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Eine Drachengeschichte

III

Jahre vergingen, und auf Burg Drachenstein kehrte der Alltag zurück. Mit geliehenem Geld war das Museum unter Annabellas Leitung wieder aufgebaut worden, und mehr schlecht als recht hatten sie sich über Wasser gehalten. Aber nun war auch das vorbei.

Amadeus blickte mißmutig von seinem wie üblich mit Rechnungen bedeckten Schreibtisch auf. In würdiger Tradition seiner langen Ahnenreihe war er wieder einmal pleite. Vom Fenster aus konnte er das Heer der Belagerer auf dem Feld vor der Burg sehen. Über den bunten Zelten wehten die Banner des Gerichtsvollziehers und seiner zahlreichen Gläubiger. Lagerfeuer brannten auf dem zertrampelten drachensteinschen Gemüseacker, und hin und wieder drangen Fetzen von Saufliedern und Gelächter bis hinauf zu Amadeus. Horatio patrouillierte in voller Rüstung im Wehrgang über dem Tor, aber die Feinde beachteten ihn nicht. Alle wußten, daß die Besatzung der Burg aus nur vier Personen bestand, die bald vor Hunger aufgeben mußten.

Wütend wischte Amadeus die Papiere vom Tisch. Es hatte ohnehin keinen Sinn mehr, daran herumzurechnen. Er war bankrott, und das war das Ende. In wenigen Tagen würde er kapitulieren und Drachenstein den Wucherern übergeben müssen. Einige wenige Erbstücke, an denen er besonders hing, hatte er bereits sicher in dem alten Geheimgang verstaut, und wenn er Glück hatte, konnte er sie so retten. Den Rest würden sich diese gierigen Pfeffersäcke aufteilen oder versteigern, und die Burg seiner Ahnen würde an den Herrn von Düvelsberg fallen, der schon lange ein Auge darauf geworfen hatte.

Amadeus seufzte. Früher hatte er es sich immer gewünscht, frei und ungebunden durch die Lande zu ziehen, Minnelieder zu singen und im Stroh zu schlafen. Jetzt wurde sein Traum Wirklichkeit, und plötzlich war er lange nicht mehr so verlockend. Minneverse für Annabella konnte er sehr gut auf Drachenstein schmieden, und auf Stroh konnte er gut verzichten.

Er verwünschte das Ungeheuer, daß ihn vor nunmehr einem Jahrzehnt heimgesucht hatte. Mit der Zerstörung des Museumsturms waren die seit zahllosen Generationen sorgsam am Rande des Abgrundes ausbalancierten Familienfinanzen endgültig ins Rutschen geraten. Man sollte den Drachen zur Rechenschaft ziehen.

Ja, warum eigentlich nicht? Schließlich hatte Amadeus nichts mehr zu verlieren.

Vom ihrem Lindwurm, wie sie ihn liebevoll nannten, hatten die Bewohner von Drachenstein nur hin und wieder aus der Zeitung gehört. Alle Welt glaubte, er sei nur Spuk aus dem Sommerloch, aber sie wußten, daß er wirklich existierte. Begeistert und mit frischer Hoffnung schlug Amadeus nach, wo der Drache zuletzt gesehen worden war. Beim Abendessen unterbreitete er seinen Vorschlag den anderen.

„Amadeus, jetzt bist du vollkommen übergeschnappt!“ kommentierte Annabella.

„Vielleicht. Weißt du eine bessere Möglichkeit?“

„Er wird dich auffressen!“

„Mag sein. Kommst du mit? Wir können im Morgengrauen aufbrechen.“

Begeistert willigte Annabella ein.

In der Waffenkammer der Burg versorgten sie sich mit einem alten Schwert und Schild, einem rostigen Kettenhemd sowie Pfeil und Bogen. Martha rückte widerwillig die restlichen drei Taler aus der Haushaltskasse heraus und drängte den beiden den letzten Laib Brot auf, den sie in der Speisekammer finden konnte. Horatio und sie würden auch ohne ihn nicht schneller verhungern, insistierte sie, und die Reisenden mußte bei Kräften bleiben. Eine Laute komplettierte das Gepäck, und so machten sie sich früh am nächsten Tag auf den Weg. Der baufällige Geheimgang führte sie tatsächlich sicher in den Wald hinter den feindlichen Linien. Horatio und Martha blieben alleine zurück und hielten die Stellung gegen die Übermacht der Belagerer.

