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Catalinas Hoffnung

Auch Jaume stand zeitig auf, packte einen Brotfladen und eine Flasche Wasser ein und ging los. Erst langsam erwachten die Geräusche des Tages, und noch war die Luft angenehm kühl. Als er die Landstraße verlassen hatte und der Wald die Sicht auf das Dorf verdeckte, schien es ihm, als habe er damit seine Welt verlassen. Er war unterwegs, um sich mit einem Gespenst zu treffen. Für einen Moment erwog Jaume sogar, das alles nur geträumt zu haben. Was würde dort oben geschehen? Welche von beiden war, falls überhaupt eine, real, Frau oder Katze? Er mußte sich zwingen, nicht auf immer neue Spekulationen zu verfallen.

Der Aufstieg war länger und beschwerlicher, als Jaume ihn in Erinnerung hatte. Das weglose Buschwerk verwehrte ihm immer wieder den Durchlaß, und er mußte sich neue Pfade suchen. Inzwischen war es brütend heiß geworden, und das betäubende, monotone Zirpen der Zikaden erfüllte wieder die Luft. Jaume war versucht, eine Pause zu machen, aber seine ungeduldige Neugier ließ das nicht zu.

Es war die Katze, die ihn erwartete. Sie maunzte und erhob sich, als er, vom langen Weg durstig und ermüdet, die kleine Lichtung auf dem Gipfel betrat. Jaume wischte sich die Schweißperlen vom Gesicht und wollte sich auf den runden Stein setzen, aber die Katze sprang ihm in den Weg und fauchte ihn wütend an. Erst als er sich auf dem Boden niederlies, war sie zufrieden. Geduldig wartete sie in respektvollem Abstand, bis Jaume sich erholt hatte und aufstand.

Die Katze umrundete die Felskugel und blieb dahinter stehen. Langsam materialisierte sich die durchscheinende Gestalt der Frau über ihr in der Luft. Sie hob die Arme und streckte sie Jaume entgegen, doch als dieser nach ihnen greifen wollte, faßte er ins Leere. Sie war nur ein körperloses Bild. Enttäuscht ließ der junge Mann die Hände sinken. Doch die Erscheinung schüttelte kaum merklich den Kopf und wiederholte ihre Geste. Über den Stein hinweg versuchte Jaume ein zweites Mal, sie zu berühren, und diesmal glaubte er ein leichtes Kribbeln zu vernehmen, als ihre Fingerspitzen einander durchdrangen. Es schien Jaume, als ob sie plötzlich weniger transparent wurde, und je mehr er sie ansah, ihr Gesicht zu studieren versuchte, desto dichter wurde es. Sie lächelte ihn an und nickte. Ihr Mund formten einen stummen Laut, als ob sie spräche. Jaume versuchte, von ihren Lippen zu lesen, aber es gelang ihm nicht. Immer wieder formte sie das Wort nach, und er lauschte angespannt in das Rauschen des sanften Windes. Dann war ihm endlich, als ob er etwas vernommen hatte. War es in seinen Ohren oder in seinem Kopf? Er sprach es nach, und die Stimme in seinem Inneren fuhr fort. Jaume verstand nicht, was er da sagte, er gab einfach nur wieder, was ihm souffliert wurde. Es kostete ihn Kraft, sich darauf zu konzentrieren, und er spürte eine wachsende Müdigkeit in seinen Gliedern. Es schien, als ströme seine Energie durch seine Finger in das körperlose Trugbild vor ihm. Er konnte seinen Blick nicht von ihr lösen. Dann stieß die Katze einen langgezogenen Schrei aus, und das Gespenst verblaßte und löste sich auf. Jaume erschrak. Das Tier war größer als zuvor, und es wuchs weiter. Seine Pfoten streckten sich und wurden zu Händen. Das Fell verschwand, rosige Haut kam zum Vorschein. Ein Krampf lief durch den Körper, als er sich langsam zu verformen begann, und sie krümmte sich zusammen. Die Katze verwandelte sich in eine Frau! Die spitzen Ohren zogen sich zwischen ihr nun langes, dichtes Haar zurück. Dann hob sie den Kopf, und Jaume blickte in das Gesicht des Mädchens. Sie hatte noch immer Katzenaugen.

