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Catalinas Hoffnung

Als Jaume früh am nächsten Morgen aufbrach, blickte Catalina ihm lange nach. Sie wünschte sich, mit ihm zu gehen, und blieb doch seinetwegen hier. Ihre ganze Situation war widersinnig.

Auch bei der Feldarbeit blieb sie in diese Grübeleien versunken. Nur Isabellas Besuch unterbrach für kurze Zeit die Eintönigkeit des Vormittages. Dankbar nahm diese den verhütenden Tee entgegen, und sie errötete und ergriff schnell die Flucht, als Catalina ihr augenzwinkernd „viel Vergnügen“ wünschte. War Isabella eigentlich verheiratet? Sie würde Rebecca fragen. Doch Catalina fand keinen rechten Ansatzpunkt, um mit Jaumes Schwester über die Dinge zu reden, die sie bewegten. Sie scheute sich, ihre Unwissenheit einzugestehen und erklären zu müssen.

In der größten Mittagshitze begaben sich die Frauen zurück ins Dorf, in die angenehme Kühle der dickwandigen Häuser. Catalina ging noch einmal zum Brunnen, um einen Eimer Trinkwasser zu holen, und dieser Weg führte an der Kirche vorbei. Wie immer machte sie einen Bogen um das wuchtige, kastenförmige Gebäude mit dem kleinen Türmchen über den weißen, fast fensterlosen Wänden. Damals, als hier das Urteil über Catalinas Mutter und Großmutter gesprochen worden war, hatte nur der Vorbau mit seinen Rundbögen gefehlt. Sie erinnerte sich, wie groß in den ersten Jahren danach die Versuchung gewesen war, das Gotteshaus niederzubrennen. Doch als die Katze Catalina endlich ihre Magie wiedererlangt hatte, war ihr Zorn einer Gleichgültigkeit den Menschen gegenüber gewichen.

Sie stellte ihren Eimer neben dem Brunnen ab. Zwei Frauen kamen hinzu und beobachten Catalina, während sie leise miteinander tuschelten. Die Hexe wandte sich verständnislos und gleichgültig ab. Sollten die Dorfweiber doch ihren Spaß haben. Catalina ließ das Seil mit dem Schöpfeimer zum zweiten Mal in den tiefen Schacht hinab, als sie Schritte hinter sich vernahm. Sie sah nicht auf.

„Der Herr sei mit Dir, meine Tochter“, hörte sie eine tiefe Stimme sagen und fuhr erschrocken herum. „Mir sind Dinge zu Ohren gekommen...“ Sie erkannte die schwarze Gestalt des Pfarrers. Erinnerungen und Wut wallten in Catalina auf, und ohne nachzudenken fauchte sie ihn an wie eine Katze. Der hagere Mann wich zurück, gab seine Rede auf und bekreuzigte sich. Dann drehte er sich um und eilte dem Schutz seiner Kirche entgegen. Catalina starrte ihm wie in Trance nach.

Das Aufklatschen des Eimers unten im Wasser holte sie in die Gegenwart zurück. Hexenjagd und Flucht, all das war lang vergangen. Unsicher, mit heftig klopfendem Herzen sah Catalina sich um. Die beiden Frauen starrten sie stumm an. Die Hexe wandte den Blick ab, griff nach dem Seil und zog es wieder hoch.

Was mochte dem Priester wohl zu Ohren gekommen sein? Doch das war eigentlich nicht mehr von Bedeutung. Catalina wußte jetzt, daß sie hier nicht noch einmal leben konnte. Die Jahre in der Wildnis hatten sie zu sehr geprägt. Sie würde einen anderen Weg suchen.

Jetzt schleppte sie ihren Wassereimer noch einmal zurück zum Haus von Jaumes Familie. Wortlos aß sie mit den anderen und ging danach zur Arbeit ins Feld. Sie tat all dies mit dem Bewußtsein, das es das letzte Mal sein würde. Am Abend wollte sie mit Jaume sprechen. Er mußte sie verstehen.

