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Eine Drachengeschichte

II

Amadeus von Drachenstein blickte mißmutig von seinem mit Rechnungen bedeckten Schreibtisch auf. Er fühlte sich hoffnungslos überfordert, seit er im letzten Jahr, nach dem frühen Tod seines Vaters, Burgherr geworden war. Viel lieber hätte er sich wieder seiner Musik zugewandt, aber seine Pflichten verlangten, daß er sich auch um finanzielle Dinge kümmerte. In würdiger Tradition seiner langen Ahnenreihe war er wieder einmal pleite. Und gerade war wieder dieses beunruhigende Zittern durch die Burg gegangen. Es kam vom alten Ostturm, dem ältesten Teil von Burg Drachenstein. Giesebert der Lindwurmstecher selbst sei es gewesen, der ihn hatte errichten lassen, so behaupteten die alten Chroniken. Alt und baufällig genug war er jedenfalls. Und seit einigen Tagen waren da nun diese merkwürdigen Erschütterungen. Im Ostturm fiel der Putz von den Wänden, und mancher Besucher hatte bereits eiligst das darin untergebrachte Museum verlassen.

Das Drachenmuseum war die beste und, um ehrlich zu sein, die einzige Einnahmequelle derer von Drachenstein. Lindwürmer waren modern, und auch wenn seit Jahrhunderten niemand mehr an sie glaubte, übten sie noch immer eine lukrative Anziehungskraft aus. Zahlreiche Besucher, Städter hauptsächlich, drängten sich an jedem Wochenende durch die engen, niedrigen Räume des Gemäuers und bestaunten vermeintliche Drachenzähne, die Rüstung des Drachentöters, alte Dokumente, Bilder und ein Goldstück aus einem Drachenschatz. Dazu lauschten sie den alten Legenden, die der Führer, der gebrechliche Verwalter Horatio, mit geheimnisvoller Stimme erzählte.

Doch in letzter Zeit brachte das Museum kaum mehr als den eigenen Unterhalt, und dann war da auch noch das Zittern. Der Turm hätte seit Jahren renoviert werden müssen. Amadeus hatte einen Baumeister zu konsultieren versucht, doch der hatte gleich abgewunken und Amadeus an längst überfällige Rechnungen vergangener Ausbesserungsarbeiten erinnert.

Und wieder erbebte Burg Drachenstein, diesmal heftiger als zuvor. Nur gut, daß es Abend war und das Museum bereits geschlossen hatte. Jetzt rieselte der Putz sogar hier auf seinen Schreibtisch, und es polterte bedrohlich. Amadeus blickte aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im Westturm hinüber auf den alten Teil der Burg. Er traute seinen Augen nicht. Der Ostturm war verschwunden. Nur ein Schutthaufen markierte die Stelle, wo er einst gestanden hatte.

Nachdem er sich vom ersten Schrecken erholt hatte, eilte Amadeus hinunter. Auf der langen Wendeltreppe hoffte er noch, alles könne sich als Irrtum erweisen, als Illusion durch die überreizten Nerven, aber er wurde bitter enttäuscht. Der Staub hatte sich noch nicht gesetzt, und Amadeus mußte husten.

Der Verwalter war völlig aufgelöst. Er habe gerade das Museum verlassen und die Tür geschlossen, als der Turm ins Wanken geraten war. Dabei habe er sie wirklich nicht fest zugeschlagen, versicherte er immer wieder. Zum Glück war niemand mehr im Gebäude gewesen. Die letzte Gruppe neuenglischer Touristen hatte das Drachenmuseum kurz zuvor verlassen und war in die wartende Reisekutsche gestiegen. Amadeus atmete erleichtert auf.

Und er habe sie wirklich nur ganz sanft ins Schloß gedrückt, fügte Horatio beschwörend an.