Catalina wich vor Jaumes entsetztem Blick zurück. War ihre Verwandlung abgeschlossen? Zumindest war das allgegenwärtige Kribbeln verschwunden. Neugierig betrachtete sie ihren menschlichen Körper. Sie hatte Hände, richtige Finger! Zum ersten Mal seit Jahrhunderten konnte sie wieder greifen und tasten. Voller Faszination und Neugier strich sie über ihre weiche Haut und genoß das Gefühl in ihren Fingerspitzen. Catalina erschrak, als ihr auffiel, daß sie noch immer Krallen trug. Waren noch mehr Relikte ihres Katzenlebens erhalten geblieben? Sie schaute an sich herab. Brüste, Bauch, das krause, schwarze Haar in ihrem Schoß, Beine und Füße, alles war, wie es sein sollte. Erleichtert reckte sie sich, und nun spürte sie noch etwas. Catalina griff auf ihren Rücken, fuhr die Wirbelsäule hinab und fand einen Schwanz. Sie seufzte. Es hätte schlimmer kommen können. Wenn sie sich von dieser Anstrengung erholt hatte, würde sie bestimmt auch das in Ordnung bringen können. Doch als sie noch einmal auf ihre Hände blickte, hatte sie bereits normale Fingernägel. Aber Catalina fiel auch auf, daß ihre Sinne nachließen hatten. Sie sah längst nicht mehr so scharf, wie sie es als Tier vermocht hatte, und auch die Geräusche schienen nun anders, auf nicht faßbare Weise unklarer zu sein. Sie bedauerte diesen Verlust. Wie würde sie ihre Umgebung in Zukunft wahrnehmen? Vergeblich versuchte sie, sich zu erinnern.

Eine Bewegung neben ihr ließ das Mädchen zusammenzucken. Natürlich, Jaume, wie hatte sie ihn vergessen können? Er saß nun doch auf dem geweihten Stein. Catalina nahm es ihm nicht mehr übel, und die Göttin würde es gewiß auch nicht tun. Schließlich hatte er den Namen der großen Mutter gerufen, an ihrer Magie teilgehabt und im Ritual seine Energie gespendet. An diesem Platz würde sie ihm helfen, wieder zu Kräften zu kommen.

Seine Augen ruhten noch immer auf Catalina, und auch wenn sie nun nicht mehr diesen erschrockenen Ausdruck hatten, fühlte sie sich unwohl. Erst jetzt wurde ihr bewußt, daß sie unbekleidet war. Ihre Blicke trafen sich, und er wandte sich betroffen ab, als habe er ihre Gefühle gespürt.

Was sie empfand, war jedoch keine Scham über ihre Nacktheit. Die Scheu vor dem eigenen Körper hatte Catalina, falls sie sie überhaupt je verspürt hatte, zusammen mit anderen christlichen Ängsten abgelegt, als sie dem Weg ihrer Großmutter gefolgt war. Aber sie fühlte sich auf eine andere Weise nackt. Dieser Junge wußte, daß sie ein Tier gewesen war, hatte ihre Verwandlung gesehen, er kannte ihre Zauberkraft und ahnte wohl auch deren Begrenztheit. So tief durfte noch nie ein Mann in ihre Geheimnisse blicken. Zwar war sie ihm gefolgt, hatte ihn beobachtet und sogar belauscht, aber wie konnte sie je glauben, ihn zu kennen? Wie würde er reagieren?

