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Die Metazeitmaschine

Im Schutz der Dunkelheit näherten sich die Vier dem Institut. Ein einsamer Wachmann mit einem Hund patrouillierte an der Absperrung. Hinter einem Busch warteten Lancelot, Tilly und Patrick, bis er um die nächste Ecke gebogen war, dann schlichen sie sich zum Haupteingang. Nur Isabella blieb zurück, um im Notfall den Wächter abzulenken.

Die Eingangstür war abgeschlossen.

„Verflucht!“ zischte Tilly.

„Was habt ihr erwartet? Kommt, hinten sind die Fenster kaputt“, flüsterte Patrick.

Lancelot nickte. In den Schatten geduckt, umrundeten sie das Gebäude. Tatsächlich gelang ihnen dort der Einstieg. Eine Glasscherbe klirrte unter Tillys Füßen, und sie hielten erschrocken inne.

„Ganz vorsichtig!“ beschwor Lancelot seine Freunde. Im schwachen Schein des Taschenlämpchens tasteten sie sich vorwärts. Sie hatten Glück, die Tür zum Gang war offen. Noch einmal lauschten sie in die Dunkelheit. Nichts war zu hören. Sie waren alleine. Ihre Schritte hallten bedrohlich im leeren Flur und im Treppenhaus.

Um den Zugang zu Lancelots Labor brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. Die ganze Wand war zusammengebrochen, und mit ihr zwei der Betonpfeiler, die das Gebäude trugen. Provisorische Holzbalken stützten das Stockwerk darüber ab.

„Vorsicht! Da sind Risse im Boden.“

Der Lichtkegel von Lancelots Lampe wanderte weiter, über Steinbrocken, verkohlte Bretter, Trümmer und verbogene Metallteile. In einer Ecke markierte ein Kreidestrich den Umriß eines verkrümmten menschlichen Körpers. ‘de Winter †’ stand auf einem kleinen Pappschild. Tilly griff nach Lancelots Arm, und er legte ihn schützend um sie.

„Genau dort hat die Maschine gestanden.“ Patricks Worte rissen die beiden aus ihrer Trance. Ein drei Meter großes Loch im Fußboden markierte den Ort der Explosion. Der größte Teil der Decke fehlte. Ein Abschnitt war nach oben gebogen, der Rest herabgestürzt oder mitsamt der Fassade weggesprengt worden. Die größte Wucht der Detonation mußte nach oben gegangen sein. „Der Anschlag galt also wirklich uns und der Maschine. Wahrscheinlich war der Sprengstoff im Gerät versteckt.“ Er blickte sich weiter um. „Hier liegt ein Stück. Der Feldgenerator. Den setzt niemand mehr zusammen!“

„Wir sollten ihn trotzdem mitnehmen“, sagte Lancelot und hob ein weiteres Teil auf. „Sicher ist sicher. Tilly, hast du den Resonanzspektrometer?“

Tilly nickte und zog das handliche Gerät aus der Tasche, das erst in einigen Jahrzehnten erfunden werden würde. Der empfindliche Elektronenresonanzsensor konnte nicht nur Elemente unterscheiden, sondern sogar Verbindungen identifizieren. Tilly führte in im Zentimeterabstand über die Trümmer. Der Computer würde später aus den gewonnenen Daten verdächtige Verbrennungsprodukte aussortieren. Die Kontrollampe flackerte, während die Analyse lief.

Plötzliche blitzte etwas mitten im Raum, und ein kurzes, zischendes Geräusch ertönte. Die Freunde sahen erschrocken hoch. Etwas fiel herunter und schlug auf dem Schutthaufen der unteren Etage auf. Ungläubig starrten die Drei hinab.

„Ein Blumentopf!“ Tilly vergaß sogar, zu flüstern. „Dein Alpenveilchen, Lance, und es blüht noch!“

„Aber das stand doch immer auf dem Fensterbrett.“ Patrick schaute zu dem klaffenden Loch hinüber, wo einmal das Fenster und die Außenwand gewesen waren. „Das gibt's doch nicht!“ Er trat gefährlich nahe an den Abgrund.

