Catalinas Hoffnung
Nach dem kargen Frühstück begann die Arbeit. So selbstverständlich, wie es von ihr erwartet wurde, nahm Catalina an den Verrichtungen der Familie teil und half Rebecca auf dem Feld. Lieber hätte sie Jaume begleitet, der wieder in die Berge aufsteigen mußte. Aber eine junge Frau und ein Mann alleine im Wald, das war hier im Dorf unmöglich.
Catalina machte sich schweigend ans Werk. Die Tätigkeiten waren die selben wie jene, die sie vor Jahrhunderten erlernt hatte, und wo etwas anders geworden war, machte die Hexe nach, was Rebecca tat. Anfangs waren ihre Bewegungen noch ein wenig ungeschickt, aber sie gewöhnte sich schnell an ihren veränderten Körper. Sie blieb in ihre Gedanken versunken, stellte keine Fragen und erzählte nichts.
„Wie gefällt es dir hier?“ fragte Rebecca schließlich, um Catalina aus der Reserve zu locken.
Doch die Antwort blieb ein einsilbiges „Gut“, und auch die nächstem Anläufe von Jaumes Schwester, ein Gespräch zu eröffnen, scheiterten auf diese Weise. Bald übernahm Rebecca selbst die gesamte Unterhaltung, erzählte Klatsch aus dem Dorf und Geschichten aus der Umgebung. Als sie schließlich bemerkte, daß Catalina sich immer weiter von ihr entfernte, brach sie mitten im Satz ab.
„Möchtest Du nicht reden? Ich hatte gedacht, Du brauchst Ablenkung“, entschuldigte sie sich.
Catalina blickte von den Unkräutern, die sie gerade hatte rupfen wollen, auf und strich die Haare aus dem Gesicht. „Nein“, sagte sie erleichtert, „ich brauche Zeit zum Nachdenken.“ Warum, so fragte sie sich, mußten Menschen nur den ganzen Tag sprechen?
Doch nun blieb Rebecca tatsächlich ruhig, und die Zeit schien plötzlich langsamer zu verstreichen. Voller Sehnsucht blickte Catalina hinauf zu den Bergen und Wäldern. Wie lange würde sie diese eintönige Arbeit ertragen können? Die Hitze nahm von Stunde zu Stunde zu, und als sie unerträglich zu werden begann, gab die Jüngere das Zeichen, aufzuhören. Sie ließen alles liegen und gingen zurück zum Haus, um dort die Siesta zu verbringen. Auf halbem Weg kamen die beiden an einer noch halb gefüllten Regenwasserzisterne neben einem Stall vorbei. Libellen schaukelten über den Wasserpflanzen, und ein einsam quakender Frosch tauchte erschrocken ab, als die beiden passierten.
Das Mädchchen packte Catalina am Arm und hielt sie zurück. „Komm, laß uns baden!“
Seufzend mußte diese ablehnen. Auch als Katze hatte sie solche Abkühlung zu schätzen gewußt. Schade, daß sie sich nicht vor der anderen ausziehen konnte. Sie setzte sich auf den Rand des Beckens, streckte die Füße ins Naß und sah Rebecca zu, wie sie sich übermütig ins kühle Wasser stürzte.
Rebecca war gerade wieder ins Trockene geklettert, als eine junge Frau vorbeiging. Sie grüßte und forderte die andere auf, sich zu ihnen zu gesellen, aber sie erhielt nur eine knappe, ablehnenden Antwort.
„Das war Andrea. Ihr geht es auch nicht gut“, erklärte Rebecca später. „Sie ist schwanger, und der Vater will sie nicht heiraten.“
Catalina blickte Andrea nach. Noch war dieser nichts anzumerken. „Möchte sie das Kind denn?“
„Wo denkst Du hin? Wie könnte sie, ohne Mann?“
Die Hexe dachte nur kurz nach. „Ich glaube, ich kann ihr helfen.“
Die Aussicht, sich mit ihren Künsten nützlich machen zu können, verlieh ihr neue Energie. Sie opferte ihre Siesta, um nach geeigneten Pflanzen zu suchen, und auch am Abend ging sie in den Wald, um einen Vorrat an wirksamen Blättern und Wurzeln anzulegen. Wußte sie noch genug über diese Dinge? Ja, sie war sich sicher, nichts vergessen zu haben. Die erneute Rüge wegen ihres späten Heimkommens nahm sie kaum zur Kenntnis, und erst, als sie eine spezielle Mischung aus den Kräutern zusammengestellt hatte, wandte sie sich Jaume zu.