Vorsichtig, ihres eigenen Körpers längst nicht sicher, versuchte Catalina, sich aufzurichten. Sie mußte sich abstützen, um nicht wieder hinzufallen. Dann ließ sie zögernd den Stein los und stand auf zwei Beinen.

„Ich heiße Catalina“, sagte sie langsam, je Silbe bewußt formend. Zu ihrer Überraschung gelang es ihr auf Anhieb.

Die Worte rissen Jaume aus seinen Gedanken, er fuhr herum, schaute sie einen Moment lang an, lächelte und nannte ihr seinen Namen.

„Ich weiß“, antwortete Catalina. „Hast Du Kleider für mich?“

Daran schien er noch nicht gedacht zu haben. Verwirrt sah er sich einen Augenblick lang um, dann zog er kurzerhand sein Hemd aus und reichte es ihr. „Ich hole dir etwas. Warte hier, lauf bitte nicht weg!“ Mit diesen Worten sprang er auf und eilte den Berg hinunter.

Catalina blieb gedankenverloren auf dem Gipfel zurück. Manchmal, wenn der Wind für kurze Zeit ein wenig auffrischte, fröstelte sie. Es war seltsam, kein Fell mehr zu haben. Auch ihre Größe war merkwürdig. Auf nur zwei Beinen so hoch über dem Boden zu stehen, das war wenig vertrauenerweckend. Die spitzen Steine stachen schmerzhaft in ihre Fußsohlen. Sie wußte, sie würde sich daran gewöhnen, aber ihr kamen plötzlich Zweifel am Sinn dessen, was sie getan hatte. Was waren die wenigen Jahre ihrer menschlichen Existenz gegen die Jahrhunderte, die sie als Tier in den Wäldern verbracht hatte? Dort war sie zu Hause, dort kannte sie sich aus, konnte sie jagen und für sich selbst sorgen. Wie sollte sie unter den Menschen leben, in der Enge eines Dorfs mit all seinen Intrigen, Problemen und Kleinlichkeiten? Was war sie wirklich, so fragte sich Catalina nun. Eine Frau, sich in eine Katze verwandelt hatte, oder eine Katze, die nur als Mensch geboren worden war? Hatte sie einen Fehler gemacht?

Nein, sie hatte sich einen Traum erfüllt. Catalina verbot sich, weiter daran zu zweifeln. Dies war eine neue Zeit, die es zu erkunden galt. Die Scheiterhaufen der Inquisition waren eine ferne Vergangenheit, man jagte keine Hexen mehr. Statt dessen taten die Menschen Dinge, die selbst ihre Magie nicht vollbringen konnte. Vielleicht brach mit fliegenden Maschinen und pferdelosen Wagen das goldene Zeitalter an. Ungeduldig erwartete sie Jaumes Rückkehr.

Er kam kurz vor Sonnenuntergang, und er hatte tatsächlich Kleidung für sie dabei. Es waren ein dunkelgrauer Wollrock, ein grobes, helles Hemd und ein schwarzes Kopftuch, die wichtigsten Teile von eben dem, was die Frauen hier nun üblicherweise trugen. Nur an Schuhe hatte Jaume nicht gedacht. Von der Wäscheleine seiner Schwester habe er die Sachen in einem unbeobachteten Augenblick entwendet, so erklärte er schmunzelnd. Aber diese möge Katzen. Catalina lachte lauthals über diese Bemerkung, und das Eis zwischen ihnen war gebrochen.

Catalina zog die Sachen an, und zu ihrer Zufriedenheit paßten sie recht gut. Es war ungewohnt, Kleider zu tragen, und der Stoff juckte auf ihrer Haut. Sie schwitzte, die Sachen schienen ihr unbequem und einengend. Wozu trugen die Menschen so etwas? Doch Catalina war froh, unter dem Rock ihren noch immer nicht verschwundenen Schwanz zu verbergen.