Annabella und Amadeus hielten sich vorsichtig abseits der Straßen, und erst am Abend wagten sie es, eine Linienkutsche anzuhalten. In der nächsten Stadt mußte der Herr von Drachenstein auf dem Marktplatz musizieren, um an Geld für die Weiterfahrt zu gelangen. Es reichte tatsächlich für zwei Fahrkarten, und mit dem Dampfzug ging es weiter nach Osten. Drei Tage ratterte der Waggon über holprige Gleise, durch Felder und Wälder, über Berge und Brücken, und erreichte schließlich die Endstation an der Grenze. Zerschlagen und rußgeschwärzt stiegen die beiden letzten Reisenden aus und sahen sich um. Die Häuser glichen eher Hütten, die Straßen waren morastig, und die Leute blickten finster. Erst als Amadeus sie nach der Abfahrtszeit der nächsten Kutsche nach Klagental fragte, lachten sie. Die beiden mußten ihre Reise zu Fuß fortsetzen.

„Du hast mir immer noch nicht verraten, was du vorhast, wenn wir ihn gefunden haben.“Annabella hatte diese Frage in den vergangenen Tagen schon oft gestellt.

Wie jedes Mal zuckte Amadeus mit den Schultern. Sie wußte ja praktisch nichts über das Tier. War es wirklich so intelligent, wie man es seiner Art nachsagte, verfügte es tatsächlich über einen Berg von Gold, aus dem man Schadenersatz einfordern konnte? Erst einmal mußten sie das Untier finden, der Rest würde sich irgendwie ergeben.

Die Landstraße führte durch eine weite, leere Steppe, vorbei an furchtsam niedergeduckten Ortschaften, verlassenen Gehöften und verängstigten Schäfern. Fast jeder von ihnen konnte seine eigene Geschichte über den Drachen erzählen. Seit er sich in den östlichen Bergen niedergelassen hatte, kam er nachts über die Ebene geflogen, riesig, wie ein glühender Komet, und holte sich Schafe, Rinder und Menschen. Sein Gebrüll, so berichteten die Hirten, ließe Steine zerspringen, sein Atem setze Bäume in Brand, und bei seinen Schritten erzittere die Erde. Immer größer wurde er in den Beschreibungen, immer bedrohlicher, und immer bunter. Einmal war er schwarz und vierbeinig, dann rot und leuchtend oder grün und schlangengleich.

„Könnte es sein, daß es hier eine ganze Herde von Lindwürmern gibt?“Gerade hatte sie die beängstigende Neuigkeit ereilt, daß bereits Hunderte von Rittern der Bestie zum Opfer gefallen waren, und Amadeus fühlte sich in seinem Kettenhemd zunehmend unwohl. Sein Mut sank beträchtlich.

„Ich glaube eher, daß es zu wenig Leute sind, die ihn wirklich gesehen haben. Vielleicht ist er gar nicht so schlimm“, versuchte Annabella ihn und sich selbst zu beruhigen.

„… und sein flammender Odem verzehrte sie, bevor sie ihn auch nur zu Gesicht bekamen“, klangen die Worte des alten Mannes in ihren Ohren nach.

Der neue Tag führte sie durch eine immer einsamere und rauhere Landschaft. Die Pfade wurden schmaler, und sie begegneten immer weniger Menschen. Diese jedoch zeigten in immer weniger verschiedene Richtungen, wenn Amadeus sie nach dem Weg zum Lager des Drachen fragte. Es gab keinen Zweifel, sie näherten sich ihrem Ziel. Am Mittag begegneten sie dem letzten Wanderer, und auch er wies in Richtung des Gebirges, das bedrohlich aus dem Dunst der Ferne aufragte. Ungehindert blies der Wind über das weite, steinige Ödland vor ihnen, und nichts, kein Baum und kein Dorf, stellte sich ihm in den Weg. Nur die Rufe der Krähen, die im verdorrten Steppengras nach Nahrung suchten, begleiteten Annabella und Amadeus.

Erst zu Füßen der Berge fand sich wieder lebendiges Grün. Dornige Büsche und windgebeugte Bäume, frisches Gras und Vogelgesang lösten die Einöde ab.