Amadeus antwortete nicht. So standen die Bewohner von Drachenstein, der Schloßherr, der Verwalter und Martha, die Haushälterin, ratlos und schweigend vor den Trümmern ihrer letzten Einnahmequelle. Das war das Ende. Sie waren bankrott.

Polternd brach ein letzter aufrechter Mauerrest in sich zusammen. Ein Stein rutschte ab, und ein mahlendes Geräusch erklang, als rieben Felsblöcke aneinander. Stürzten nun auch die Kellergewölbe und Fundamente ein? Oder war es auch um den Rest der Burg geschehen? Angstvoll blickten die drei sich um. Im Hof war alles still. Dann war da wieder das Schaben. Es kam eindeutig aus den Überbleibseln des Turms. Nun bewegte sich etwas. Ein Brocken kollerte herunter und blieb vor Amadeus' Füßen liegen. War doch jemand in der Ruine eingeschlossen?

Horatio wurde losgeschickt, um eine Schaufel zu suchen, während Martha und Amadeus, der von Werkzeugen und ähnlichen praktischen Dingen keine Ahnung hatte, besorgt das Geschehen am Schutthaufen beobachteten. Es sah tatsächlich so aus, als versuche jemand, sich nach oben zu wühlen. Noch ein Mauerstein wurde herabgestoßen, als habe jemand von unten dagegen gedrückt, dann kam der ganze Haufen im Bewegung. Eine neue Wolke von Staub wurde aufgewirbelt, und der nunmehr mit Spaten und Spitzhacke bewaffnete Horatio kam gerade rechtzeitig zurück, um eine seltsame Gestalt aus den Trümmern auftauchen zu sehen. Zuerst kam der Kopf zum Vorschein, mit einem großen Maul, Stacheln am Hinterkopf und prächtigen, goldenen Augen. Die Vorderbeine waren häutige, klauenbewährte Flügel. Schließlich zog das Tier, das wenig über zwei Ellen lang war, seinen langen Schwanz hervor. Es schüttelte das letzte Gesteinsmehl ab, und die bronzenen Schuppen glitzerten im Sonnenlicht. Dieses Wesen war eindeutig ein Drache.

Amadeus starrte das Untier ratlos an. Es gab keine Lindwürmer, das wußte jedes Kind. Andererseits war ein Irrtum unmöglich. Er war da. Was sollten sie nun mit einem nicht existierenden Ungeheuer anfangen?

„Wir könnten einen Drachenzoo eröffnen“, schlug die praktisch denkende Martha sogleich vor. „Der brächte mehr ein als das alte Museum.“

Für einen Moment wollte Amadeus begeistert zustimmen, doch dann fiel ihm wieder ein, wer den Turm zum Einsturz gebracht hatte. Wie sollte man einen Drachen einsperren? Oder war es gefährlicher, ihn frei herumlaufen zu lassen? Wie groß wurde er überhaupt? Andererseits, ein Zoo wäre die Rettung für Drachenstein. Es wurde Amadeus schmerzlich bewußt, wie wenig er über Ungeheuer wußte. Waren sie im Biologieunterricht nicht behandelt worden, oder hatte er nur nicht aufgepaßt? Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Flügel des Tieres noch klein und die Mauern der Burg robuster als die des ehemaligen Ostturmes waren, schickte er Horatio, die Tore zu schließen und die Zugbrücke hochzuziehen. Er selbst begab sich in die Bibliothek.

Seit Urzeiten hatten sich dort Bücher über alle nur erdenklichen Themen angesammelt. Beim Stöbern in den hohen Regalen hatte Amadeus schon so manches Kuriosum entdeckt, und er glaubte, sich auch an ein Werk über Drachen erinnern zu können. Oder waren es mehrere? Aber warum hatte er nicht hineingeschaut? Wie auch immer, bestimmt würde sich ein Werk über das Wappentier der Familie finden.