Es war längst zu spät, um in der Dämmerung noch den langen Abstieg zu beginnen. Die beiden teilten sich das wenige, was Jaume an Wasser und Brot dabei hatte. Catalina schlang ihren Teil gierig hinunter, und erst als ihr Blick auf Jaume fiel, der noch immer gemächlich kaute, fiel ihr ein, daß sie sich nun menschlich benehmen mußte. Jaume schluckte den letzten Bissen herunter und sah die junge Frau für einen Moment schweigend an.

„Wer war es, der dich verflucht hat?“ fragte er dann verlegen.

Catalina schaute ihn verständnislos an.

„Ich meine, wer hat diesen Zauber über dich verhängt?“ Er zögerte. „Oder hätte ich nicht...“

Ihr Lachen unterbrach seine Entschuldigung. Sie warf den Kopf in den Nacken und versuchte mühsam, ihr Kichern zu unterdrücken. Eigentlich hätte sie es sich denken können, daß er es so interpretieren würde. Aber was sollte sie dem naiven Jungen jetzt antworten? 'Rodrigo Fuentes de Alvarado', war sie versucht zu sagen, und in gewissem Sinne stimmte das sogar, denn das war der Name des Hexenjägers gewesen. Aber Catalina wollte sich nicht wieder hinter Heucheleien und halben Wahrheiten verstecken, nicht mehr in Kirchen zu Beten vorgeben und ihre Fähigkeiten und ihren Glauben verleugnen. Sie hatte ein neues Menschenleben begonnen, und sie durfte es nicht mit einer Lüge beginnen, gleich wie er reagieren würde.

„Ich war es selbst.“

Ihr Gegenüber schien nicht zu verstehen.

„Ich habe mich selbst verwandelt, um dem Inquisitor zu entkommen“, erklärte sie, um dann bitter hinzuzufügen: „Mutter und Großmutter hatten kein Glück. Er hat sie verbrannt.“

Jaume starrte sie stumm an. Das Mondlicht malte harte, verzerrende Schatten auf sein Gesicht, aber Catalina konnte erkennen, daß er erschrocken und verwirrt aussah. Er hatte begriffen, daß sie eine Hexe war. Was mochte er nun denken? Ob er schon bereute, sie erlöst zu haben? Lehrte die Kirche doch noch den alten Unsinn von teuflischer Zauberei, vom Hexensabbat und den verlorenen Seelen? Aber Jaume ging nicht zur Messe, das wußte sie.

„Glaubst Du, ich bin böse? Denkt ihr das noch immer, nach all den Jahrhunderten?“

Sie erhielt keine Antwort. Also ja. Catalina war enttäuscht. Sie hatte es sich nicht vorstellen können. Schließlich loderten schon so lange keine Scheiterhaufen mehr.

„Du irrst dich, ihr irrt euch alle“, stellte sie trotzig fest. „Euren Satan gibt es nicht, und eure Priester wissen nichts von der Magie, gar nichts.“ Um sich nicht in Rage zu reden, hielt sie einen Moment inne, bevor sie zu erklären begann: „Meine Kraft kommt von der großen Mutter, die alles gibt und alles nimmt. „ Alle Zauberei sei nur ein Teil der Natur, so erläuterte sie Jaume eindringlich, und genau wie diese weder gut noch schlecht. Erst die Kirche habe das alles mißverstanden, weil sie die Frauen verachtete und den gehörnten Gefährten der Göttin mit ihrem Teufel verwechselt habe. „Aber die Mutter ist real“, schloß Catalina ihre Rede, „und Du selbst mußt doch ihre Gegenwart gespürt haben, als Du ihren Namen gerufen hast. Dies hier ist ihr Heiligtum.“

Jaume blickte sich um. Zu gerne hätte sie in seinem Gesicht gelesen, in der Dunkelheit aber mußte sie warten, bis er etwas sagte.