Es knirschte nur leise, als der Boden unter ihm nachgab und wegknickte. Patrick drehte sich um, wollte zurück, aber sein Fuß trat bereits ins Leere. Er rutschte ab, stürzte und griff im Fall gerade noch nach der Kante der losen Scholle. Sie hielt. Beton bröselte herunter, und mit einem Ruck drehte sie sich weiter nach unten. Patrick wagte kaum, sich zu bewegen.

Lancelot reagierte schnell. Er packte Patricks Handgelenke und zog ihn behutsam hinauf, während das letzte Stück der Stahleinlage abriß und der Brocken polternd hinab fiel. „Wir sollten jetzt besser gehen“, stellte er fest.

Mit einem Rucksack voll Zeitmaschinenteilen und einem zerbrochenen Blumentopf machten sich die Freunde auf den Weg. Erst im Treppenhaus fühlten sie sich wieder sicherer. Lancelot schloß leise die gesplitterte Glastür, hielt inne und blickte sich noch ein letztes Mal um.

Das schwache Mondlicht, daß durch eines der geborstenen Fenster einfiel, beleuchtete eine dunkel gekleidete, Person, die sich in einem Winkel des Ganges, kaum zwei Meter von Lancelot, versteckt gehalten hatte. Alles ging blitzschnell. Noch bevor er seine Begleiter aufmerksam machen konnte, sprang die Gestalt hervor, riß die Tür auf, stieß Lancelot grob beiseite und rannte an Tilly und Patrick vorbei die Treppe herunter. Die Drei stürzten hinterher.

Er floh auf dem selben Weg, auf dem die Zeitreisenden eingestiegen waren. Das Klirren von Glas und das Scheppern umgeworfener Stühle begleitete seine Flucht. Lancelot stolperte und fluchte. Patrick gelang es, den Fliehenden einzuholen. Er packte ihn am Bein, gerade als dieser durch das Fenster springen wollte. Ein Tritt traf Patrick, und er taumelte zurück. Der andere stürzte hinaus, rollte sich auf dem Rasen ab und verschwand in der Dunkelheit. Draußen erklang Hundegebell.

„Stehenbleiben!“ rief der Polizist und lief hinterher.

Ein langgezogener, unartikulierter Schrei ertönte.

„Das war Isabella!“

Lancelot hielt sie fest. „Tilly, noch nicht!“

Sie duckten sich hinter das Fensterbrett, bis das Bellen in der Ferne verklungen war, dann erst kletterten die Freunde lautlos hinaus. Sie fanden Isabella am verabredeten Treffpunkt.

„Ja“, bestätigte sie Lancelots Vermutung, „ich habe geschrien, um den Nachtwächter weiter weg zu locken. Aber der andere ist mir fast auf die Füße getreten.“

„Was könnte er dort gesucht haben?“ fragte Patrick. Sie saßen unter Deck im Beiboot der Albatros, in sicherem Abstand vom Strand. „Ich verstehe das nicht.“

„Die Maschine“, schlug Isabella vor. „Oder die Pläne.“

Lancelot schüttelte den Kopf. „Wenn er etwas stehlen wollte, hätte er vor der Explosion einbrechen müssen. Wenn er sie verursacht hat, braucht er keine Spuren zu suchen. Er ist weder der Täter noch von der Polizei, es ist eine dritte Seite im Spiel.“

„Oder er ist uns gefolgt“, war Patrick ein.

„Möglich.“ Lancelot kniff die Lippen zusammen. „Und höchst beunruhigend.“ Er goß sich aus der Thermoskanne Tee nach. „Sein Gesicht war im Schatten. Aber irgend etwas an ihm kam mir bekannt vor. Habt ihr sein Gesicht gesehen?“

Patrick verneinte. „Jetzt, wo du es sagst. Mir geht es genauso. Vielleicht seine Gangart? Und du, Tilly?“

Die angesprochene schreckte auf. Eine Weile schon hatte sie nachdenklich ins Leere gestarrt. „Nein“, antwortete sie knapp, als Lancelot die Frage wiederholte. „Wißt ihr, ich mache mir eigentlich viel mehr Sorgen um den Blumentopf.“

Ihre Freunde blickten sie fragend an.