Sie gingen in den Garten hinter dem Haus. Alle anderen schliefen bereits, das Dorf war dunkel. Catalina setzte sich auf eine Mauer, und Jaume nahm nach kurzem Zögern in gehörigem Abstand neben ihr Platz. Schweigend betrachteten sie die Sterne und lauschten den Geräuschen der Nacht. Catalinas dunkle Augen funkelten im Mondlicht, und sie lächelte. Jaume wollte etwas sagen, doch er wagte nicht, die Stille zu stören. Statt dessen ergriff er ihre Hand, und sie wehrte sich nicht.
Am nächsten Morgen drückte die Hexe Rebecca ein Schälchen mit den am Vortag gepflückten Blättern in die Hand. „Gib das Andrea“, sagte sie lapidar. „Wenn sie kein Kind bekommen möchte, soll sie daraus mit einer Tasse Wasser einen Tee kochen und am Abend trinken.“
Rebecca sah sie fassungslos an. „Wie meinst Du das?“
„Sie wird das Kind noch in der Nacht verlieren. Weißt Du einen besseren Weg?“
Rebecca schüttelte den Kopf.
Sie gingen zusammen ins Feld, und heute kam Jaume mit ihnen. Catalina war glücklich, bei ihm zu sein. Über die letzte Nacht verloren sie kein Wort, aber Catalina vermeinte noch immer, die Wärme seiner Finger in den ihren zu spüren. Er hatte sie gehalten, bis sie beide von der Müdigkeit überwältigt worden waren, und ihr war klar geworden, was sie für ihn empfand. Nun suchte sie seine Nähe, und die Arbeit schien dort leichter vonstatten zu gehen.
Die Mittagszeit verbrachten sie alleine im Schatten eines Olivenbaums, während Rebecca ihre Freundin Andrea aufsuchte. Catalina nutzte die Gelegenheit, legte ihr Brot beiseite und rückte näher zu Jaume. Sie sah ihm tief in die Augen, und er erwiderte ihren Blick.
Dann sagte sie endlich: „Ich liebe Dich, Jaume.“
Seine Fingerspitzen berührten sanft ihre Wangen, und ein wohliger Schauer durchlief Catalinas Körper. Sie streckte sich wie eine Katze, spürte jeden ihrer Muskeln, und ihr Schwanz bewegte sich unter ihrem Rock.
„Du hast ihn noch immer!“ bemerkte Jaume erschrocken.
„Ja.“ Sie schaute ihn bestimmt an. „Und er ist ein Teil von mir.“
Jaume zögerte kurz, dann streckte er schüchtern die Hand aus, fuhr mit den Fingerspitzen leicht über ihren Rücken bis hinab zu ihrem Schweif. „Ja, das ist er.“
Catalina war glücklich.
Die Rückkehr der Schwester beendete die Zweisamkeit. Die beiden ließen sich nichts anmerken und beendeten ihr Tagwerk, als sei nichts geschehen. Erst am Abend fanden sie wieder Zeit, beieinander im Garten zu sitzen, bis eine Bewegung an Rebeccas Fenster sie zum Rückzug bewog.
Wie hatte sie bezweifeln können, die richtige Zeit für ihre Rückverwandlung gewählt zu haben? Zufrieden rollte sich Catalina im Bett zusammen. Die Göttin meinte es gut mit ihr.
Andrea sei krank geworden, erzählte Rebecca beiläufig, nachdem sie mit einem Eimer Wasser von ihrem allmorgendlichen Gang zum Dorfbrunnen zurückgekehrt war. Nur die Hexe verstand den wahren Sinn dieser Bemerkung, doch sie sagte nichts dazu.
Nach dem Frühstück machten sich die drei auf den Weg. Jaume verließ sie an der Abzweigung, die hinauf zu Großmutters Feldern führte, und die Frauen wandten sich den Tomatenpflanzungen im Tal zu. Hier hatte die Ernte begonnen.
„Sag mal, was war eigentlich in dem Tee für Andrea?“ fragte Rebecca, während sie die reifen Früchte abpflückte und in ihren Korb legte.
„Kräuter“, war Catalinas ausweichende Antwort. Als sie den finsteren Blick der anderen bemerkte, setzte sie nach: „Efeu, Flechten und einiges mehr. Ein altes Rezept.“
„Keine Sorge, ich brauche es nicht.“ Rebeccas Enttäuschung war unüberhörbar.
„Nein, ich meine doch nur... Ich möchte Dich nicht kränken.“ Catalina sah die jüngere Frau betrübt an. „Es ist gefährlich, damit zu spielen, wenn man nicht genau Bescheid weiß.“
„Woher hast Du es gelernt?“ Der Mißmut in ihrer Stimme war bereits verflogen.
