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Eine Drachengeschichte

Noch lange klang das Gelächter der Lindwurms in ihren Ohren nach. Enttäuscht, erleichtert und überwältigt vom Erlebten machten sie sich auf den langen Heimweg. Es war eine seltsame Mischung der Gefühle. Zwar war es ihnen nicht gelungen, Drachenstein zu retten, aber sie waren dem majestätischsten aller Wesen begegnet, hatten sogar mit ihm gesprochen, und sie hatten überlebt.

Als sie eine Woche später die Burg erblickten, wehte noch immer das Banner mit dem geflügelten Drachen über den Dächern. Martha und Horatio, hungrig und übernächtigt, begrüßten die Heimkehrer voller Hoffnung und Erwartung. Es war schmerzlich, die beiden treuen Diener enttäuschen zu müssen. Am nächsten Tag, so beschloß Amadeus, würde er Drachenstein übergeben.

Niemand sah den Drachen kommen. Er schwebte dicht über die Wälder, und erst dicht hinter der Burg stieg er hinauf, um auf der der Spitze des Turmes zu landen. Vom Lager der Feinde aus wirkte es, als wüchse er direkt aus dem Mauerwerk, als sei das Drachenbanner plötzlich zum Leben erwacht. Er funkelte in der Sonne, als er langsam den Kopf drehte und die Umgebung musterte. Stücke von Zinnen und Brustwehr stürzten hinab in den Hof, wo sich die Burgbewohner versammelt hatten und nach oben schauten. Niemand sprach ein Wort.

Bei den Belagerern herrschte wilde Aufregung. Die Hunde bellten. Alle starrten hoch zur Burg, wo plötzlich dieses seltsame Tier aufgetaucht war. Keiner von ihnen wußte, was das zu bedeuten hatte, aber es störte den geordneten Ablauf des Feldzuges. Auf wessen Seite stand das Ungeheuer überhaupt?

Der Drache hob sein Haupt und spie eine donnernde Flammensäule in den Himmel. Dann breite er sein gewaltigen Schwingen aus und erhob sich in die Luft. Elegant, majestätisch, und doch rasend schnell glitt er hinab über die Mauern der Burg, über die Wälder, und auf das Heerlager zu.

Panik brach aus. Menschen und Pferde rannten durcheinander, rissen die Zelte um, trampelten übereinander und stießen sich zur Seite, um als erste das Weite zu suchen. Schreie gellten, und die Gläubiger wähnten ihr letztes Stündlein geschlagen. Wieder und wieder schoß das Ungeheuer über sie hinweg und wirbelte sie mit dem Wind seines Flügelschlages hilflos umher. Sie sahen in seinen weit geöffneten Rachen, erblickten die Zähne und warteten auf die tödliche Glut. Alle liefen um ihr Leben.

Es dauerte nicht lange, und auch der letzte der Belagerer hatte sich im Wald versteckt. Noch einmal raste der Drache über das verwaiste Lager, und nun spuckte er eine gewaltige Flamme. Die Feuerwand wirbelte vor ihm her, hüllte ihn ein und blieb schließlich hinter ihm zurück. Alles brennbare hatte Feuer gefangen, die Zelte, die Sturmböcke und die Holzvorräte, nichts blieb verschont.

Und mit ihnen verbrannten die Schuldscheine und Hypotheken, die Zahlungsaufforderungen, die Schuldverschreibungen und Belege. Die Drachensteiner standen auf der Mauer und jubelten. Sie waren gerettet.

Der Drache drehte noch eine letzte Runde um die Burg, dann glitt er hoch über den Wäldern gen Osten davon. Annabella und Amadeus sahen ihm mit Tränen in den Augen nach. Immer kleiner schien er zu werden, und bald war das riesige Wesen kaum noch von einem fernen Vogel zu unterscheiden. Dann war er am Horizont verschwunden, und alle glaubten, die Geschichte sei zu Ende.

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