„Ich meine, er kam aus der Zeit, das ist klar. Wir hatten ihn mit der Maschine weggeschickt. Aber damals blieb er doch verschwunden. Fünf Minuten sollte er in die Zukunft, und er kam nie wieder, genau wie vorher die Dose mit dem Dünger.“ Tilly stutzte plötzlich. Da stimmte etwas nicht, aber dauerte einige Sekunden, bis ihr bewußt wurde, was es war. „Der Dünger!“ rief sie aufgeregt aus. „Das Ammoniumnitrat, daß ich von den Chemikern abgezweigt hatte, das ist doch mit verbrannt! Das stand doch in den Polizeiakten. Dann muß das Labor explodiert sein, bevor wir die Dose weggeschickt haben, also auch vor den Blumen!“

Auf allen Gesichtern stand Erstaunen. Lancelots Teetasse hielt kurz vor seinen Lippen inne. Niemand sagte etwas, nur das leise Plätschern der Wellen war zu hören. Es war offensichtlich paradox.

Nach einer Weile ergriff Lancelot das Wort. „Nein. Wir waren seitdem in der Vergangenheit und haben damit die Geschichte verändert. Die Reihenfolge unserer Versuche kann sich dabei geändert haben. Schließlich haben wir ohne System alle möglichen Sachen in die Maschine gestellt.“

Patrick seufzte. „Und es klang so faszinierend. Schade.“

Tilly hingegen war mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, da stimmt einfach etwas nicht. Warum blieb das Zeug damals verschwunden und kommt jetzt wieder? Ich habe einfach das Gefühl, daß da noch mehr dahinter steckt. Ich will unsere alten Aufzeichnungen sehen. Wir müssen den Hauptcomputer anfunken!“

„Wie du meinst, Tilly.“ Lancelot wußte, daß Argumente zwecklos waren, wenn Tilly sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Nach einer unbequemen Nacht im Boot machte sich Isabella alleine auf den Weg zur Universität. In der Tasche hatte sie die lange Liste der Verbrennungsrückstände, die das Spektrometer gefunden hatte. Lancelot und Patrick hatten beschlossen, daß Professor Jameson im chemischen Institut der richtige Fachmann wäre. Tilly hatte nur geistesabwesend genickt, sie war mit den Computeraufzeichnungen beschäftigt.

Auf dem Campus herrschte wieder das übliche Leben. Studenten saßen zusammen und diskutierten, andere sonnten sich einfach oder begutachteten die Stände der Antiquare und fliegenden Händler. Der Unglücksort war noch immer abgeriegelt, aber nur wenige Schaulustige blieben noch an der Absperrung stehen. Ein Baugerüst verdeckte das Loch in der Wand.

Unsicher betrat Isabella das Gebäude des Instituts. Es roch unangenehm nach Chemie. Sie wollte sich als eifrige Inspektor-Anwärterin von Scotland Yard ausgeben, die auf eigene Faust eine vage Spur verfolgte. Mit ihren Freunden hatte sie alle erdenklichen Eventualitäten durchgesprochen, aber Isabella war sich fast sicher, daß etwas unvorhergesehenes passieren mußte. Sie war eine Frau aus der Vergangenheit, mit einem wenig Wissen der Zukunft und keinerlei Kenntnissen über die Polizei der Gegenwart. Zwar hatte Isabella schon viele Jahrhunderte besucht, aber hier und jetzt, als Hochstaplerin an einer Universität in der Blütezeit der Skepsis und der vermeintlichen Objektivität, fühlte sie sich entlarvt und beobachtet wie nie zuvor. Aber sie war die einzige unter den Zeitreisenden, die hier niemand erkennen konnte. Am besten, sie sprach so wenig wie möglich, um sich nicht aus Versehen verraten zu können.

Isabella wollte gerade zum Klopfen ansetzen, als die Tür zu Jamesons Büro aufgerissen wurde und schmerzhaft gegen ihre Finger stieß. Zwei sichtlich verärgerte Männer kamen heraus, ein älterer, grauhaariger Herr im fleckig weißen Laborkittel, und ein junger mit schulterlangen dunkelblonden Haaren. Für einen Augenblick starrte er Isabella an, dann ging abrupt weiter.