Sorgfältig ging er Titel um Titel durch, darauf bedacht, nichts Wichtiges zu übersehen. Immer wieder mußte er den Staub von den Buchrücken wischen, um die verblaßte Schrift entziffern zu können. Endlich, in der letzten Reihe, fand er das Gesuchte. Die rissigen Ledereinbände waren mit goldenen Lettern versehen, und sie mußten wahrhaft uralt sein. 'Dracologia Generala' war der erste Band betitelt, und daneben standen 'Dracologia Speciala', 'Dracometria', 'Draconomia', 'De Serpentibus Et Draconum Historiae' und schließlich sogar 'Dracomantika'. Deshalb hatte er sie also nicht beachtet. Er verstand weder Latein noch Griechisch.

Amadeus war aufs neue ratlos. Es blieb ihm nur noch, einen Spezialisten zu konsultieren, auch wenn es ihm ein wenig peinlich war, um Rat für die Pflege eines Fabelwesens zu fragen. Schweren Herzens griff er also zum Telefon, drehte an der Kurbel und ließ sich mit der Universität verbinden, wo er den Magister Dracologicum zu sprechen verlangte.

Er mußte seine Bitte zweimal wiederholen, bis man ihm, nicht ohne spöttischen Unterton, beschied, der Lehrstuhl für Dracologie sei vor über zweihundert Jahren aufgelöst worden. Niemand verschwende seine Zeit damit, nicht existierende Märchengestalten zu erforschen. Amadeus von Drachenstein war mehr als enttäuscht. Schließlich war es sein Vorfahr Theophil der Reiche gewesen, der mit einer großzügigen Stiftung, die ihn zu Theophil dem Armen gemacht hatte, die Gründung des dracologischen Instituts ermöglicht hatte. Und nicht genug damit, seitdem hatten die Drachensteins über alle Generationen hinweg das Institut mit einer jährlichen Zuwendung bedacht, so bescheiden sie auch im Laufe der Zeit geworden sein mag. Aber es war eine Sache der Familienehre, und Amadeus beschloß, sich bei Gelegenheit über den Verbleib des Geldes zu informieren. Zunächst allerdings ließ er sich zum Magister Serpentologicum durchstellen, nachdem er in einer ausgiebigen Diskussion mit einer engstirnigen Telefonistin zu dem Schluß gekommen war, daß Schlangen den Drachen noch am nächsten kamen.

Der Magister sei nicht anwesend, teilte ihm eine freundliche Frauenstimme mit und fragte, ob sie ihm weiterhelfen könne. Amadeus erläuterte sein Problem und erntete verdutztes Schweigen. Mehrmals beschrieb er das Tier in seinem Burghof, und von Mal zu Mal wurde er ungeduldiger. Das fragliche Wesen sehe zwar aus wie ein Drache, bestätigte die Frau am anderen Ende der Leitung schließlich, um aber sogleich anzufügen, daß es keiner sein könne, da es Drachen nicht gäbe. Amadeus legte wütend den Hörer auf.

Unten auf dem Hof klapperte etwas. In Erwartung des Schlimmsten stürzte Amadeus ans Fenster. Doch es war nur eine alte, mit einer Lanze bewaffnete Ritterrüstung, die mit unsicherem Gang entlang der Trümmer patrouillierte. Es mußte Horatio sein.

Das inexistente Ungeheuer auf dem Schutthaufen verfolgte jede Bewegung des einsamen Wächters. Der junge Drache war verwirrt, spürte, daß hier etwas nicht stimmte, wußte aber nicht, was es war. Sein angeborenes Wissen war groß, aber es reichte nicht aus. Offensichtlich war dies keine normale Situation für einen frisch geschlüpften Drachen. Das seltsame, scheppernde Wesen konnte nicht seine Mutter sein, aber eßbar schien es auch nicht. Er mußte es weiter beobachten.

