wahre Gestalt erhalten, gleichzeitig in unzähligen Küchen rund um unseren Globus. Welche? Ich weiß es nicht, niemand weiß es außer seinen Schöpfern irgendwo dort draußen im All. Wenn wir es erfahren, ist es zu spät. Wir haben versagt.

Nun sitze ich hier im menschenleeren Institut und schreibe diese Zeilen, ohne zu wissen, ob sie jemals gelesen werden. Ich bin der Einzige, der das Kommende ahnt. Vor mir steht ein Topf voller Hermann, gährt und wächst mit lautlosen Blasen. Er sieht völlig harmlos aus, wie ein einfacher Kuchenteig. Ich warte, was geschehen wird.

Vielleicht noch zwei Basenpaare. Noch eine Stunde, oder zwei.

… und für alle, die ihn noch nicht persönlich kennen (denn inzwischen ist er doch wieder etwas seltener geworden): Hermann in der Wikipedia

Diese Geschichte ist bereits in der SF-Zeitschrift Alien Contact (Nr. 22, 1995) erschienen.

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