Professor Jameson setzte seine Brille auf und studierte die Liste. Sein Gesichtsausdruck wurde noch mißmutiger, als er es ohnehin schon war. Schon als sie eingetreten war, hatte er Isabella spüren lassen, daß er sich belästigt fühlte. Lancelot hatte sie gewarnt, daß Jameson ein dickes altes Ekel war, aber er war kompetent. Wenn er nichts dazu sagen konnte, dann niemand hier.

„Das ist doch völliger Quatsch!“ entfuhr es Jameson schließlich. Er wollte die Liste auf seinen Schreibtisch werfen, aber sie widersetzte sich seinem Versuch und glitt langsam zu Boden. „Wo haben sie diesen Unsinn her?“

„Unsinn? Das sind die Untersuchungsergebnisse von den Proben aus dem Explosionsschutt. Unser Labor hat sie analysiert.“

„Veralbern sie jemand anderen!“

Isabella war verblüfft und ratlos. Es war gekommen, wie sie befürchtet hatte. Irgend etwas mußten sie falsch gemacht haben, irgend etwas paßte nicht in die Zeit. Aber was? Professor Jameson erweckte nicht den Eindruck, als ob er ihr erklären wollte, was er meinte. Im Gegenteil, er schien seine Überlegenheit zu genießen.

Doch Isabella wollte noch nicht aufgeben. „Ich verstehe nicht ganz, was sie meinen. Deswegen bin ich ja zu ihnen gekommen.“

„Haben Higgins und Morris ihnen das gegeben? Die waren nämlich gerade mit der selben Sorte Blödsinn hier.“

Isabella zuckte vor Schreck zusammen. Er mußte wohl Professor Higgins meinen, aber wer war Morris? Es mußten jene beiden gewesen sein, die gerade vor ihr bei Jameson waren. Der jüngere hatte sie angesehen, als ob er sie wiedererkannt hätte. Was wußten oder vermuteten sie?

„Weshalb Unsinn?“ fragte Isabella noch einmal. „Sie sind der größte Spezialist hier, deshalb habe ich ja gerade sie aufgesucht.“

Ihre Worte besänftigten Jameson. Higgins und einer seiner Studenten, so erläuterte der Professor nun, hätten ihm eine Probe von diesem Zeug gebracht und ihn um eine Analyse gebeten. Auch Higgins hätte behauptet, sie stamme vom Ort der Detonation. „Aber das ist völliger Blödsinn!“ brauste er dann wieder auf. „Diese Verbindungen entstehen nicht bei Explosionen. Dazu braucht man einen Druck und eine Temperatur wie bei einer Atombombe. Und ihre Liste, gute Frau, die ist erst recht Quatsch! Die eine Hälfte ist genau der selbe Unfug, und den Rest können sie überhaupt nicht nachgewiesen haben. Diese Verbindungen gibt es nicht. Nirgends! Welche Pfeifenköpfe arbeiten im Labor vom Yard? Sonntagschemiker! Dilettanten!“

Isabella verabschiedete sich höflich, nachdem Jameson seine Litanei beendet hatte. Der Antwort auf die Frage nach dem Sprengstoff war sie nicht nähergekommen, im Gegenteil. Sie war ratlos und wütend, daß sie diesem widerlichen Kerl auch noch hatte schmeicheln müssen. Fast den ganzen Rückweg über war Isabella so in Grübeleien versunken, daß sie nicht bemerkte, daß sie verfolgt wurde.

Sie hatte schon die halbe Stadt durchquert, als sie sich umblickte, um eine Straße zu überqueren. Ein gutes Stück hinter ihr ging jener junge Mann, dem sie bei Jameson begegnet war. Isabella war zutiefst erschrocken. Sie setzte ihren Weg fort und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, während sie verzweifelt nachdachte, was sie nun tun sollte. Mehrmals vergewisserte sie sich, ob er ihr wirklich noch immer folgte, aber sie hatte sich nicht getäuscht. Den Gedanken, ihn abzuhängen, verwarf sie schnell wieder. Vielleicht wußte er die Lösung des Rätsels.