„Von meiner Großmutter. Aber es ist ein viel älteres Rezept.“
Rebeccas Neugier war nicht mehr zu bremsen. „Und kennst Du noch mehr solche Mittel? Weißt Du auch Heilkräuter, oder sogar Gifte?“
Catalina seufzte leise. „Ein paar“, versuchte sie zu beschwichtigen. „Aber nichts besonderes. Großmutter wußte viel, doch sie ist zu früh gestorben, um mir alles beizubringen.“
Schließlich gab Rebecca auf. Immerhin hatte sie noch erfahren, daß Catalina auch Rezepturen zur Empfängnisverhütung beherrschte. Ihr Respekt vor der neuen Freundin wuchs, aber sie wurde ihr auch ein wenig unheimlich.
Es war noch nicht ganz Mittag, als die beiden Jaume aufgeregt herbeieilen sahen. Sie ließen ihre Arbeit liegen und liefen ihm entgegen.
„Sie haben die alte Hütte besetzt!“ rief er, noch bevor er sie erreicht hatte. „Sie plündern die Felder!“ Atemlos blieb er vor den Frauen stehen und berichtete dann, daß er oben in den Bergen schon von weitem Stimmen gehört und sich vorsichtig angeschlichen hatte. Es waren Männer gewesen, die auf dem Acker der Familie Kartoffeln ausgruben, und aus der Fahne, die sie auf das Dach des Stall gepflanzt hatten, schloß Jaume, daß sie zur Anarchistischen Föderation gehörten. Sicher hatten sie auf ihrem Rückzug vor den Feinden Zuflucht dort in den Wäldern gesucht. Der Krieg kam näher! Mit diesen Worten schloß Jaume und rannte ins Dorf weiter.
„Werden wir sie vertreiben?“ war Catalinas erste Frage an Rebecca, als Jaume hinter der Wegbiegung verschwunden war.
„Herr im Himmel, nein!“ Rebecca war sichtlich verblüfft über diesen absurden Vorschlag. „Sie sind bewaffnet!“
Die Hexe erinnerte sich an die modernen Waffen, die sie früher schon hin und wieder in der Hand von Jägern gesehen hatte. Hatten sie solche Gewehre, oder gab es schlimmeres, das Catalina nicht kannte? Ob sie mit Magie etwas dagegen ausrichten konnte? Jaume hatte nicht einmal zu sagen vermocht, wie viele es waren.
„Außerdem“, unterbrach Rebecca nachdenklich diese Überlegungen, „stehen die Anarchisten auf der Seite der Republik. Man sollte ihnen vielleicht sogar helfen. Obwohl sie gottlos sind.“
Catalina widerstand der Versuchung, die letzte Bemerkung zu kommentieren. Statt dessen bat sie Jaumes Schwester, ihr mehr über die streitenden Parteien zu erzählen.
„Deine Heimat muß wirklich ziemlich abgelegen sein“, stelle Rebecca verwundert fest, aber während die beiden weiter ernteten, erklärte sie bereitwillig und so gut sie selbst es wußte alles, was Catalina wissen wollte. Außer den aufständischen Generals, die versuchten, die Macht an sich zu reißen, gab es die republikanische Armee, die für die rechtmäßige Regierung kämpfte, und an deren Seite die Freiwilligen der Volksfront, die Internationalen Brigaden, die Anarchisten und andere. Gemeinsam, so Rebecca, war diesen nur, daß die Republik ihnen lieber war als die Faschisten. Hier auf dem Land allerdings, schloß Rebecca mit trotzigem Unterton, wolle man mit all dem nur in Ruhe gelassen werden.
Catalina glaubte, nun mehr verstanden zu haben als nach Jaumes hastiger Einführung einige Tage zuvor. Allerdings hatte er die Dinge weniger einfach gesehen als seine Schwester. Vielleicht würde sie ihn noch einmal fragen müssen. Aber daß ihre Sympathie den Anarchisten galt, das wußte sie schon jetzt.
„Brauchst Du etwa jemanden, der über Dich herrscht?“ entgegnete sie auf Rebeccas Widerspruch. „Ich kann sehr gut ohne Herrscher leben, ganz gleich, wie er sich nennt.“
Die Stimmung im Haus war gedrückt. Als Catalina beim Tischgebet wie jedesmal nur schweigend die Hände faltete, um still an die Göttin zu denken, wies die Mutter sie zurecht. Sie könne in diesen Zeiten ruhig ihren Teil beitragen, um den Segen des Herrn zu erbitten. Jaume verteidigte sie vehement, und für den Rest der Mahlzeit herrschte betretenes Schweigen.
