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Illa Murada

Eine sanfte Brise kräuselte die fast spiegelglatte Oberfläche des Meeres, und die kaum merklichen Wellen schwappten leise gegen die Felsen. Viçens ließ seinen Fischerkahn über die kurze hölzerne Rutsche ins Wasser. Eine Möwe, die gerade einen Fisch gefangen hatte, flatterte träge zum nächsten Stein, als die Spritzer sie erreichten. Miquel und sein Sohn Joan warteten bereits in ihrem eigenen Boot. Mühsam hinkte Viçens mit seinem Klumpfuß hinunter und kletterte an Bord. Dann durchbrach das langsame Tuckern der Dieselmotoren die morgendliche Stille, und sie glitten langsam zum Ausgang der Bucht.

Joan saß vorne am Bug und beobachtete das Spiel der Farben im Wasser, wechselnd zwischen dem hellen Türkis des Sandes und dem Blaugrün der Seegraswiesen, bis sich nach und nach alles im Blau der Tiefe verlor. Die Boote begannen, in der leichten Dünung zu rollen, als sie die Halbinsel umrundeten. Vor ihnen ragten nun die senkrechten Klippen der Illa Murada in die Höhe.

Nur an wenigen Stellen war das windgepeitschte Platteau des kleinen Felseneilan des zu erklimmen. Möwen und Eidechsen waren seine einzigen Bewohner, aber das war nicht immer so gewesen. Mauerreste krönten die Steilwände, flechtenüberwachsene, zerfallene Zeugnisse längst vergangener Zeiten. Niemand wußte, wer sie erbaut hatte, noch wozu, und kein Hinweis darauf war in den Ruinen zu finden. Einige unerschrockene junge Leute sammelten dort alljährlich Möweneier, doch die meisten Bewohner von Sant Miquel mieden die Insel, über die die Alten so gerne Spukgeschichten erzählten. In stürmischen Nächten, so hatte Joans Großmutter immer gesagt, gehe es um auf der Illa Murada. Joan glaubte nicht an solche Dinge, und doch verliehen die alten Erzählungen der Insel einen zusätzlichen Reiz, steigerten die Neugier unerträglich. Und Joans Freund José behauptete auch noch, ein uraltes, flechtenbewachsenes Skelett läge dort oben!

Joan wandte seinen Blick traurig ab. Er durfte nicht mit den anderen hinauf, sein Vater hatte es auf des Onkels Drängen verboten. Nur vom alten Wachturm hoch auf den Klippen gegenüber hatte er sehnsüchtige Blick hinab auf die ferne geheimnisvolle Insel werfen können. Und Schuld daran war nur Viçens. Joan schaute ärgerlich zum anderen Boot herüber. Onkel Viçens war es, der seinem Vater mit dem Altweibergeschwätz von der Spukinsel in den Ohren lag, Onkel Viçens, der von Kindheit an eine panische Angst vor der Illa Murada gehabt hatte. Er wagte es nicht einmal, dort seine Netze auszulegen, obwohl die Fischgründe so reich waren wie sonst kaum irgendwo. Alle Einwände, daß die Gespenster noch niemandem geschadet hätten, waren vergebens. 'Sie warten', sagten die Alten, und 'Sie warten' sagte Viçens.

„Böööse Zeichen!“ äffte Joan leise das düstere Orakeln seines Onkels nach. „Die Möwen fliegen heute mit dem Schnabel voraus. Böööse Zeichen!“

„Du sollst nicht spotten, lautet das elfte Gebot“ belehrte ihn Miquel, nicht ohne selbst dabei zu grinsen.

Sie folgten dem Verlauf der Steilküste. Viel mächtiger als an der Insel ragten die Felsen hier zu schwindelerregender Höhe auf. Die Boote wirkten verloren unter der mächtigen grauen Wand. Mauersegler und Falken nisteten in den Spalten, und geheimnisvolle Löcher öffneten sich nur für Vögel erreichbar, weit über dem Wasser. Waren es Höhlen oder doch nur Schatten?