Als Treffpunkt hatten die Reisenden einen Park in de Nähe des Bootes vereinbart. Lancelot und die anderen warteten in einem abgelegenen, verwilderten Winkel der Anlage. Tilly saß auf einer Bank an einem trockenen Brunnen und durchforstete noch immer die Protokolle, die über den Monitor des Laptops flimmerten. Patrick hielt ungeduldig Ausschau nach Isabella.

„Da kommt sie!“ meldete er endlich.

Doch Isabella bog vom direkten Pfad ab und ging in einem Bogen an ihnen vorbei. Der Mann lief noch immer in einigem Abstand hinter ihr.

„Sie wird beschattet!“ zischte Patrick Lancelot zu.

„Ich sehe es. Kommt mit!“

Im Schatten der Bäume schlichen sich die drei zu einer Gruppe von Büschen direkt am Weg, die einen geeigneten Hinterhalt bildeten. Isabella mußte hier passieren.

Tatsächlich dauerte es nicht lange bis Isabella wieder in Sicht kam. Die Angst war ihr anzusehen. Die Lauernden duckten sich tiefer unter die Zweige. Dann kam ihr Verfolger. Sie ließen ihn einige Schritte vorbeigehen, dann gab Lancelot das Zeichen. Er sprang hervor, hielt dem Mann den Mund zu und riß ihn zu Boden. Die anderen waren sofort zur Stelle, um ihn festzuhalten und ins Gebüsch zu ziehen. Isabella stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Dann merkte Lancelot, wen er da gefangen hatte. Es war Harry, sein Zimmernachbar! Er durfte sie auf keinen Fall erkennen. „¡Está Harold Morris!“ rief Lancelot geistesgegenwärtig auf spanisch und hoffte inständig, daß seine Freunde ebenso schnell reagieren würden.

Tilly blickte ihn verständnislos an. „La-“, setzte sie zu Fragen an, aber Patrick gab ihr einen Schubs, und dann sah auch Tilly, wer da lag. Damals, in einer anderen Metazeit, hatte Harry kurze Haare und einen Bart getragen. Er mußte es auch gewesen sein, den sie nachts in der Ruine gejagt hatten.

„¿Donde estám los papeles?“ fragte Lancelot. Harry, der kein spanisch verstand, sah ihn ratlos an. Isabella übersetzte. „Wo sind die Papiere?“

„Welche Papiere?“ Harry wehrte sich noch immer heftig, und Lancelot und Patrick hatten es nicht leicht, ihn zu bändigen. „Ich weiß von nichts!“

Lancelot war überzeugt, daß Harry sie genommen hatte. Er hatte gewußt, wo sie zu suchen waren, er konnte sie nehmen, ohne einbrechen zu müssen. Aber warum? „¡Los dokumentos!“ insistierte er, aber er erhielt keine Antwort. Was nun?

Tilly hatte einen Einfall. Vielleicht würde es funktionieren. Darauf bedacht, daß Harry sie sehen konnte, zuckte sie mit den Schultern, fuhr sich mit dem Finger über die Kehle und sagte nur ein Wort. „Muertar!“

Isabella stutzte. Was hatte Tilly gesagt? Diese verstand die Sprache so wenig wie Harry, aber gerade deshalb hatte sie ein Phantasiewort gewählt, dessen Sinn er genau verstehen mußte. Isabella erschrak, als sie es erfaßte. Das konnte sie nicht ernst meinen!

Harry hingegen begriff sofort. „Nein! Ich rede!“ Er wehrte sich nicht mehr.

Erst jetzt durchschaute Isabella Tillys Spiel und nickte ihr anerkennend zu. „Non le mata, dejale vivir.“ Dann wandte sie sich wieder an Harry. „Wo sind die Pläne, die du gestohlen hast?“

„In der Universität, Chemie, im Büro der Studentenvertretung.“ Harry schwitzte vor Angst.

Er hatte also richtig geraten, stellte Lancelot befriedigt und erleichtert fest. Aber stimmte auch das Versteck? Niemand, der bei Verstand war, würde so kostbare Pläne an einem so öffentlichen Ort verstecken. Andererseits, dort würde auch niemand suchen. Lancelot beschloß, Harry zu glauben. Der Arme war viel zu verzweifelt, um noch zu lügen.