Amadeus hielt inne und blickte sich skeptisch um. "Wir müssen uns verirrt haben. Offensichtlich entfernen wir uns wieder vom Ungeheuer.“

„Ach was“, widersprach seine Begleiterin, „für diese Wüste sind die Ziegenherden der Bauern verantwortlich. Drachen leben mit der Natur, nicht gegen sie. Hier muß irgendwo Wasser sein.“

Tatsächlich stießen sie bald auf ein Flüßchen, dessen graublaues Gletscherwasser durch ein breites, von Kiesbänken gesäumtes Bett strudelte. Der Pfad endete nahe des Ufers, um sich auf der anderen Seite fortzusetzen. Neben ihm stand, auf einem versengten Flecken kahlen Bodens, ein verkohlter Baum. 'Bis hierher und nicht weiter!' schien dieses Zeichen unmißverständlich zu sagen.

Über dem Lagerfeuer brieten sie ein unterwegs erlegtes Kaninchen und aßen es schweigend. Glühende Funken wirbelten aus den Flammen hinauf zu den Sternen und verloschen wieder. Annabellas Blick folgte ihnen, stets damit rechnend, daß ein riesiger, geflügelter Schatten sich über sie senken würde. Ob dies ihre letzte Nacht war? Amadeus, der ihr gegenüber saß, sah sie durch das Feuer hindurch an, griff zu seiner Laute und begann, zu dichten.


"Es sitzt ein wildes Vögelein hoch oben auf dem Ast

Es singt ein herrlich Liedelein, versüßt mir meine Rast

Oh käm sie doch herab zu mir, ich säng mit ihr so gern

Doch fliegt sie fort und flieht vor mir, bleibt unerreichbar fern

… „


Die Nacht blieb ruhig, ohne jedes Zeichen vom Drachen. Im ersten Licht des Morgens streifte Amadeus sein Kettenhemd über, prüfte noch einmal sein Schwert, versuchte sich zu überzeugen, daß die zahlreichen Scharten ohne Bedeutung waren, und weckte Annabella. Sie durchwateten das eisige Wasser des Flusses und begannen, die Warnung am Wegrand nicht achtend, den Aufstieg. Würden sie den Drachen finden oder er sie? Unter welchem Berg, in welcher Schlucht war sein Versteck?

Der Pfad teilte sich, und die beiden Wanderer folgten dem Lauf eines Baches in ein weites Tal. Ein niedergebranntes Gehöft zeigte ihnen, daß sie den richtigen Weg gewählt hatten. Nur allzu oft mußten sie aufs neue raten, welche Richtung sie einschlagen sollten. Erst versuchten sie, den höchsten Gipfeln zuzustreben, aber bald schon blieben diese hinter den hohen Felswänden und den Wipfeln der Tannen verborgen, und Abzählreime mußten zur Entscheidung herhalten.

Sie waren bereits einige Stunden gewandert, als sie sich die erste Rast gönnten. Von einem Felsblock aus bot sich ein prächtiger Blick auf die inzwischen weit unter ihnen liegende Ebene wie auch zu den mächtigen, schneebedeckten Graten vor ihnen. Noch immer waren sie entmutigend fern. Waren sie überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Schon wollten die beiden wieder aufbrechen, als Annabella sich ein letztes Mal umsah. Dort hinter ihnen, am Eingang zu einer kleinen Schlucht, die sie nicht einmal bemerkt hatten, stand das verbrannte Skelett eines Baumes.

War es eine neue Warnung oder sogar ein Wegweiser? In diesem Fall wäre der Drache beängstigend selbstsicher. Es erwies sich als ein noch bedrohlicheres Zeichen. In den kahlen, schwarzen Ästen hingen Teile einer verbeulten Rüstung. Ein Brustharnisch, Beinschienen und Panzerhandschuhe waren in den Zweigen verteilt, und eine vielfach geknickte Lanze lehnte, von einem Helm mit versengtem Federbusch gekrönt, am Stamm. Zweifelsohne waren die Stücke so arrangiert worden. Annabella konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Lindwurm einen sehr speziellen, unangenehmen Humor besaß.

Ritter Amadeus hätte beim Anblick dieser Überreste seines Standesgenossen am liebsten kehrt gemacht. Zögernd starrte er den schmalen Pfad hinauf, an dessen Ende das Verderben lauern mußte. Welcher Teufel hatte ihn geritten, diese Expedition vorzuschlagen? Er hatte sehr wohl etwas zu verlieren, nämlich sein Leben. Doch er wagte nicht, als erster den Rückweg anzutreten. Wie würde er vor Annabella dastehen? So wartete er darauf, daß sie ihn zur Umkehr bitten würde.