„Ich weiß nicht, was ich denken soll“, sagte er endlich. „Vielleicht hast Du recht, aber...“ Er brach ab. „Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, aber...“ Nochmals zögerte Jaume. „Oder ist es Maria, die Du meinst? Verzeih mir, ich verstehe nichts von solchen Dingen.“ Wieder dachte er nach. „Und welches Recht hat die Kirche, über Gut und Böse zu richten, wenn sie die Faschisten unterstützt?“

Catalina verstand diese Bemerkung nicht.

Die Müdigkeit machte dem schwierigen, stockenden Gespräch bald ein Ende. Catalina war zufrieden, daß Jaume wenigstens ein Stückchen seiner Scheu gegenüber ihr, der Hexe, abgelegt hatte. Der Mond war hinter dem Horizont verschwunden, und die Sterne glitzerten eisig am Himmel. Eine Sternschnuppe huschte vorüber. 'Er soll mich verstehen', wünschte sich Catalina. Sie rollte sich wie eine Katze zusammen, aber es gelang ihr nicht einzuschlafen. Der Wind, der stetig in den Baumwipfeln rauschte, brachte kühle Luft vom Meer und ließ Catalina frieren. Hätte sie doch noch ihr Fell!. Jaume hatte es wohl bemerkt und wollte sein Hemd ausziehen und ihr reichen. Doch dann hielt er inne, rückte dicht an sie heran und legte seinen Arm schützend um sie.

Die Sonne weckte die beiden früh am Morgen. Catalina, die ein hartes Lager gewohnt war, ging es besser als Jaume, der sich zerschlagen fühlte. Hunger und Durst trieben sie zum Abstieg, und Catalina wies den Weg zu einem Bachbett, das selbst zu dieser Jahreszeit noch ein schmales Rinnsal führte. Es war seltsam, nun von oben auf das Wacholdergestrüpp hinabzuschauen, und schwer, sich hindurchzukämpfen. Ihre Beine waren von den dornigen Büschen zerstochen, und ihre Füße schmerzten, als sie ans Ziel gelangten.

Dann leitete Catalina ihren Retter hinab zur Landstraße. Er wandte sich dem Dorf zu, doch sie hielt inne und sah sich um. Was nun? Sie hatte sich bislang keine Gedanken darüber gemacht, als Katze hatte sie überall leben können.

Der junge Mann bemerkte ihr Zögern. „Wohin gehst Du jetzt?“ fragte er.

Catalina zuckte mit den Schultern.

„Komm mit mir“, sagte Jaume. „Bitte!“

Sie hatte nicht zu hoffen gewagt, daß er sie auffordern würde, und freudig ergriff sie den angebotenen Arm.

Verwachsene Olivenbäume und trockene Maisfelder säumten die Straße zur Ortschaft. Ziegen und Schafe mit zusammengebundenen Beinen weideten im spärlichen Schatten, und irgendwo bellte ein einsamer Hund. Leute arbeiteten auf den Äckern, die sich in durch Bruchsteinmauern gestützten Terrassen an den Hang schmiegten. Eidechsen huschten zur Seite, wenn die beiden Wanderer nahten. Die Fahrspur kreuzte das ausgetrocknete Flußbett mit seinem Saum aus hohem Schilfrohr. In einer Rinne daneben plätscherte Wasser aus einer Zisterne zu einem fernen Feld. Vögel tranken aus dem schmalen Rinnsal.

Ein zweirädriger, von einem Maultier gezogener Wagen kam den beiden entgegen. Der alte Mann grüßte Jaume, während er Catalina nur einen skeptischen Blick zuwarf. Als das Gefährt längst vorbeigefahren war, schaute sie sich noch einmal um und entdeckte, daß der Alte sie noch immer beobachtete. Die Menschen hatten sich offensichtlich nicht geändert.