Am nächsten Morgen war das Tier noch immer dort. Amadeus hatte Horatio abgelöst, und auch er hatte sich sicherheitshalber angemessen gepanzert. Rüstungen waren, seit vor einem Jahrhundert die automatische Schnellfeuerarmbrust erfunden worden war, völlig aus der Mode gekommen, und so war der urgroßväterliche Harnisch entsprechend rostig und schlecht gepflegt. Amadeus wog den schweren Spieß in der Hand und fragte sich, wie man wohl mit diesem Ding umging. Für das Waffenhandwerk hatte er sich, sehr zur Sorge seiner Eltern, nie interessiert, und modernere Waffen gab es auf der Burg nicht. Ihm war ausgesprochen unwohl in seiner Haut, in der quietschenden, unbequemen Rüstung, und ständig beäugt von dem unheimlichen Tier.

Das Visier klappte wieder einmal herunter, und als Amadeus es endlich wieder gelöst und angehoben hatte, galt sein erster besorgter Blick dem Lindwurm. Aber er hatte sich nicht bewegt, und seine goldenen Augen waren noch immer auf den Ritter gerichtet. Amadeus atmete erleichtert auf. Er war im Laufe der Nacht immer schreckhafter geworden, und es war an der Zeit, die Wache wieder an Horatio zu übergeben.

Die Glocke am Burgtor läutete. Amadeus ließ die Brücke herab, kurbelte das Fallgatter hoch und öffnete die Sichtklappe in der Tür. Er erblickte das Gesicht einer ihm unbekannten jungen Frau, mit grauen Augen hinter einer dünnen, runden Brille, und dunkelblonden Haaren. Sie trug ein Stirnband mit einem silbernen Drachen. Noch eine Märchengestalt?

„Was seid, äh, ich meine, was wünscht Ihr?“fragte Amadeus leicht irritiert. Der Helm ließ seine Stimme blechern klingen.

„Ich muß mich wohl geirrt haben." Die Besucherin trat einen Schritt zurück. „Haben Sie gestern in der Universität angerufen wegen eines - äh - Tieres?“

Amadeus erkannte sie an ihrer Stimme. Sie war es gewesen, die ihm am Vortag erklärt hatte, daß es keine Drachen gäbe und er sich infolgedessen irren müsse. Ihm wurde bewußt, daß er auf sie wie ein Verrückter wirken mußte. „Seid Ihr die Sekretärin des Magister Serpentologicum? Wann kommt er?“

„Nein. Gar nicht.“Sie stellte sich als Studentin der Ars Biologica vor, die mit dem Bürodienst lediglich ihr Kafög, das nicht gerade fürstliche Königliche Ausbildungsförderungsgeld, aufbesserte und nicht einmal in des Magisters Auftrag gekommen war. Ihr Name war Annabella. „Aber Drachen faszinieren mich schon immer. Kann ich mir das Tier einmal ansehen?“

Der Herr von Drachenstein war enttäuscht, aber er öffnete die Tür und ließ sie ein. Er führte sie über den Hof und wies auf den Schutthaufen. Aber der Platz war leer. Amadeus ließ entsetzt die Lanze fallen.

„Ich glaube, ich gehe besser wieder“, seufzte Annabella.

„Nein, bitte nicht!“Er beschloß, zunächst einmal die Rüstung abzulegen, um sich nicht ganz zum Narren zu machen. Er nahm den Helm ab und schüttelte die langen blonden Haare aus. „Bestimmt, er war eben noch hier. Ich versichere ihnen…“

Lautstarkes Zetern und Gackern aus dem Hühnerstall unterbrach seine Verteidigung. Die beiden rannten zu dem hölzernen Schuppen herüber, wo sie gerade noch Zeugen des Todes eines Huhns wurden. Inmitten der verstreuten Federn saß das Ungeheuer und begann, sein Opfer zu verspeisen. Zwischen zwei Bissen wendete er den Kopf zu seinen Beobachtern, fauchte kurz, aber bedrohlich, und widmete sich wieder seiner Mahlzeit.