Als sie den Schutz des Kaps verließen, nahm der Seegang zu. Erst war es nur ein sanftes Schwanken, aber bald tauchte der Bug mit Platschen und Spritzen in die Wellen, wurde hochgehoben, kippte vornüber und traf die nächste Woge. Joan duckte sich unter der Gischt, machte ein Spiel daraus, den Tropfen auszuweichen. Erst jetzt bemerkte er den dünnen Wolkenschleier, der sich über den eben noch tiefblauen Himmel geschoben hatte. Sein Vater dagegen hatte ihn wohl schon früher entdeckt, und er sah prüfend zu Horizont. Aber dort war noch nichts zu erkennen, noch kein Zeichen von schlechtem Wetter. Morgen vielleicht würde es regnen, dachte sich Joan. Schade, hatte er doch mit José zur Kaninchenjagd gehen wollen.

Sie fuhren noch eine gute Weile entlang der Küste. Das Ziel der beiden Boote war jene Stelle ein gutes Stück draußen vor dem Kliff, wo wohl ein Felsmassiv oder ein Wrack oder was auch immer es sein mochte, sich über die umgebende Tiefe erhob und die Schwärme der Hochseefische anlockte. Es war nicht einfach, dort zu fischen, nur zu oft blieben die Netze hängen und zerrissen, doch mit dem richtigen Maß an Vorsicht, Wagemut und Geschick konnte man hier reiche Beute machen. Joans Großvater hatte diesen Platz einst entdeckt, als sich sein Anker losgerissen und eben dort wieder verfangen hatte. Seitdem war die genaue Position ein wohlgehütetes Geheimnis der Familie geblieben.

Joan genoß die Fahrt. Gut, daß sie Motorboote hatten, die ersten im Dorf, für die selbst ein kräftiger Gegenwind kein Problem mehr bedeutete. Die anderen mit ihren alten Segel- und Ruderbooten taten sich schwerer, so abgelegene Fanggründe zu erreichen. Sie jedoch glitten über die Wellen, ganz gleich, wie der Wind stand, wie ein Falke durch die Luft. Wenn die Piraten, von denen Großvater so gerne erzählte, solche Fahrzeuge gehabt hätten! In Augenblicken wie diesem überlegte Joan, ob er später nicht Seeräuber werden sollte. Von seiner Festung auf der Illa Murada aus würde er mit einem schnellen Schiff die langsamen Dampfer jagen und die Schätze aus fernen Landen, das Gold und die Juwelen in den Höhlen seiner Insel horten. Er würde der Schrecken des Mittelmeers sein, und sein Name würde nur mit Ehrfurcht ausgesprochen werden. Joan der Korsar, Joan der Seeteufel! Das ferne Grollen der Kanonen riß ihn aus den Träumen in die Wirklichkeit zurück. Kanonen? Der Horizont war dunkel geworden. War ein Gewitter im Anzug?

Noch schien die Sonne durch den dunstigen Schleier, doch sie war nun verschwommen und kraftlos. Die kleinen Boote rollten in der Dünung. Der Vater verlangte dem Motor das letzte ab. Der Wind blies ihm in das gebräunte, wettergegerbte Gesicht und zerzauste seine Haare. Joan liebte es, ihn so zu sehen. So stellte er sich einen wahren Piraten vor.

Bald hatten sie ihr Ziel erreicht, und mit größter Eile holten sie die Netze ein. Der Fang war reich, und zahlreiche Brassen, Makrelen, Barsche und viele andere wohlschmeckende Fische hatten sich in den verhängnisvollen Maschen verfangen. Zappelnde schuppige Leiber füllten die Boote, und sogar ein junger Zackenbarsch, der zweite erst, den Joan zu sehen bekam, war darunter. Diese Beute würde auf dem Markt einen guten Preis bringen.

Dann war es geschehen. Das Netz hatte sich verfangen. Vater Miquel fluchte. Er versuchte es mit vorsichtigem Ziehen, fuhr einen Bogen, um es in einem anderen Winkel vom unsichtbaren Hindernis wegziehen zu können, unternahm geduldig einen dritten, vierten und fünften Anlauf, aber es war vergebens. Auf behutsames Probieren folgte schließlich wütendes Reißen und eine neue Salve von Seemannsflüchen.

„Gib es auf!“ rief Viçens herüber. Er war längst fertig. „Schneid es ab, wir müssen zurück!“

Er zeigte auf den Himmel im Westen, der sich bedrohlich verfinstert hatte. Von der Sonne war nichts mehr zu sehen. Die ersten Schaumkronen zeigten sich auf den Wogen, und das leise Donnergrollen war nun deutlich lauter geworden. Miquel zerrte noch einmal zornig am Netz. Es widerstrebte ihm, sein kostbares Fanggerät aufzugeben. Noch einmal zupfte er aus einer anderen Richtung am Seil, noch einmal bugsierte er das Boot um den verborgenen Haken herum. Am blauschwarzen Horizont zuckten Blitze, und die Felsen hoben sich leuchtend hell vor dem dunklen Hintergrund ab.