Später im Garten nahm Catalina Jaumes Hand. „Danke“, sagte sie.
„Woran glaubst Du?“ fragte Jaume nachdenklich.
„Ich habe es Dir schon gesagt. Die Große Mutter ist meine Hirtin. Aber da ist auch ihr Gefährte, und es gibt noch weitere Götter. Vielleicht ist Eurer einer davon.“
Jaume erwiderte nichts. Ihre Antwort bedrückte ihn. Doch bestimmt lebte auch sie unter dem Schutz des Allmächtigen. Wie hätte sie sonst nach so langer Zeit erlöst werden können? Ob die Göttin in Wirklichkeit die Jungfrau Maria war?
Jaume schreckte auf. „Komm, laß uns ein wenig laufen“, wiederholte Catalina ihre Aufforderung. Sie hatte sich über das Mäuerchen geschwungen und zog ihn mit sich. Zögernd folgte er ihr. Es war nicht schicklich, ja geradezu skandalös, wenn ein Mädchen nachts alleine mit einem Mann unterwegs war. Er sah sich um, aber niemand war zu entdecken. Sie gingen in den Olivenhain hinter dem Dorf, spazierten eine Weile Arm in Arm, und setzten sich dann auf einen Holzstapel. Lange sprach keiner von beiden ein Wort. Eine Eule rief in der Nähe ihren immer wiederkehrenden einzelnen Ton, und Heuschrecken zirpten im Geäst.
Hatte er je zuvor so empfunden? Jaume blickte Catalina verlegen aus den Augenwinkeln an. Das Mondlicht ließ ihre Haare wie einen Strahlenkranz schimmern. Nein. Zwar hatte er sich hin und wieder in eines der Dorfmädchen verliebt, doch auf Distanz, nie hatte er seine Gefühle gezeigt oder war einer Frau so nahe gewesen. Alle anderen schienen zu einer fernen Vergangenheit zu gehören. Verliebt, mehr nicht. Diesmal aber war es ganz anders.
Catalina legte ihren Kopf auf seine Schulter. „Ich liebe Dich“, sagte sie, und dann gab sie Jaume einen leidenschaftlichen Kuß. „Ich begehre Dich.“
Der junge Mann befreite sich aus ihrer Umarmung. „Nein, es ist zu früh.“ Es drängte ihn, ihr nachzugeben, aber statt dessen stand er auf.
Gemeinsam, Hand in Hand, gingen sie zurück.
Obwohl sie bereits einige Tage im Dorf lebte, hatte Catalina noch keinen Kontakt zu den anderen Frauen gesucht. Sie wußte, daß sie als Neue längst Gesprächsthema war, und wollte ihnen keinen neuen Stoff für ihren Klatsch bieten. Jaumes Familie waren für Catalina mehr Menschen als genug. Um so mehr überraschte es sie, als sie bei der Feldarbeit angesprochen wurde.
Eine junge Frau mit zu zwei dicken Zöpfen geflochtenem dunkelblondem Haar kam vom Nachbaracker herüber und nahm Catalina beiseite. Sie stellte sich als Isabella vor.
„Du mußt die Neue sein“, begann die junge Frau das Gespräch. „Woher kommst Du?“
Die Hexe seufzte innerlich und erzählte in wenigen Sätzen die vereinbarte Geschichte. Sie wäre eine entfernte Verwandte Jaumes, habe ihre Eltern verloren und könne noch nicht darüber reden.
„Gefällt es Dir hier?“ fragte Isabella weiter.
Catalina nickte. Warum sprachen Menschen immerzu, wenn sie sich doch nichts zu sagen hatten? Aber andererseits war sie nicht unglücklich darüber, von der monotonen und anstrengenden Arbeit abgelenkt zu werden, und folgte Isabellas Geplapper.
Doch dann sah diese sich kurz um, und als sie sicher war, daß niemand in Hörweite war, kam sie mit gedämpfter Stimme auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen. „Andrea hat mir von den Kräutern erzählt, die Du ihr gegeben hast. Sind sie auch gut, um...“ Sie stockte und fingerte an ihrem Rock herum. „... um, ich meine, bevor es geschehen ist?“
Es fiel Catalina schwer, nicht lauthals zu lachen. Statt dessen schüttelte sie den Kopf.