Annabella stand mit offenem Mund da. Es dauerte eine Weile, bis sie die Sprache wiederfand. „Aber - aber das ist ja ein Drache!“

„Ja, was glauben Sie denn, warum ich angerufen habe?“ entgegnete Amadeus gereizt.

Nachdem er seinen Hunger fürs erste gestillt hatte, begab sich der Lindwurm wieder auf seinen sonnigen Ruheplatz. Amadeus und Annabella beobachteten ihn vom Wehrgang an der Burgmauer aus.

„Er sieht irgendwie friedlich aus“, stellte sie fest.

„Er scheint sich eher beängstigend sicher zu fühlen.“

„Aber er ist wunderschön!“

„Er hat den Turm zerstört und meine Hühner gefressen.“

„Schließlich war er eingemauert, und er hatte Hunger.“

Amadeus schüttelte den Kopf. Er hatte eigentlich hilfreiche Ratschläge zur Haltung oder, je nach dem, auch Bekämpfung erwartet. Annabella jedoch, die zwar Drachen in jeder Form sammelte, aber bis vor einer Stunde selbst nicht an die Existenz eines solchen Wesens geglaubt hatte, konnte nur mit Legenden und alten Geschichten aufwarten.

„… und das mit den Jungfrauen halte ich für Unsinn“, schloß sie ihre Zusammenfassung.

„Vielleicht sind ja einfach junge Frauen gemeint“, schlug ihr Gesprächspartner vor. „ Wahrscheinlich sind die am zartesten.“

„So ein Unsinn!“ Ihre Worte klangen nicht wirklich überzeugt, und sie blickte das Tier mißtrauisch an. „Wir sollten ihn füttern, bevor er sich selbst etwas sucht. Vielleicht können wir ihn dann sogar zähmen.“

Begeistert von dieser Idee gingen Annabella und Amadeus in die Küche, um etwas Geeignetes zu suchen. Martha protestierte lautstark, aber vergebens, als sie alle Schränke und Vorratskammern auf den Kopf stellten. Doch trotz aller Mühe war die Ausbeute enttäuschend. Mit einem Ring Wurst, einem Kohlkopf, einer Schachtel Hundefutter und bedeutend weniger Optimismus als zuvor wollten die beiden gerade wieder nach draußen gehen, als vom Hof her erneut Lärm erklang.

Sie stürzten zum Hühnerstall, aber dort war alles friedlich. Verwirrt sahen sie sich um. Wo war das Untier? Wieder schepperte etwas, und dann jaulte ein Hund.

„Fridolin!“ rief Amadeus entsetzt aus, ließ die Wurst fallen und rannte zum Zwinger des altersschwachen Hofhundes. Er kam zu spät. Nur ein Bein Fridolins schaute noch aus dem Maul des Drachen, der ihnen durch das zerfetzte Gitter entgegen kam.

Amadeus war entsetzt. „Das reicht! Wir müssen ihn erschießen!“

Annabella stellte sich furchtlos zwischen ihn und das Ungeheuer. „Das dürfen Sie nicht tun! Er ist der einzige seiner Art, und der Beweis, daß die Drachenflügel den Vorderbeinen entsprechen. Und es gehört zu seiner Natur, andere zu fressen.“

Das Untier beachtete die beiden gar nicht. Der Burgherr sah der zufrieden über den Hof trottenden Bestie sorgenvoll nach. Was würde sie wohl als nächstes anrichten?