Sie tat ihm diesen Gefallen nicht. „Komm, oder willst du hier Wurzeln schlagen?“ rief sie ihm statt dessen zu und betrat den Schatten der Schlucht.

Amadeus seufzte und folgte ihr. Wenn es ihm bestimmt war, gefressen zu werden, so konnte er doch nicht entkommen. Sollte Einfältige und Narren aber tatsächlich unter dem besonderen Schutz der Götter stehen, hatte er vielleicht eine Chance.

Das Rauschen des Baches füllte die Luft und wurde von den Felsen vielfach zurückgeworfen. Wassertropfen perlten von den Moosen neben dem glitschigen Pfad. Immer steiler ging es hinauf, entlang an Wasserfällen und wilden, tosenden Strudeln, über abgestürzte Bäume und trügerischen, rutschigen Schutt. So eng wurde die Klamm, daß abgerutschte Felsen steckengeblieben waren, bevor sie ihren Grund erreichen konnten, und abenteuerliche Tunnel bildeten.

Dann weitete sich das Tal unvermittelt zu einem kahlen, steinigen Kessel. Jeder Schritt der beiden Wanderer hallte nun donnernd zurück. Anschleichen war hier völlig unmöglich. Ritter Amadeus hielt inne und sah sich um.

„Willkommen!“ sagte eine dunkle Stimme, die klang, als komme sie aus den Tiefen des Gesteins.

Die beiden fuhren erschrocken herum und erblickten hinter sich den Drachen. Er ruhte auf einen Felsvorsprung, am Eingang zu einer Höhle. Natürlich hatten sie erwartet, daß er gewachsen war, aber als sie das riesige Tier sahen, wichen sie einen ehrfürchtigen Schritt zurück. Mindestens zwanzig Ellen mußte er messen, und die Spannweite seiner Flügel schien weit größer zu sein. Die Zähne waren spannenlang und scharf, seine Schuppen funkelten rotgolden und metallisch in der Sonne, und ein Kranz nach hinten gerichteter Stacheln säumte seinen Hinterkopf, schützte den Nacken und setzte sich über das Rückrat bis zum Schwanz fort. Er war wunderschön.

„Was wollt ihr, kleine Menschen?“ fragte er gelangweilt und kam langsam auf sie zu.

Alle Worte, die sich Amadeus auf dem Weg zurechtgelegt hatte, waren aus seinem Gedächtnis verschwunden. Verzweifelt suchte er einen guten Anfang, aber sein Kopf war leer. "Schadenersatz!“ brachte er nur hervor.

Die goldenen Augen des Drachen weiteten sich. Zumindest war es Amadeus gelungen, ihn zu überraschen. Die Hand am Schwertknauf, trat er nach vorne und wiederholte seine Forderung.

„Wiedergutmachung für die Verwüstung, die Ihr an Burg Drachenstein angerichtet habt.“ Der Mut der Verzweiflung ließ ihn sprechen, ohne weiter nachzudenken. „Wenn Ihr ausreichenden Ersatz leistet, gleich, ob Gold oder Edelsteine, bin ich bereit, die Sache auf sich beruhen zu lassen.“

Es dauerte einige endlose Sekunden, ehe der Drache antwortete. Dann stieß er ein ohrenbetäubendes Gelächter aus. Steine kullerten von den Hängen, und das Echo tanzte noch eine gute Weile zwischen den Bergen, als das Lachen längst verstummt war.

„Du fordert, du Winzling? Du wagst es, mir zu drohen?“Das Ungeheuer war offensichtlich fassungslos über die dreiste Rede des Ritters. So etwas hatte noch niemand gewagt. " Nun gut, rostiges Ritterchen, ich werde großzügig sein“, fuhr er nach einer weiteren Pause fort. „Ich werde Euch, zum Ausgleich eurer Schäden, einen schnellen und schmerzlosen Tod bereiten. Seid ihr damit zufrieden?“Rauch stieg aus seinen Nüstern auf, als er sich zur vollen Höhe aufrichtete.