„Gibt es vielleicht etwas anderes, das...“
Die Hexe nickte. Ob Isabella jemals direkt fragen würde? Sie wartete. Doch das Mädchen blickte sie nur verlegen an und trat von einem Fuß auf den anderen. Schließlich erbarmte Catalina sich ihrer. „Komm in ein paar Tagen wieder, ich werde sehen, was ich tun kann.“
Mit rotem Kopf eilte Isabella zu ihrer eigenen Arbeit zurück, und Catalina blickte ihr amüsiert nach.
Am nächsten Morgen, es war Sonntag, teilte Catalina den anderen mit, daß sie beschlossen habe, Heilkräuter sammeln zu gehen. Den Protest der Mutter, sie solle wenigstens bis nach dem Kirchgang warten, ließ sie ebensowenig gelten wie den Einwand der beiden anderen, daß es zu gefährlich sei, zu diesen Zeiten alleine in den Wald zu spazieren.
„Du solltest mich besser kennen“, rügte sie Jaume, als sie sich verabschiedete. Unauffällig strich sie über seine Hand und drückte sie kurz.
Catalina folgte nur ein kurzes Stück weit der Straße, dann trat sie auf einen schmalen Pfad, der die Berge hinauf führte. Es versprach, ein heißer Tag zu werden, und schon jetzt war es im Schatten des Waldes angenehmer als in der Sonne. Aber noch zwitscherten überall die Vögel, Schmetterlinge gaukelten durch die Luft, und hier und da glitzerte noch der Tau auf den Blättern. Fast übermütig rannte Catalina den steinigen Weg entlang. Sie war überglücklich, wieder hier in der Natur zu sein. Schade, daß sie all dies nicht mit Jaume teilen konnte.
Ihr Beutel füllte sich rasch mit den verschiedensten Kräutern, nach anderen aber suchte sie vergeblich. Ob sie im Sommer überhaupt Glück haben würde? Einige brauchte sie unbedingt für jene Rezeptur, die sie für Isabella zubereiten wollte, aber sie wollte sich auch einen Vorrat für alle Fälle anlegen. Für manches würde sie wohl weiter in die Berge aufsteigen müssen. Ja, das würde sie tun, und bei dieser Gelegenheit konnte sie sich die Anarchisten ansehen! Catalina wechselte die Richtung und kämpfte sich quer durch das Unterholz, bis sie auf den richtigen Pfad stieß.
Bald passierte sie die Stelle, an der sie Jaume zum ersten Mal begegnet war. Jaume! Er hatte sie nicht gesehen, obwohl er so dicht an ihr vorübergegangen war. Wenn er jetzt bei ihr wäre, würde sie nicht so schweigsam sein wie im Dorf. Es gab hier so viel, das sie mit ihm zu erzählen hätte. Wie konnte sie je an ihrer Entscheidung zweifeln, wieder Mensch zu werden? Das Leben als Frau war zwar beschwerlicher, aber ihre Liebe wog alles wieder auf.
Catalina vergaß völlig, noch nach Kräutern zu suchen, so sehr war sie in diese Gedanken versunken. Erst ein Geräusch schreckte sie wieder auf. Jemand ging durch den Wald! Lautlos und schnell versteckte sie sich im Gebüsch. Zwischen den Stämmen hindurch erspähte Catalina einen Mann, der in die selbe Richtung wie sie lief. Vorsichtig schlich sie näher. Mit ihrer Erfahrung als Katze bereitete es ihr kaum Mühe, sich schneller als er und doch ohne Geräusche zu bewegen. Nur einmal, als sie an einem dornigen Ast hängenblieb und ihr Hemd zerriß, fluchte sie innerlich über diesen ungelenken, großen Körper. Bald hatte sie ihn fast eingeholt, und sie erkannte, daß er ein Gewehr trug. Ein ständiges Rascheln begleitete seine Schritte, das Brechen von Zweigen und das Knirschen der Steine unter seinen Schuhen. Sein Weg führte, wie die Frau erwartet hatte, zu den Feldern von Jaumes Familie. Kurz vor der Lichtung rief er etwas, das Catalina nicht richtig verstand. Es mußte die Sprache aus dem Landesinneren sein. Hieß es 'Sieg der Republik'? Eine Stimme hinter einem Felsen antwortete. 'Kannst passieren' sollte das wohl bedeuten. Keiner der beiden bemerkte die Frau.
Am Waldrand blieb Catalina zurück und beobachtete das Treiben auf dem Acker. Zwei Männer mit über die Schulter gehängten Flinten gruben mit wenig Geschick Kartoffeln aus, ein anderer bewässerte eins der Gemüsebeete. Die Hexe war erstaunt. Sie hatte in ihrem langen Leben viele Soldaten gesehen, und sie alle hätten die Ernte nach der Plünderung niedergebrannt. Auch trugen diese hier keine Uniformen. Es war wirklich eine seltsame Truppe. Catalina wollte sich schon zurückziehen, als ein älterer Herr mit ergrautem Haar aus dem Haus trat. Die anderen unterbrachen ihre Arbeit, als er sich ihnen näherte.