Dann erreichten sie das Dorf Sant Josep de Llabrego. Die wenigen verwinkelten, weiß gekalkten Häuser mit den flachen Dächern waren kaum anders als vor Jahrhunderten. Nur eines hatte ein zweites Stockwerk bekommen. Noch immer war die Kirche das beherrschende Bauwerk. Wehrhaft und abweisend, Gotteshaus und Festung zugleich, stand sie im Zentrum der Ansiedlung. Nun, da Catalina wieder Mensch war, erschien sie ihr so bedrohlich wie früher. Die Hexe betrachtete für einen Moment den verhaßten Bau, bevor sie sich weiter umsah. Wie zu allen Zeiten spielten Kinder auf der staubigen Straße, und alte Frauen in schwarzen Kleidern saßen unter den schilfgedeckten Veranden, tratschten und machten Handarbeiten. Doch nun hielten sie inne, und alle Augen ruhten auf Catalina und Jaume.

Ungeachtet der allgemeinen Neugier strebte Jaume, und mit ihm Catalina, dem Haus seiner Familie zu. Durch die offene Tür traten sie in die angenehme Kühle des Wohnraums. Ein Tisch, Stühle und eine Truhe waren die einzigen Möbel. Hinzu kamen eine steinerne Bank und ein in die weiße Wand eingelassenes Regal. Aus der Küche drang das Klappern von Töpfen.

Jaume rief seine Mutter, und diese kam eilends herbei. Obgleich sie noch nicht alt war, trug sie das Schwarz einer Witwe. Die kräftige, grauhaarige Frau wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und stürzte sich auf Jaume, der ihrer Umarmung vergeblich zu entgehen suchte.

„Wo bist Du gewesen, Junge? Wir haben uns solche Sorgen gemacht!“ Der Vorwurf in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Jaume befreite sich mühsam. „Ich kann sehr wohl auf mich selber aufpassen“, stellte er trotzig fest. Dann reckte er sich zu voller Größe empor und sagte mit der Autorität des Familienvorstandes: „Mama, das ist Catalina. Sie wird bei uns wohnen.“

„Warum?“ Die Mutter, die Catalina bislang nicht beachtet hatte, funkelte die junge Frau wütend an. „Und weshalb trägt sie Rebeccas Rock?“

Die mühsam aufrecht erhaltene Sicherheit Jaumes schmolz dahin. Catalina sei vor den faschistischen Rebellen, die ihre Familie ermordet hätten, nachts und im Schlafhemd aus ihrem Elternhaus geflohen. Über eine Woche wäre sie so durch die Berge geirrt, bis er sie gefunden habe, so erklärte er, um dann nochmals mit aller Bestimmtheit festzustellen, daß sie bis auf weiteres bei ihnen leben werde.

Der Blick der Witwe wanderte von ihrem Sohn zu Catalina, und sie musterte das fremde Mädchen eindringlich. Gespannte Minuten vergingen. Dann lächelte sie bitter. „Nun gut, wir werden sehen. Aber im Dorf werden wir sie besser als eine Verwandte ausgeben.“

Catalina konnte nicht entscheiden, ob sie es war, die der Prüfung standgehalten hatte, oder ob das Wort 'Faschisten' die Lage zu ihren Gunsten entschieden hatte. Die Frau war bei der Nennung dieses Namens kaum merklich zusammengezuckt. Sobald sie mit Jaume alleine war, fragte sie, was es bedeutete.

Mit Schrecken hörte Catalina so zum ersten Mal von dem Bürgerkrieg, der schon seit zwei Jahren das Land spaltete, von den rücksichtslosen aufständischen Generälen und ihren zersplitterten, immer weiter zurückweichenden Gegnern, und von der Angst der Leute hier im Osten, daß ihnen mit ihrer Selbständigkeit auch ihre eigene Sprache genommen werden sollte. Die Hexe verstand nicht viel von Jaumes Bericht. Seit ihrer Jugend hatte sich mehr verändert, als sie für möglich gehalten hatte. Kein König regierte mehr das Land, kein Lehnsherr bestimmte, was die Bauern tun und lassen sollten. Es könnte idyllisch sein, und doch kämpften die Menschen um die Macht. Alles erschien Catalina abstrakt und fern, sie hatte bei ihren weiten Streifzügen keine Kämpfe gesehen und keine Soldaten. Das Dorf und die Umgebung, alles war wie immer, und bestimmt würde es immer so bleiben.