Der Drache war inzwischen wesentlich selbstsicherer geworden. Offensichtlich waren die beiden Menschen nicht gefährlich. Das Weibchen machte sogar einen recht freundlichen Eindruck. Trotzdem sagte ihm sein Instinkt, daß er sich einen besseren Platz zum Leben und Jagen suchen mußte, sobald seine Flügel kräftig genug waren. Bis dahin brauchte er ein Versteck hier in der Burg. Er schluckte genüßlich das letzte Stück Hundebein und sah sich um. Dort am Haus führte eine Treppe hinab zu einem dunklen Loch. Er ging hinüber und sah hinein. Der Eingang war in den Felsen gehauen und mit einer hölzernen Tür versperrt. Mit seinen Klauen versuchte er sie zu öffnen, doch sie war verschlossen. Die Krallen hinterließen tiefe Spuren im Holz, aber die Tür hielt stand. Nun gut, das war also eine Gelegenheit, eine typische Kunst seiner Art zu erproben. Er atmete tief durch, holte noch einmal Luft, und blies eine kräftige Flamme gegen das Hindernis. Zufrieden beobachtete der Drache, wie das Feuer die Bretter verzehrte und ihm seinen Weg bahnte. Kühle Luft schlug ihm entgegen, als er eintrat. Die Höhle war geräumig und gemütlich. Hier konnte er vorerst bleiben.

Entsetzt sah Amadeus zu, wie das Monstrum in den Weinkeller eindrang, während Annabella beim Anblick der Stichflamme aus dem Maul des Drachen vor Begeisterung fast gejubelt hätte. Der Rauch schwärzte die Fassade des Südflügels, die letzten Stücke des brennenden Türrahmen brachen in sich zusammen, und aus dem Keller drang das Klirren von Glas.

„Es reicht, ich rufe den Kammerjäger!" verkündete der Burgherr wütend.

„Und was wollen Sie ihm erzählen?" fragte Annabella lächelnd.

„Daß …“, begann Amadeus und brach wieder ab. „Nichts“, seufzte er.

„Ich glaube, die Lage ist sogar noch viel komplizierter. Ich habe es gestern extra noch einmal nachgelesen. Im Jahre 1752 wurde der Lehrstuhl des Magister Dracologicum per königlichem Erlaß aufgelöst, weil es keine Drachen gibt. Also ist die Nichtexistenz von Lindwürmern praktisch Gesetz, und damit können sie auch nicht unter jagbares Wild fallen. Auf sie zu schießen ist also verboten.“ Im weiteren bewies sie dem ratlosen Amadeus mit zwingender juristischer Logik, daß man ein de jure inexistentes Wesen weder vertreiben noch einsperren oder sonstwie stören dürfe. „Es bleibt also nur, abzuwarten und zu beobachten.“

Dem Herrn von Drachenstein blieb vorerst nur das Abwarten, während sich die Studentin auf das Beobachten konzentrierte. Von einem bequemen Platz auf der Mauer aus vermerkte sie jede Bewegungen des Drachen und hielt ihn in zahlreichen Skizzen und kunstvollen Zeichnungen fest. Horatio servierte ihr regelmäßig frischen Tee und Gebäck, während Amadeus jeden Besuch des Ungeheuers im Hühnerstall nutzte, um wenigstens einige der kostbarsten alten Flaschen aus dem ehemaligen Weinkeller zu bergen.

Es kam wie es kommen mußte, und bei einer seiner Rettungsaktionen wurde er vom Drachen überrascht. Annabellas Warnrufe kamen zu spät, und als Amadeus den Keller verlassen wollte, stand er auf der Treppe dem Untier gegenüber. Es knurrte bedrohlich. Erschrocken ließ er die exzellente blaue Spätburgunder Trockenbeerenauslese, Wildenheimer Eberberg Jahrgang 1864, fallen. Sie kullerte noch unversehrt eine Stufe nach unten, drehte eine letzte Pirouette und zersprang beim zweiten Aufschlag in tausend Splitter. Der Knall lenkte die Bestie für eine entscheidende Sekunde ab, und mit einem gewagten Sprung brachte sich Amadeus in Sicherheit, bevor ein lodernder Flammenstoß die Stelle traf, an der er eben noch gestanden hatte. Die Beobachterin auf der Mauer zeichnete alles gewissenhaft auf. Der Drache beschloß, fortan vorsichtiger zu sein.