„¿Para quiéu trabajas tú?“ setzte er das Verhör fort. „Für wen arbeitest du?“

„Für niemanden. Ich wollte sie nur in Sicherheit bringen.“

„¿Para quiéu?“ Zu spät bemerkte Lancelot, daß er Harrys Worte gar nicht ohne Übersetzung hätte verstehen dürfen. Er mußte vorsichtiger sein. „¿Para Higgins?“

Harry schüttelte den Kopf ein wenig zu heftig, um glaubwürdig zu bleiben. „Solo, alleine, für niemanden!“ versicherte er.

Den Rest konnte sich Lancelot selbst zusammenreimen. Als Harry und Higgins von der Explosion erfahren hatten, mußten sie beschlossen haben, alle Pläne von Lancelots Arbeit in Sicherheit zu bringen. Sicher war Higgins der Kopf dieser Verschwörung. Zwar hatten beide Lancelots Erfindung für Unsinn gehalten, aber nach dem Anschlag hatten sie sichergehen wollen, daß nichts in falsche Hände geriet, und sei es nur aus Freundschaft und Prinzip. Und sie hatten beschlossen, den Fall selber zu klären. Dies war ein Fall für die Wissenschaft, und Scotland Yard war dafür nicht kompetent. Das sah den beiden ähnlich!

Jetzt stellte sich jedoch das Problem, was sie mit Harry machen sollten. Einfach laufen lassen konnten sie ihn nicht, und einweihen ebenso wenig. Lancelot sah seinen alten Freund bedauernd an, und dann versetzte er ihm einen Kinnhaken, der ihn außer Gefecht setzte. „Tut mir wirklich leid“, seufzte er. Harry hörte die Entschuldigung nicht mehr.

„Muß das denn sein?“ empörte sich Tilly. „Was willst du jetzt mit ihm machen?“

„Hier behalten“, antwortete Lancelot lakonisch. „Oder weißt du etwas besseres?“

„Und wenn jemand vorbeikommt? Ein Spaziergänger?“

„Drei“, entgegnete Lancelot.

„Drei?“

„Genau. Drei Spaziergänger. Sind vorbeigekommen, während wir den bedauernswerten Harry verhört haben.“

Tilly war entsetzt. „Und du hast nichts gesagt? Wenn sie uns gehört hätten!“

„Das haben sie, ganz bestimmt. Aber wenn ihr plötzlich still gewesen wärt, das wäre ihnen aufgefallen. Und jetzt hilf mir lieber.“

Sie fesselten und knebelten Harry mit Gürteln und Taschentüchern. „Daß wir ausgerechnet dir das antun müssen!“ Tilly verband ihm mit ihrem Halstuch die Augen.

Lancelot, Patrick und Isabella warteten im Park bei Harry der hilflos im dichten Gebüsch lag. Tilly wurde entsandt, um auf dem schnellsten Weg die Pläne aus der Universität zu holen. Alles ging reibungslos. Mit der blonden Perücke und der Sonnenbrille wurde sie von niemandem erkannt, und im unverschlossenen Zimmer der Studentenvertretung war niemand, der sie hätte fragen können, was sie dort suchte. An Ort und Stelle kontrollierte sie den Ordner. Es waren tatsächlich Lancelots Aufzeichnungen, eindeutig an seiner eigenwillig schwungvollen Handschrift zu erkennen, und eine Diskette. Harry hatte also alle gelöschten Daten kopiert. Tilly war zufrieden.

Lancelot eilte Tilly ungeduldig entgegen, als sie vor dem Parktor aus dem Taxi stieg. Die Diskette machte er mit der Hitze seines Feuerzeugs unbrauchbar. Für die Papiere brauchte er mehr Zeit. Er hatte sich in der Zwischenzeit Schreibpapier und Stifte besorgt, und nun setzte er sich auf eine Parkbank und korrigierte in fieberhafter Eile seine alten Unterlagen. Patrick und Tilly blickten ihm neugierig über die Schulter.

