Die Metazeitmaschine
Tilly wartete bereits am Strand. „Alles in Ordnung?“
Lancelot nickte. „Aber ich dachte schon, wir würden ihn nie los. Ich glaube, ich eigne mich nicht als Kidnapper.“ Er zog die Schuhe aus und watete zum Beiboot herüber, da er die Fernsteuerung hier nicht benutzen wollte. Es war Ebbe, und so konnte er es leicht erreichen. Lancelot steuerte es zum Bootssteg und ließ die anderen einsteigen.
„Auf diesen Augenblick habe ich lange gewartet“, erklärte Patrick, als sie auf dem Weg zum Treffpunkt mit der Albatros waren, und riß den falschen Bart herunter. „Au!“
Lachend tat es ihm Lancelot gleich, während Tilly die Perücke abnahm und ihre Haare ausschüttelte. „Spar dir die Schadenfreude, Bella. Wenn wir nochmal zurückgehen, mußt du dich auch verkleiden. Wir sind jetzt gesuchte Gangster.“
„Ich glaube nicht, daß man nach uns fahnden wird“, stellte Lancelot gelassen fest. „Harry wird sich hüten, zur Polizei zu gehen und zu erklären, warum er Beweismaterial unterschlagen hat und was er nachts am Tatort gemacht hat. Nein, ich glaube, wir sind nicht in Gefahr. Nur weiß ich nicht wo wir jetzt überhaupt noch suchen sollten.“ Er blickte die anderen fragend an. Alle schüttelten die Köpfe.
Später, im Salon der Albatros, versammelten sich die Zeitreisenden zum Kriegsrat. Auf dem Tisch stand frischer Tee und eine Schale Kekse. Nur Patricks kauen mischte sich in das leise Surren der Maschinen. Tilly blickte gedankenverloren über die nächtliche Nordsee, Isabella hielt eine langsam erkaltendeTasse in den Händen, und Lancelot spielte mit seiner wiedergefundenen Pfeife. Niemand sagte etwas.
Nicodemus brach die Stille. „Und sonst habt ihr wirklich nichts herausgefunden? Wer wußte denn noch von der Maschine?“
Lancelot schreckte hoch. „Außer Higgins und Harry? Jonathan Willoughby, mein zweiter Nachbar, aber der ist zu harmlos, als daß man ihn auch nur erwägen könnte. Und die Markovich. Noch jemand?“
Tilly und Patrick verneinten. „Nicht zu unserer Zeit jedenfalls“, ergänzte Tilly.
„Dann bleibt also diese Markovich“, resümierte Nicodemus und verschränkte die Hände. „Wer ist das?“
„Professor Doktor Elaine Markovich, Quantenphysikerin, arbeitet an der Theory of Everything. Ohne jede Chance, versteht sich, wenn sie die Metazeit nicht berücksichtigt.“ Lancelot legte die Pfeife ab und nahm einen Schluck Tee. „Sie ist ein echtes Aas, aber ich glaube nicht, daß sie etwas damit zu tun hat. Dazu fehlt ihr der Mut.“
„Aber irgendwer muß es doch gewesen sein. Und bestimmt kein Dilettant“, widersprach Patrick ungeduldig. „Wenn es jemand von ihnen weitererzählt hat, wenn irgendein Geheimdienst oder eine Terroristengruppe oder weiß der Geier wer davon erfahren hat. Irgendwo muß doch eine Verbindung sein!“
Lancelot schüttelte amüsiert den Kopf. „Und weil jemand erzählt, daß ihm jemand erzählt hat, daß ein verschrobener Student sich einbildet, eine Zeitmaschine erfunden zu haben, sprengt der CIA die Universität von Edinburgh? Sei nicht albern.“
„Es paßt einfach nichts zusammen“, fuhr Lancelot nach einer Pause fort. „Das ganze ist absurd, unlogisch, völlig blödsinnig.“
Tilly nickte. „Stimmt. Aber wenn wir es selbst waren?“
„Wie bitte?“ Die anderen sahen sie verständnislos an.
„Der Blumentopf hat mich auf die Spur gebracht, aber erst jetzt ist mir klar geworden, wie es passiert sein kann“, begann Tilly zu erklären. „Ich habe nachgesehen, als du die Protokolle korrigiert hast, Lance, und ich habe sie verglichen. Die Reihenfolge unserer Versuche ist die ganze Zeit über die selbe geblieben, damals wie jetzt, und wir hatten damals erst den Dünger weggeschickt, und dann die Blumen. Wenn das Ammoniumnitrat mit explodiert ist, wie es im Bericht vom Yard steht, dann ist dein Alpenveilchen noch auf dem Fensterbrett mitgeröstet worden, Lance. Aus der Zeit kann es nicht gekommen sein.“
„Aber du meinst doch nicht...“
Tilly ließ Lancelot nicht ausreden. „Doch, genau das. Es ist aus einer anderen Metazeit gekommen. Ihr wißt doch noch genau, wie glücklich wir waren, als die erste Kaffeetasse verschwand, und wir alle dachten, jetzt funktioniert die Maschine. Aber sie kam nicht nach einer Minute wieder, und auch nicht nach einer Stunde. Bella, Nico, ihr hättet es miterleben sollen! Zwei Tage lang blieb Stück für Stück verschwunden, und wir haben umprogrammiert und neujustiert wie die Blöden. Wir haben den Fehler nie gefunden, aber mit dem neuen Feldgenerator hat es plötzlich funktioniert.