Rebeccas Rückkehr unterbrach Jaumes Erklärungen. Sofort erkannte sie, daß es ihre Kleider waren, die Catalina trug, und nur mühsam konnte der Bruder ihr die selbe Geschichte wie der Mutter erzählen. Er schloß mit der Feststellung, daß sie vorerst bei ihnen leben werde. Die jüngere Schwester zog die Augenbrauen hoch, und ihr Blick wanderte von Jaume zu Catalina und zurück. Dann lächelte sie wissend, trat auf die andere zu und umarmte sie herzlich.

„Willkommen“, sagte sie. „Du wirst die Sachen enger machen müssen. Hast Du Unterwäsche?“

Catalina war die unerwartete Berührung unangenehm. Sobald sie konnte, verabschiedete sie sich höflich, aber bestimmt und verließ das Haus. Jaume, der ihr folgen wollte, wies sie zurück. Sie wollte alleine sein, fern von den Menschen und unter freiem Himmel.

Ihr Weg führte sie aus dem Dorf auf die Straße zum Meer. Erst als die Häuser hinter der ersten Wegbiegung verschwunden waren, verlangsamte Catalina ihre Schritte. Sie hatte das Gefühl, plötzlich die Kontrolle über ihr Leben verloren zu haben. Gestern noch war sie frei und ungebunden gewesen, und nun mußte sie sich den Gewohnheiten der Menschen anpassen, Kleider tragen, in einem Haus wohnen und Rücksichten auf andere nehmen. Und wieder mußte sie mit einer Lüge leben, ihr wahres Ich verbergen. Am schlimmsten aber war, daß sich all dies so plötzlich ihrem Einfluß entzogen hatte. Sie war Jaume in sein Dorf gefolgt, weil es der beste Weg zu sein schien, ihre Erkundung der veränderten Welt zu beginnen, und nicht zuletzt, weil sie ihn mochte. Und dann wohnte sie auf einmal in seinem Haus, hatte eine erfundene Lebensgeschichte und gehörte fast schon zur Familie. Er hatte sie nicht einmal gefragt! Wut wallte für einen Augenblick in Catalina auf und verrauchte so schnell, wie sie gekommen war. Sie mochte Jaume, und sie konnte und wollte ihm nicht böse sein.

Diese Feststellung überraschte Catalina. Da war mehr als Dankbarkeit. Warum geriet das erst jetzt in ihr Bewußtsein?

Jaume gehörte ins Dorf, nur dort würde sie in seiner Nähe sein. Und wenn sie im Dorf leben wollte, mußte sie sich einfügen. Sie war nun ein Mensch, sie konnte nicht mehr alleine in den Wäldern leben.

Catalina blieb stehen und sah sich um. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, daß sie kaum auf den Weg geachtet hatte. Die gewundene Straße hatte sie bergab geführt, und der Wind trug bereits das Rauschen der Wellen zu ihren Ohren. Das Tal war eng, mit steilen, felsigen Hängen. Als Katze hätte sie keine Schwierigkeiten gehabt, sich dort fortzubewegen, doch nun war ihr der Zugang verwehrt. Könnte sie überhaupt noch jagen, oder würde sie in diesem ungelenken menschlichen Körper alle Beute verjagen, bevor sie selbst sie zu Gesicht bekäme? Catalina hatte sich weiter von ihrem bisherigen Leben entfernt, als sie es geahnt hatte.