„Wie geht es Rodrigo?“ fragte einer der jüngeren in Catalinas Sprache.
Der Grauhaarige schüttelte den Kopf. „Wenn wir keine Medizin bekommen, stirbt er bald.“
Die Hexe zögerte und blickte auf den Beutel mit den Kräutern. Sollte sie helfen? Oder war es zu riskant, sich zu offenbaren? Diese Leute schienen trotz ihrer Waffen gutmütig zu sein, aber sie konnte sich täuschen. Doch schließlich gab die Möglichkeit, einen Sterbenden retten zu können, dem Ausschlag. Sie konnte nicht anders handeln. Entschlossen trat Catalina aus der Deckung.
Man bemerkte sie erst, als sie schon die halbe Strecke zu der Gruppe zurückgelegt hatte. Einer der Männer fuhr erschrocken auf, packte sein Gewehr und richtete es auf Catalina. „Halt!“
Reglos blieb sie stehen. Für einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, die Flinte in seinen Händen explodieren zu lassen. Aber der Alte kam ihr zuvor. Er ergriff den Lauf und drückte ihn nach unten.
„Miquel, was soll das?“ wies er seinen Kameraden zurecht. „Sieht so die Faschistenarmee aus?“ Dann wandte er sich an Catalina. „Verzeihen Sie diesem Heißsporn. Was kann ich für Sie tun?“
„Sind Sie hier der Hauptmann?“ Ihre Stimme klang nach diesem Schreck gereizt.
„Hauptmann?“ Er spuckte bei diesem Wort aus. „So etwas haben wir nicht, wir sind freie Menschen.“ Dann setzte er freundlicher nach: „Mein Name ist Josep Garcia. Ich bin hier der Arzt.“
„Ich habe gehört, daß sie einen Kranken haben. Hier sind Kräuter, vielleicht kann ich ihm helfen.“
Es war nicht leicht, den Mediziner davon zu überzeugen, es sie auf diese Weise versuchen zu lassen. Erst mit dem Argument, daß ihm selbst die benötigten Medikamente fehlten, ließ er sich schließlich überreden. Catalina mußte dabei verlegen zugeben, daß sie gelauscht hatte. Mit grimmigem Gesicht führte Doktor Garcia sie zu dem Kranken, nicht ohne zuvor einige geflüsterte Worte mit den anderen zu wechseln. „Weckt mir diese Schlafmütze Pere auf. Wozu haben wir eigentlich Wachposten?“ zischte er wütend. Die Hexe, die alles verstanden hatte, lächelte.
Die Verwundung des jungen Mannes war tatsächlich schlimm. Sein durchschossenes Bein war stark geschwollen und dunkelrot angelaufen. Er bebte am ganzen Körper, und Schweißperlen standen auf seinem Gesicht. Catalina tupfte seine Stirn trocken und legte ihre linke Hand darauf. Mit der Rechten bedeckte sie behutsam seine Wunde. Sie schloß die Augen und konzentrierte sich. 'Du wirst ruhig', dachte sie, 'die Schmerzen lassen nach und Du wirst ruhig, ganz ruhig schlafen'. Die Hexe spürte die Kraft durch ihre Finger fließen, und der Patient hörte auf zu zittern. Seine fieberglänzenden Augen schlossen sich.
„Ich brauche kochendes Wasser“, befahl Catalina und durchsuchte ihren Kräutervorrat. Sie nahm einige Blätter heraus, zerdrückte sie zwischen den Fingern und legte sie auf die eiternde Verletzung. Aus anderen Pflanzen bereitete sie einen Sud, den sie dem Kranken tropfenweise einflößte. „Es wird ihm bald besser gehen“, stellte sie mit überzeugender Stimme fest.
Doktor Garcia hatte die ganze Zeit über schweigend zugesehen. „Erstaunlich“, war das einzige, was er zu sagen wußte.
Catalina packte ihre Sachen zusammen und stand auf. „Ich muß weiter. Aber ich werde morgen wiederkommen“, verabschiedete sie sich.