„Vergiß das Netz!“ schrie Onkel Viçens. „Das Unwetter kommt näher!“ Kostbare Zeit war verstrichen. Endlich nahm Miquel sein Messer und durchtrennte die Maschen. Er wendete sein Fahrzeug und gab dem Dieselmotor alle Kraft.

Sie schossen vor dem Wind her, aber der Sturm war schneller. Eben war die dunkle Wolkenwand noch in unbestimmbarer Ferne, dann verschwanden die Steilküste hinter ihnen plötzlich im Nebel. Graue Fetzen jagten über den Himmel. Die Front hetzte hinter den Booten her, und es gab kein Entkommen. Regenschleier schoben sich über die Berge, verhüllten das Ufer. Dann ging alles ganz schnell. Eine erste Böe erfaßte die Fischer und trieb die Gischt über die Bordwand. Ein Donnerschlag erschütterte die Luft, und wie ein rasendes Tier brauste die Regenwand auf sie zu. Es gab kein Entkommen.

Dicke Tropfen prasselten aus die schutzlosen Fischer, und bald mischten sich Hagelkörner darunter. Ihr Aufprall schmerzte auf der Haut, aber die Drei nahmen es kaum zur Kenntnis. Es gab wichtigeres zu beachten. Sie durften ihren Kurs nicht verlieren, gleich aus welcher Richtung die wilden Böen über sie hereinbrachen. Sie mußten die Steilwand im Auge behalten, ihr folgen und ihr doch nicht zu nahe kommen. Das Brüllen der Brandung an den tödlichen Felsen mischte sich mit dem Donner zu einem ständigen Grollen. Miquel schrie etwas, aber Joan konnte ihn nicht verstehen. Er sah sich um. Wo war Viçens? Joan konnte ihn nirgends entdecken, doch er hatte selbst zuviel Angst, um sich Sorgen um den Onkel zu machen. Ein neuer Brecher ergoß sich über den längst völlig durchnäßten Jungen. Die taumelnde Bewegung ihrer Nußschale ließ ihm übel werden. Er klammerte sich fest, unfähig, sich um das immer höher steigende Naß zu seinen Füßen zu kümmern. War es das, was sein Vater von ihm wollte? Vergingen Minuten oder Stunden?

Plötzlich ließ das wilde Schwanken nach. Sie hatten eine kleine Bucht erreicht, zwar ohne Strand und nur von steilen, spitzen Felsen umrahmt, bar jeder Möglichkeit, an das rettende Land zu gelangen, aber doch gut genug als Schutz vor dem höllischen Sturm. An Ankern war nicht zu denken, und so zog ihr zerbrechliches Gefährt langsam seine Kreise in der unsicheren Zuflucht.

Er müsse schöpfen, schrie sein Vater Joan wieder zu. Zum Glück war der Eimer nicht über Bord gegangen, und so kippte der Junge Schwall um Schwall über Bord, gleichgültig, ob nun Wasser oder Fische im Gefäß waren, während der Wolkenbruch den Erfolg schnell wieder zunichte machte. Zuckende Blitze beleuchteten die Felswand, als wollten sie über sie Fischer spotten, die so nah am Land und so fern der Rettung waren. In ihrem Licht erspähte Joan endlich auch Onkel Viçens, der sein Boot in die selbe Nische manövriert hatte, und der nicht minder hilflos war wie sein Vater und er. Auch sein Fahrzeug lag bedrohlich tief in den Wellen.

Noch übertönte das Tosen des Orkans jeden Versuch der Verständigung, vereitelte er jeden Ansatz der Hilfeleistung, doch langsam, kaum merklich erst, flaute seine Gewalt ab. Der Regen ließ nach, und endlich fand Joan Zeit zum Beten. Es regnete noch immer, und an ein Verlassen ihres Asyls war längst noch nicht zu denken, aber die Hoffnung begann zu keimen.