So kam es, daß sich das Ungeheuer Horatio in den Weg stellte, als der das nächste Mal den über der Höhle des Lindwurms gelegenen Südflügel betreten wollte. Sein Blick allein genügte, um ihm und den anderen Bewohnern von Drachenstein klar zu machen, daß dieser Teil der Burg nunmehr für sie tabu war. Doch damit nicht genug. Als nach zwei Tagen der Hühnerstall geleert und die Küche geplündert war, bekamen es die Drachensteiner wirklich mit der Angst zu tun. Doch statt sie zu fressen, setzte sich der Lindwurm nur vor das geschlossene Burgtor und wartete. Amadeus öffnete, um neuen Verwüstungen zuvorzukommen, eilig das Gatter und ließ die Brücke herunter. Er begann, sich zu fragen, wer nun eigentlich Herr auf dem Sitz seiner Ahnen war. Der Drache hingegen verließ zufrieden den Hof und begab sich von nun an regelmäßig zur Jagd in die Wälder unter der Burg.

Annabella war indessen weiter beschäftigt, von ihrem luftigen Beobachtungsposten aus den Grundstein einer neuen Dracologie zu legen. Jedes Detail, die Länge der Nackenstacheln, die Zahl der Zehen, die Größe und Form der Schuppen und vieles mehr wurde sorgsam notiert, bis schließlich nach einer Woche ausreichend Material für die wissenschaftlich gültige Neubeschreibung der Spezies Flamodraco drachensteinensis vorhanden war. Annabella war zufrieden. Nun konnte sie den Magister Serpentologicum über die sensationelle Entdeckung informieren. Sie kletterte von ihrem Hochsitz und ging zum Telefon.

Ihr Studienobjekt hatte jedoch andere Pläne. Es räkelte sich in seiner Höhle, richtete sich auf, streckte sich und breitete die Schwingen aus. Zur Probe schlug der Drache einmal mit den Flügeln, und der Luftstoß wehte eine Anzahl Flaschen aus den Regalen. Sehr gut. Sie mußten nun endlich kräftig genug sein, um ihn zu tragen. Er begab sich ins Freie und suchte einen Startplatz für seinen ersten Probeflug. Der große Balkon schien ihm hervorragend geeignet zu sein, und er begann, die Fassade des Hauptgebäudes zu erklettern. Der verwitterte Sandstein bot seinen Klauen guten Halt. Hin und wieder bröselte ein Stück herunter. Martha schrie auf, als sie ihn am Fenster vorbeikommen sah. Er beachtete sie nicht.

Auf dem Sims angelangt, sah der Drache zum ersten Mal die Landschaft hinter den Mauern und Wäldern der Burg. Eine sanfte Brise trug neue Geräusche und ungekannte Gerüche zu ihm. Er spreizte die Schwingen und spürte den Wind. Der Drache brüllte vor Freude. Dann sprang er hinab, und der erste Flügelschlag trug ihn hinauf in die Luft. Es funktionierte, er flog! Immer höher ließ er sich tragen, schlug einen übermütigen Salto, drehte sich und tanzte mit dem Zephir. Dies war seine Welt, und sie stand ihm offen. Ein letztes Mal kreiste er über dem Hof, dann wandte er sich den fernen Bergen und der untergehenden Sonne zu.

Annabella und Amadeus sahen ihrem Drachen wehmütig nach, als er wie ein großer, eleganter Vogel im Abendrot verschwand.

„Wunderbar!“ sagte sie ehrfurchtsvoll, und eine Träne rollte über ihre Wange.

Er nickte.

Daß sie dem Magister am nächsten Morgen eine plausible Lügengeschichte erzählen mußte, störte Annabella nicht. Sie hatte einen wahrhaftigen Drachen fliegen gesehen, und das war das Großartigste, was sie sich vorstellen konnte. Sie war glücklich, und alle glaubten, die Geschichte sei zu Ende.

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