„Ich glaube, ich kann euch sagen, was wir falsch gemacht haben. Der Generator selbst war in Ordnung. Das war noch das erste Modell, mit den mechanischen Abstimmern. Ich wette, die waren nicht genau identisch. Und wenn der Feldwinkel nicht stimmt, dann versagt wahrscheinlich eben nicht die ganze Zeitmaschine, wie wir immer dachten, sondern die Maschine arbeitet in der falschen Richtung. Wir haben den Kram nicht in die Zeit, sondern senkrecht dazu in die Metazeit geschossen! Die Sachen tauchten nicht früher oder später, sondern gleichzeitig in einer späteren Metazeit wieder auf. Dort hat der Dünger sein Gegenstück getroffen, und der Blumentopf stand, als er ankam, mitten in der Luft.“
Lancelot und Patrick waren verblüfft. „Wenn das stimmt“, folgerte Patrick, „dann müßte man sich ja auch in der Metazeit bewegen können! Das glaube ich erst, wenn ich es nachgerechnet habe.“
„Genial“, rief Lancelot indessen begeistert aus. „Unbewiesen, aber völlig logisch. Hast du auch eine Erklärung für die Explosion?“
„Ja. Kannst du dich an das Experiment mit dem Zahnstocher erinnern? Später, als die Zeitmaschine schon funktionierte, haben wir einen Zahnstocher eine Minute nach vorne projiziert und dann einen zweiten an die Stelle gelegt, an der er wieder auftauchen würde.“
„Nur zu gut!“ Patrick legte den Zeigefinger auf die kleine Narbe an seiner Wange. „Das Ding ist uns um die Ohren geflogen wie eine Bombe.“
„Genau. Wenn man zwei Festkörper ineinanderprojiziert, erreicht man einen Druck wie sonst nur in einem kollabierten Stern. Es gibt nichts auf diesem Planeten, womit man einen kompakten Festkörper auf halbes Volumen pressen könnte. Allein Abstoßungskräfte der Atomkerne zerreißen ihn völlig. Selbst für die Luft brauchen wir deshalb ja die Verdränger, wenn wir mit dem Schiff in die Zeit eintauchen.“
„Natürlich“, führte Lancelot den Gedankengang zu Ende. „Und Ammoniumnitrat ist ohnehin explosiv. Wir haben Sprengstoff in die Metazeit geschickt, und er hat sich im Sprengstoff materialisiert. Das erklärt alles.“ Plötzlich lachte er. „Tilly, ich habe dir immer gesagt, du sollst dich nicht bei den Chemikern bedienen. Das haben wir jetzt davon.“
Professor Higgins studierte sorgfältig die von Harry geretteten Aufzeichnungen Lancelots. Er kontrollierte die Formeln und rechnete sie immer wieder durch. Nach wenigen Seiten gab er auf.
„Ein so einfacher Denkfehler“, stellte er traurig fest. Niemand war bei ihm, er sprach mit sich selbst.“ Und er zieht sich durch alle Berechnungen. Smith, Smith, ich hätte mehr von ihnen erwartet.“ Higgins klappte den Ordner zu und schob ihn zur Seite. „Und dafür mußten sie sterben. Diese Welt ist ein Irrenhaus.“
Patrick trat zu Lancelot auf die Brücke der Albatros. Majestätisch glitt das Luftschiff über die Urwälder Amazoniens. Für eine Weile schaute Patrick hinab auf das im Licht der tiefstehenden Sonne glitzernde Band eins Flusses. In wenigen Stunden würden sie die Basis erreicht haben und die Expedition ins alte Rom vorbereiten, die sie eigentlich geplant hatten, bevor ihr eigener Mordfall dazwischen kam.
„Ich habe mir die Teile, die wir mitgenommen hatten, noch einmal genau angesehen, Lancelot.“
Der Kapitän drehte sich um.
„Tilly hat wirklich recht. Es waren die Abstimmer. Wenn man das weiterdenkt, kann das Feld noch eine dritte Ausrichtung haben, das heißt, es könnte wirklich eine dritte Dimension der Zeit geben, eine Parazeit, und einen Zeitraum, ganz wie wir damals im ‚Diogenes‘ spekuliert haben.“ Er machte eine Pause, um seine Gedanken zu ordnen. „Aber das interessanteste ist, daß man eine Zeitmaschine ohne großen Aufwand zur Metazeitmaschine umbauen kann. Wir könnten in vergangene und zukünftige Vergangenheiten reisen.“
Lancelot wandte sich schweigend der Landschaft zu. Minutenlang dachte er über diese neue Perspektive nach. Auf den ersten Blick erschien sie faszinierend. Aber ihm war nicht wohl bei diesem Gedanken. Sie hatten die Albatros gebaut, um die Geschichte zu erforschen. Daß sie dabei die Vergangenheit änderten, war ein notwendiges Übel. Aber welchen Sinn hätte das alles, wenn sie sich eine Geschichte aussuchen könnten? Alles wäre beliebig und austauschbar. Wenn ihnen das Ergebnis einer Reise nicht gefiele, könnten sie zurück in eine genehmere Metazeit, und irgendwo im Zeitraum würde schon die gewünschte Historie existieren. Wo wäre die Grenze? Die Konsequenz war abstoßend.
„Nein.“ Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Nein, das wäre kein richtiges Zeitreisen mehr.“
In der Ferne kamen die ersten Ausläufer der Anden in Sicht.
Postskriptum:
Die hier erzählte Geschichte ist wahr bis auf die letzte Zeile. Da sie sich jedoch in einer anderen Metazeit zugetragen hat, muß jeder Versuch der Nachprüfung zwangsläufig scheitern.
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