Eine gute Weile verbargen sich die Drei noch in ihrer Zuflucht, frierend und durchnäßt. Dann mußten sie es wagen, ihren Schutz zu verlassen, wenn sie noch den Hafen erreichen wollten, bevor das Dieselöl ausging.

„Wir schaffen es!“ rief der Vater zum Onkel herüber, mehr um sich selbst Mut zu machen denn aus echter Überzeugung. Aber Viçens nickte, lenkte sein Boot als erstes aus der Bucht und nahm Kurs auf den Port de Sant Miquel. Wieder tanzten die Nachen wild auf den Wellen, aber die Macht des Unwetters schien gebrochen. Die Dämmerung brach herein, und Nebel kam auf, aber wenn auch schemenhaft, blieb die Küste doch als sicherer Wegweiser zu ihrer Rechten erkennbar.

Sie waren noch nicht lange unterwegs, als der Sturm fast unvermittelt erneut über sie hereinbrach. War er zuvor wenigstens noch in ihrem Rücken gewesen, so blies er nun mal von Westen, mal von Norden und nur zu oft von Osten her, überschüttete die zerbrechlichen Nußschalen mit seiner Gischt, und schien sie zeitweilig fast rückwärts zu treiben. Es war zu spät, noch einmal Zuflucht zu suchen. Kein Anker konnte diesen Urgewalten standhalten, und nur zu bald würden die Motoren verstummen und die hilflosen Seeleute der Macht des Meeres preisgeben. Joan war sich sicher, daß bald der letzte, endgültige Brecher über ihm zusammenschlagen würde, und er verstand selbst nicht seine Ruhe bei diesem doch so furchtbaren Gedanken.

Aber dort vor ihnen, war da nicht ein Licht über dem Wasser? Ganz langsam rückte es näher, erst nur ein blasser Schein im dünnen Nebel, bald ein verheißungsvolles Leuchten. War dort nicht nur offenes Meer? Es konnte also nur ein Schiff sein. Nein, es schwankte nicht, und es war viel zu hoch. Nun war auch auf der anderen Seite, weit über dem anderen, ein Licht zu sehen. Wo waren sie? Nirgends auf ihrem Weg gab es solche Stelle. Sie mußten an der Bucht von Sant Miquel vorbeigetrieben sein. Aber diese Zeichen konnten nur einen sicheren Hafen markieren, vielleicht hatte jemand die Einfahrt zur Nachbarbucht gekennzeichnet, und so steuerten die Fischer darauf zu. Vater Miquel versuchte vergeblich, den Kurs auf die Einfahrt zu halten, doch jede Böe trieb sie weiter nach links. Die Lichtzeichen bewegten sich, und jetzt waren zwei Laternen zu erkennen, die sich langsam auf und ab bewegten. Sie beleuchteten eine steile Felswand. Und dort oben, was das nicht ein Turm? Wo um alles in der Welt waren sie?

Dann erkannte Joan die Silhouette der Illa Murada im Dunst vor ihnen. Doch sie war verändert. Da waren Mauern, höher als die Ruinen, die er kannte, und ein Turm auf einem Felsvorsprung, den es nicht geben durfte. Schemenhafte Gestalten bewegten sich darauf, zeichneten sich dunkel vor einem blassen Feuerschein ab. Stimmen klangen durch den Sturm, Rufe und Kommandos, die er nicht verstehen konnte. Ein neues Licht erschien, und noch eines.

Viçens' Boot war ihnen voraus. Es lag tief im Wasser, und es konnte ihm nicht mehr viel Zeit bleiben, bis es endgültig vollschlagen würde. Voller Verzweiflung hielt Viçens Kurs auf das Land vor ihnen. Die Wellen brachen sich an einem kleinen Anlegesteg, der einen winzigen Hafen vor den haushohen Felsen zu bilden schien. Da war ein Mann, der eine Lampe schwenkte. Auch er mußte sie gesehen haben, und der Wind trieb die Fetzen seiner Worte bis zu Joan herüber. Sie waren zu weit entfernt, um etwas genau erkennen zu können, doch Joan war sich sicher, daß die Gestalten auf der Insel Rüstungen trugen, er glaubte, das Rasseln ihrer Waffen zu vernehmen, ihr Lachen und ihre Schritte.