Der Arzt sah ihr stumm nach, als sie die Hütte verließ, aber draußen stellte sich ihr ein kräftiger, ebenfalls bewaffneter Mann in den Weg. „Es tut mir leid“, beteuerte er mit einer Stimme, die seinen Worten zu widersprechen schien, „aber Sie müssen hierbleiben. Sie würden uns sonst verraten.“
Zornig trat die Hexe einen Schritt zurück und musterte den Posten mit kaltem Blick. Es würde ihr keine Schwierigkeiten machen, ihn aus ihrem Weg zu räumen, auch wenn es ihr widerstrebte, einen Menschen zu verletzen. Doch da waren auch seine Kameraden mit ihren Gewehren. Richtig, es war Krieg, und nun verstand Catalina die Befürchtung dieser Leute. „Jeder im Dorf weiß, daß ihr hier seid“, erklärte sie freundlich, wenn auch nicht wahrheitsgemäß.
Allgemeines Erstaunen schlug ihr entgegen. Inzwischen hatte fast die ganze Truppe die unbekannte Frau voll Neugier umringt, und alle fragten und redeten durcheinander. Da nur wenige ihre Sprache benutzten, verstand Catalina nicht viel. Die einen wollten ihr nicht glauben, andere forderten den Aufbruch oder plädierten dagegen. Josep Garcia war es, der schließlich Ordnung in die Diskussion brachte. Er fragte Catalina, was sie wisse, wer noch und woher. Dann fragte er, ob Faschisten oder andere Truppen in der Nähe wären.
Catalina gab ihm bereitwillig Auskunft und erfuhr im Gegenzug, daß diese fünfzehn Mann starke Gruppe der Anarchistischen Föderation nach einem mißglückten Partisanenüberfall auf einen Militärtransport mit knapper Not entkommen war und nun aus diesem neuen Versteck den Vormarsch der Feinde aufhalten wollte. Sie kämpften, so erklärte der Doktor schließlich voller Eifer, für die Unabhängigkeit und Freiheit aller Menschen von Unterdrückung und Bevormundung, und verteidige nun die Regierung, um noch Schlimmeres zu verhindern.
Catalina war von dem, was sie über die Ideale der Anarchisten hörte, recht angetan. Auch wenn die politischen Hintergründe für sie im Dunkeln blieben, traf das, woran sie glaubten, doch sehr ihre eigenen Gefühle.
„Ich kann euch helfen“, bot sie kurz entschlossen an. „Niemand kennt sich hier besser aus als ich.“
Ihr Vorschlag war schnell angenommen. Der Doktor schrieb eilig eine Nachricht und bat Catalina, sie dem Dorfschullehrer Antoni im nächsten Ort zukommen zu lassen. Mit dem Versprechen, am nächsten Tag wieder nach dem Kranken zu sehen, verabschiedete sich die Hexe.
Vergnügt verschwand Catalina im Wald, und bald hatte sie die Felder und die Männer weit hinter sich gelassen. Sie war dabei, das Gefängnis des dörflichen Alltags, in das sie so unversehens geraten war, hinter sich zu lassen. Voller Übermut hätte sie am liebsten sogar ihre Kleider von sich geworfen. Doch das gönnte sie sich erst nach getaner Arbeit. Mit wohlgefülltem Kräutersack ruhte Catalina auf einem Felsen aus und genoß die angenehme Wärme der langsam sinkenden Sonne. Sie sehnte sich danach, wieder im Freien, unter vom Wind bewegten Zweigen und Sternen zu schlafen. Nur Jaume war es, der sie zurück ins Dorf zog. So machte sie sich schließlich mit gemischten Gefühlen an den Abstieg. Es dämmerte schon, als sie die Straße erreichte.
Zu Catalinas Überraschung kam Jaume ihr entgegen. „Ich wollte schon nach Dir suchen“, empfing er sie und wehrte den Versuch einer Umarmung ab. „Nicht hier, jeder kann uns sehen. Wir hatten Angst, Du könntest den Anarchisten begegnet sein.“
„Das bin ich“, entgegnete sie und erzählte eilig, was sie erlebt hatte. „Hier ist ein Brief, Du mußt ihn zu Schulmeister Antoni bringen!“
Der junge Mann schreckte zurück, als sie ihm das Papier entgegenstreckte. „Bist Du von Sinnen, wie kannst Du dich da einmischen? Es ist Krieg!“
„Eben deshalb müssen wir ihnen helfen. Oder willst Du tatenlos zuschauen, wenn die Faschisten kommen?“
Catalina ließ sich nicht beirren, und ehe sie daß Dorf erreichten, hatte sie ihren Liebsten überzeugt. Es sei das erste und letzte Mal, stellte er kategorisch fest. Dann nahm er das klapprige Fahrrad, seinen kostbarsten Besitz, aus der Scheune und brach in die mondhelle Nacht auf.