Die letzten Versuchsprotokolle, die von verschwundenen Gegenständen zeugten, entfernte er, neue Seiten, die von fiktiven, fehlgeschlagenen Experimenten berichteten, fügte er neu hinzu. Alle Formeln und Berechnungen änderte er an entscheidenden Stellen. Ein kleiner Fehler in den mathematischen Grundlagen der Zeitverschiebung zog sich bald durch alle weiteren Resultate. Das Blatt, auf dem rot eingerahmt der allem zugrunde liegende Geistesblitz notiert war, wurde herausgerissen, und ein Spritzer Wasser verwischte zu guter Letzt die Baupläne.

Lancelot war zufrieden. Für jeden anderen Wissenschaftler, der dieser Sache nachgehen wollte, war der Ordner nun vollständig, echt, und eindeutig das Produkt eines Irrtums.

„Warum nehmen wir den Kram nicht einfach mit oder schmeißen ihn weg?“ wollte Patrick schließlich wissen.

„Weil Harry das Verschwinden der Zeitmaschinenpläne erst recht als Indiz für eine große Verschwörung nehmen und nur noch mehr Leute neugierig machen würde. Aber wenn sie diesen Unfug lesen, sortieren sie uns in die Schublade für Spinner und geben Ruhe.“ Lancelot reichte Tilly den Hefter. „Bringst du ihn wieder zurück? Ich würde vorschlagen, wir tun jetzt folgendes...“

Nach Lancelots Erläuterungen machte sich Tilly erneut auf zur Universität. Es war bereits Nachmittag, und wegen des starken Verkehrs hatten die Freunde mehr Zeit für den Weg veranschlagt als zuvor. Die Zurückgebliebenen im Park schauten immer wieder ungeduldig auf ihre Uhren. Die Zeit verstrich schleppend langsam.

„Jetzt müßte sie da sein“, sagte Lancelot nach einer dreiviertel Stunde angespannten Wartens. „Los, die nächste Stufe!“

Harry lag noch immer gefesselt und geknebelt im dichten Gestrüpp. Nachdem sie sich vergewissert hatten, daß sie unbeobachtet waren, holten sie ihn hervor und befreiten ihn. Patrick und Lancelot hielten ihn an den Armen. Isabella bohrte ihm mit sanftem Druck ein angespitztes Stöckchen in den Rücken.

„Wenn du irgendwelche Mätzchen machst, hast du das Messer zwischen den Rippen, verstanden?“ Sie drehte die Spitze, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

Harry zuckte zusammen und nickte. „Ja.“

„Gut. Wir werden jetzt gehen, um die Pläne zu holen. Du gehst immer schön voran.“ Isabella versuchte, möglichst bedrohlich zu wirken. „Und wenn wir sie haben, begleitest du uns aufs Schiff, und wir fahren zum Schwimmen. Und vergiß nicht, kein Wort zu irgendwem, und kein falscher Schritt. Los!“

Isabella kam sich albern und als Verbrecherin völlig ungeeignet vor, aber Harry glaubte ihr. Sie gingen zu Fuß. Die Zeitreisenden hielten sich immer eine halbe Schrittlänge hinter Harry, und Lancelot dirigierte sie durch die betriebsamsten Straßen der Stadt. Harry gehorchte aufs Wort, und er unternahm keinen Fluchtversuch.

„A la izquierda!“ befahl Lancelot entnervt. „Links!“

Der neue Umweg führte sie über eine der Hauptgeschäftsstraßen Edinburghs. An den Türen der Kaufhäuser strömten Menschenmengen ein und aus. Jemand rempelte Harry an, und er stieß gegen Lancelot.

„Ich kann nichts dafür. Ganz ruhig!“ entschuldigte sich Harry vorsorglich.

Patrick warf Lancelot einen resignierten Blick zu und schüttelte den Kopf. Sie gingen weiter, bis sie an einer Ampel anhalten mußten. Eine dichte Traube Wartender drängte sich auf dem schmalen Gehweg. Plötzlich warf sich Harry nach vorne, riß den Mann vor ihm zur Seite und sprang auf die Straße. Bremsen quietschten, Blech schepperte und Glas klirrte. Harry erreichte unbeschadet die andere Seite und verschwand im Gewühl.

„Na endlich!“ Lancelot war sichtlich erleichtert. „Schade, daß wir den armen Kerl so erschrecken mußten. Los, zum Boot!“

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