„Murada! Murada!“ rief Miquel zu Viçens herüber. Doch der hörte ihn nicht, oder seine Verzweiflung ließ ihn die Warnung ignorieren. Miquel versuchte, ihm zu folgen, aber ein Windstoß trieb ihn in die andere Richtung. Joan sah noch, wie Viçens an der Kaimauer zu landen versuchte, dann verhüllten neue Nebelschwaden die Szenerie. Eine Welle schleuderte sie um die Spitze der Insel, nur knapp vorbei an den scharfen Klippen, und weg von der Illa Murada und der aus der Tiefe der Zeit aufgetauchten unheimlichen Festung.

Dank Miquels Geschick erreichten Joan und sein Vater die Bucht. Mit voller Kraft steuerte der Vater das Boot durch die Brandung auf den Strand zu. Der Kiel fuhr knirschend in den Kies, und das Splittern von Holz mischte sich in das Tosen. Ein Brecher hob sie wieder hoch und schob sie weiter hinauf. Das Fahrzeug ruckte, neigte sich, und Wasser schwappte über die Bordwand. Noch einmal schwamm es auf, wäre fast ins Meer zurück gesaugt worden, und kam endlich auf dem Sand zur Ruhe.

Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt, die Sonne leuchtete aus den Wolkenlücken. Ein breiter brauner Fluß wälzte sich aus dem sonst trockenen Tal in die Bucht, Bäume und tote Tiere mit sich reißend. Das Meer war rotbraun verfärbt, und zerschlagene Boote säumten die Felsen am Rande des Strandes. Es dauerte Tage, bis sich die See so weit beruhigt hatte, daß sich die Fischer wieder hinaus wagten. Von Onkel Viçens fand sich keine Spur. Nur in einer Felsspalte auf halber Höhe der Illa Murada fanden sich zertrümmerte Planken, die vielleicht einmal zu einem Fischerboot gehört haben mochten.

Die Insel war, wie hätte es auch anders sein können, unverändert. Joan erzählte niemandem von den Erscheinungen der vergangenen Nacht, und falls sein Vater sie auch gesehen hatte, behielt er es für sich. Sie sprachen nie darüber, und manchmal fragte sich Joan, ob seine Phantasie ihm einen Streich gespielt hatte.

Erst zwanzig Jahre später bestieg Joan die Illa Murada, weil sein Sohn ihn darum bat. Seltsame Gefühle drängten sich ihm auf, als der über jene Spalte, in der sich die Reste von Onkel Viçens' Boot verfangen hatten, nach oben kletterte. War hier die Treppe gewesen, dort unten der Steg? Alles war so unwirklich. Die einst so stolzen Mauern waren zu kaum kniehohen Ruinen zerfallen, nur Eidechsen und Möwen wohnten zwischen den Steinen. Aber Joan wußte, daß er all das nicht geträumt hatte, so sicher wie nie zuvor seit jener Nacht.

Sie fanden das Skelett nach kurzem Suchen. Es war tatsächlich uralt, fast bis zur Unkenntlichkeit mit Flechten bewachsen, seit Jahrhunderten mit der Umgebung verschmolzen. Grasbüschel schauten zwischen den Rippen hervor, und während die eine Augenhöhle noch leer zum Himmel starrte, wuchs aus der anderen eine rosa Blüte hervor. Joan bekreuzigte sich andächtig vor dem Toten, wandte er sich schon ab, um seine Ruhe nicht mehr zu stören, aber dann hielt er inne. Der linke Fuß war verkrüppelt, so wie der Onkel Viçens'. Ein seltsamer Zufall. Und unter dem zerbröselten Handgelenk lag eine verrostete Armbanduhr zwischen den Steinen. Wie mochte sie dort hin gekommen sein? Joan verbot sich, darüber nachzudenken.

Am nächsten Tag kehrte Joan ein letztes Mal zur Illa Murada zurück. Er sammelte die Überreste des Toten ein und bestattete sie in aller Stille im Wald. Seitdem ist es still geworden um die alten Geschichten. Nichts Unheimliches ist mehr zu finden, was sie nähren könnte, keine Lichter und Rufe dringen mehr durch die Sturmnächte, und so sterben die Schauergeschichten mit den Alten, die sie noch erzählen konnten, aus.

Die Isla Murada (oder, auf katalanisch, Illa Murada) gibt es wirklich, sie liegt vor Puerto San Miguel auf Ibiza. Auch die Mauern existieren, und tatsächlich ist nicht herauszufinden, woher sie kommen. Die Legende ist freilich erfunden.

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