Jaumes Mutter tobte. Nichts als Schwierigkeiten, so wetterte sie wild gestikulierend, habe Catalina ins Haus gebracht, sie benehme sich ungehörig, gehe nicht zur Kirche und bringe die ganze Familie in Verruf. Man habe sie nachts im Feld spazieren gesehen, kein anständiges Mädchen täte so etwas, und nun zöge sie ihren Sohn in Schwierigkeiten. Die Tirade nahm kein Ende, bis Rebecca sich einmischte. „Mutter, es reicht“, sagte sie und führte Catalina in ihr Zimmer.
„Es ist nicht gut, was Du da tust“, rügte sie die Hexe mit leiser, nachdenklicher Stimme. „Oder zumindest nicht, wie Du es tust. Wir sind nicht in der Stadt, begreifst Du? Woher kommst Du, daß Du das nicht verstehst?“
Schon wollte Catalina zur Gegenrede ansetzen, aber dann besann sie sich anders und nickte einfach nur. Niemand würde sie hier so akzeptieren, wie sie war. Sie legte sich aufs Bett, schloß die Augen und wartete auf Jaume.
Mitternacht war vergangen, als dieser aufgeregt heimkehrte. Er hatte einen Brief für Doktor Garcia bei sich und warf ihn verärgert auf den Tisch. „Es gibt schlechte Nachrichten“, verkündete er. „Sie sollen schon bis nach Sant Viçens vorgedrungen sein. Sie haben den Bürgermeister erschossen und einen von ihren Leuten eingesetzt. Ich muß morgen früh in die Berge, die anderen zu warnen.“
Die Proteste seiner Mutter nutzten nichts, sie brachten ihn nur noch mehr in Rage. Jaume pochte auf seine Rolle als Oberhaupt der Familie und ließ sich nicht beirren. Wer frei bleiben wolle, müsse etwas dafür tun, und er habe sich entschlossen, seinem Land zu helfen, so erklärte er schließlich, und er werde kämpfen. Der junge Mann erschrak selbst bei diesen Worten, die ihm zuvor nie in den Sinn gekommen waren. Eigentlich hatte er sich nur zu diesem Botengang bereit erklärt. Catalina lächelte ihm aufmunternd zu.
„Das liegt alles nur an ihr!“ Die Worte der Frau waren voll hilfloser Wut.
Catalina wandte sich schweigend ab. Am liebsten wäre sie in den Wald gelaufen, doch sie wollte es für Jaume nicht noch komplizierter machen. „Das reicht, Mutter! Du verstehst gar nichts“, hörte sie ihn noch sagen, als sie die Kammertür hinter sich schloß. Wie lange würde sie noch hier leben können? Sollte sich so wenig geändert haben in all den Jahrhunderten?
Hätte sie nur nicht versprochen, am Morgen wieder nach dem Kranken zu sehen, dann könnte sie im Feld arbeiten und warten, bis der Zorn der Witwe sich legen würde. Konnte sie vielleicht Jaume Anweisungen geben, was er tun sollte? Ja, das würde sie tun. Catalina holte die gesammelten Kräuter hervor und breitete alle, die für die Behandlung in Frage kamen, vor sich auf dem Bett aus. Dann schloß sie die Augen und versuchte, alle störenden Gedanken aus ihrem Geist zu verbannen. 'Große Göttin, hilf mir', murmelte sie kaum hörbar. Sie konzentrierte sich auf den Verletzten in den Bergen. Es wäre leichter gewesen, wenn sie einige Haare oder einen persönlichen Gegenstand von ihm gehabt hätte, aber es mußte auch so funktionieren. Ihre Hand wanderte langsam über die Pflanzen, und sie spürte, wie die Kraft floß. Die hier sollte es sein, und jene. Vier Heilpflanzen suchte die Hexe auf diese Weise blind aus, bevor sie ihre Wahl begutachtete. Nur eine war leicht fiebersenkend, die anderen förderten lediglich die Heilung. Es mußte ihm also besser gehen, sie würde nicht selbst hinaufsteigen müssen.
Erst jetzt bemerkte Catalina, daß Rebecca eingetreten war und ihr stumm zugesehen hatte. „Verzeih ihr bitte“, sagte die junge Frau. „Mutter meint es nicht so, wie es klingt.“
Catalina blickte sie zweifelnd an. „Wirklich nicht? Ich kann nicht anders sein, als ich bin. Warum läßt man mich nicht?“ Sie begann, eine Mischung für Isabella zusammenzustellen.
Rebecca antwortete lange nichts. „Ich weiß es nicht“, meinte sie endlich.
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