Es war an der Zeit, dem Gespräch eine neue Wendung zu geben. Bevor Amadeus eine neue Dummheit begehen konnte, mischte sich Annabella ein. „Gewiß scherzt Ihr, edler Herrscher der Berge. Denn einem hilflosen Bittsteller mit dem Tode zu drohen, das kann Eurer nicht würdig sein. Menschen würden das tun, nicht aber Drachen.“Sie erwartete schon den endgültigen Feuerstoß, aber er blieb aus. Ermutigt sprach sie weiter. „Es freut mich, daß Ihr so gnädig seid, uns anzuhören. Damals, als wir Euch Gastrecht auf Drachenstein gewährten, ist, gewiß ohne Eure Absicht, das Museum eingestürzt“, begann sie die Schilderung des Niedergangs bis hin zur Belagerung durch die Gläubiger. „Und so sind wir nun als bescheidene Gäste zu Euch gekommen, um Eure großherzige Hilfe zu erbitten.“

Noch einmal lachte der Drache, wenn auch leiser als zuvor. „Ich glaube, mich an einen anderen Gang der Dinge erinnern zu können, schöne Dame. War ich nicht unter Eurem Turm gefangen, und war es nicht großzügig genug, Euer Heim nicht niederzubrennen?“

Seine Sicht der Ereignisse war nicht von der Hand zu weisen. Annabella glaubte, ein bitteres Lächeln im starren Gesicht des Drachen zu erkennen. Was sollte sie jetzt entgegnen?

„Wir waren es nicht, die Euch ins Fundament gemauert hatten. Es ist Jahrhunderte her, und wir sind so unschuldige Opfer wie Ihr“, meldete sich Amadeus wieder zu Wort.

Die Augen des Drachen verengten sich zu bedrohlichen Schlitzen. Seine Flügel raschelten, als er sich bewegte und näher kam. Annabella seufzte leise. Warum konnte Amadeus nicht wenigstens den Mund halten, wenn er schon nichts Vernünftiges zu sagen hatte? Er hätte es wenigstens geschickter formulieren können.

„Oh richtig, ich vergaß.“ Die Stimme des Ungeheuers war voller Spott. „Ihr Menschen seid es ja gewohnt, das altes Unrecht zu Recht wird. Aber wir Drachen haben einen anderen Begriff von Zeit, und ein besseres Gedächtnis.

„Aber wie dem auch sei, ich werde Eure armseligen Leben auch jetzt verschonen. Ich habe Verwendung für Euch, wie Ihr damals für mich. Dann sind wir wirklich quitt. Ihr tragt eine Laute, freches Blechmännlein und Ihr könnt gewiß auch singen. Ihr werdet bei mir bleiben und für meine Unterhaltung sorgen. Um Eure Schulden braucht ihr Euch nicht mehr zu kümmern.“

Der Ritter war außer sich vor Wut. Er zog sein Schwert und trat dem Drachen entgegen. „Hüte deine Zunge, du elender Wurm! Ein Ritter von Drachenstein wird niemals Sklave sein!“

„Nun gut. Es steht Euch frei, mein Angebot auszuschlagen.“ Der Drache atmete tief ein.

„Nein!“schrie Annabella. Sie hatte sich ein Stück von Amadeus entfernt und ihren Bogen gespannt. „Wenn Ihr ihn tötet, habt Ihr diesen Pfeil im Auge!“ Ihre Stimme zitterte, aber die Waffe blieb fest auf ihr Ziel gerichtet.

Das Ungeheuer wandte sich ihr langsam zu. „Und wie, wenn ich erst dich röste?“

Sie spürte seinen heißen Atem und wußte, daß sie keine Chance hatte. Ihr Geschoß würde noch in der Luft verglühen. Trotzdem hielt sie den Bogen fest. In verzweifeltem Zorn beschloß sie, nicht aufzugeben. Auch Amadeus ließ sein Schwert nicht sinken. Wenn ihre Mission auch ein Fehlschlag war, würden sie wenigstens würdevoll sterben.

Trotz aller Mühe gelang es ihnen nicht, in diesem Gedanken Trost zu finden.

„Wahrhaftig, Ihr gefallt mir, schöne Dame! Und auch Ihr, Ritter!“ sagte die Donnerstimme des Ungeheuers indes anerkennend. „Wenn ich an Euch Menschen etwas schätze, dann ist es Mut. Schade, daß er meist mit Dummheit gepaart ist. Geht, ich schenke Euch die Freiheit.“

Zögernd standen sie da und starrten den Drachen an. Amadeus erinnerte sich an ein Kaninchen, daß er einmal nach langer Jagd hatte laufen lassen, weil es sogar versucht hatte, ihn zu beißen. Nun waren die Rollen umgekehrt.

„Verschwindet, bevor ich es mir anders überlege!“

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