Zwei Fischer, lautstark miteinander diskutierend, kamen ihr auf einem Eselskarren entgegen, grüßten die Frau, machten eine Bemerkung über das Wetter und fuhren weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. Kaum waren ihre Stimmen verklungen, da hörte Catalina schon den nächsten Passanten kommen. Würde sie hier nie wieder alleine sein können? Kurzentschlossen versteckte sich Catalina zwischen den Büschen am Straßenrand und wartete, bis die alte Frau vorübergegangen war.

Ein Stück weiter, so erinnerte sich die Hexe, führte ein schmaler, kaum benutzter Pfad hinauf auf die Klippen. Sie fand ihn, obwohl er schmaler als erwartet war. Die Perspektive hatte sie getäuscht. Vorsichtig, um nicht über Wurzeln und Felsen zu stolpern, folgte sie der Spur zwischen dornigen Sträuchern und alten Bäumen hindurch immer weiter bergauf, bis der Wald endlich unvermittelt abbrach. Eine frische Brise zerzauste Catalinas Haar und kühlte ihre Haut. Tief unten tosten die Wellen gegen die Steilküste, Mauersegler glitten in waghalsigem Flug an ihr vorbei, und die Rufe der Möwen erfüllten die Luft.

Catalina suchte sich einen geeigneten großen Stein und setzte sich. Etwas drückte, sie stand auf, um den Platz zu wechseln, da merkte sie, daß es ihr eigener Schwanz war. Das Mädchen seufzte. Er war also noch immer da, sie würde etwas dagegen unternehmen müssen, doch das hatte Zeit. Hier spielte es keine Rolle mehr, was sie war. Sie zog sich aus, breitete den Rock auf den Boden und legte sich nackt in den Wind. Eine unvorsichtige Eidechse wagte sich zu nahe heran, und ohne nachzudenken, griff Catalina blitzschnell zu. Sie zögerte nur einen Moment, bevor sie das zappelnde Tier in den Mund steckte.

Es war längst dunkel, als sie das Dorf erreichte. Jaumes Familie hatte sich bereits Sorgen gemacht, und Catalina nickte pflichtbewußt zu den Vorwürfen über ihre Unvorsichtigkeit. Es war ihr klar, daß sie sich daran würde gewöhnen müssen, wenn sie sich einen Rest ihrer Freiheit erhalten wollte.

Man hatte ihr ein Bett in Rebeccas Kammer gestellt. Catalina zögerte, sich auszuziehen. Ungeachtet der Frozeleien der jüngeren Frau wartete sie mit vorgeschobener Schamhaftigkeit, bis die Kerze gelöscht war. Zusammengerollt wie eine Katze schlief sie ein, und ihre Träume führten sie auf die Jagd in die Wälder.

Als Catalina erwachte, blickte sie sich erschrocken um. Wo war sie? Abwehrbereit wollte sie ihre Krallen ausfahren und aufspringen, da erinnerte sie sich. Sie war ein Mensch und dies war ihr Bett. Ihre Kleider hingen über einem Stuhl in der Ecke, und nebenan schlief noch immer Rebecca. Alles war nur ein Traum gewesen. Doch wo hatte er angefangen? War sie wirklich ein Tier gewesen? Wieviel Zeit war vergangen? Jahrhunderte? Oder träumte sie noch immer? Die Grenzen verschwammen, und es dauerte eine Weile, bis Catalina ihre Gedanken geordnet hatte.

Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch das kleine Fenster, und Catalina entschloß sich, die Stille des Morgens zu genießen. Lautlos stand sie auf, reckte sich ausgiebig und wurde sich dabei wieder ihres Schwanzes bewußt. Schlank und unbehaart setzte er ihr Rückrat fort, wo es im Steiß hätte enden sollen. Sie rollte und streckte ihn, spielte mit jedem Muskel, und plötzlich wußte sie, daß sie ihn behalten würde. Er war kein Überbleibsel, er war ein Teil ihrer selbst.

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