Während Catalina schweigend arbeitete, ging eine Flut ständig wechselnder Bilder durch ihren Kopf. Sie sah sich als junges Mädchen auf dem Acker und in der Küche bei ihrer Mutter, dann mit Großmama auf dem heiligen Berg, sie erinnerte sich an die Ankunft des Inquisitors, die Flucht und die Verwandlung. Ihr Leben als Katze zog vorbei, und die Begegnung mit Jaume. Der dritte Abschnitt, so wurde der Hexe auf einmal bewußt, der begann erst jetzt. Das Dorf war nur ein Zwischenspiel gewesen.

Diese Nachdenklichkeit entging Rebecca nicht. „Was bedrückt Dich?“ fragte sie. „Ist es wegen gestern abend, wegen Mama?

Catalina sah überrascht auf. „Nein.“ Bedrückt? Eigentlich sollte sie fröhlich sein. „Ich glaube, mir geht es besser, als es den Anschein hat“, sagte sie lächelnd.

Die Jüngere war kaum erstaunt. „Jaume?“

Catalinas unwillkürliches Nicken bestätigte Rebeccas Vermutung.

„Willst Du ihn heiraten?“

Diese Frage traf die Hexe völlig unvorbereitet. Sie hätte nicht gezögert zu sagen, daß sie ihre Zukunft mit ihm teilen wollte. Aber heiraten? Das bedeutete Kirche und war somit undenkbar. Catalina hielt es für besser, nicht zu antworten.

Jaume war bester Dinge, als er sich auf den Heimweg machte. Er hatte die Botschaft überbracht und lange mit den Besetzern der Familienfelder geredet. Man war übereingekommen, daß die Kämpfer der Anarchistischen Föderation vorerst dort bleiben und als Gegenleistung für die Ernte Hütte und Äcker in Ordnung halten würden. Einige der Männer waren selbst Bauern, und Jaume zweifelte nicht daran, daß alles in guten Händen lag.

Doktor Garcia hatte den Brief des Schulmeisters laut vorgelesen, und Jaume teilte nun die daraus gewonnene Zuversicht. Soldaten der Republik seien von Süden her in Anmarsch, und sie würden die Faschisten aufhalten, lange bevor diese Sant Josep erreichen konnten. Eine Gruppe der Internationalen Brigaden sollte die Anarchisten verstärken und mit ihnen Sant Viçens befreien. Bereitwillig stellte Jaume sich weiterhin als Kurier zur Verfügung. Wie hatte er so lange tatenlos abwarten können, während der Krieg über die Zukunft seiner Heimat entschied?

Spät am Nachmittag kam er zurück ins Dorf. Voller Ungeduld, Catalina wiederzusehen, spannte Jaume den Esel vor den Karren und trieb ihn ins Feld. Rebecca bedrängte den Bruder sogleich mit Fragen nach dem Erlebten, als sie zu dritt die geernteten Früchte aufluden. Er seufzte und antwortete ihr knapp, während seine Gedanken bei der Frau waren, die er liebte. Warum waren Schwestern immer so lästig? 'Das ist Männersache', hätte er beinahe gesagt, aber das stimmte nicht mehr. Seit er Catalina kannte, waren diese Maßstäbe verschwommen. Männersache? Catalina gehörte nicht zu der Welt des Dorfes, in dem er bisher gelebt hatte, für sie hatten diese Begriffe keine Gültigkeit. Sie war anders, und er wollte alles mit ihr teilen. Doch während Catalina still blieb, gab Rebecca nicht auf, und Jaume begann endlich doch zu berichten.

Die Nacht brach herein, als die Arbeit endlich getan war. Wagen und Ernte waren in der Scheune, der Esel stand im Stall, und Jaume wollte zum Essen in die Stube gehen. Aber Catalina hielt ihn zurück. „Ich muß Dir etwa sagen“, eröffnete sie bedeutungsvoll. „Ich werde Euer Haus verlassen.“

Jaume verstand nicht recht. Er blickte sie fassungslos an.

„Du weißt, ich kann hier nicht bleiben“, fuhr sie fort und erklärte ihren Entschluß. Sie hatte sich bereits eine neue Bleibe ausgesucht, eine Höhle im Wald unweit des Dorfes.

Er war schockiert. „Catalina, das kannst Du nicht tun!“ Verzweifelt suchte Jaume nach den richtigen Worten. „Eine junge Frau kann doch nicht...“

Die Hexe ließ ihn nicht ausreden. „Ich kann sehr wohl. Erstens bin ich keine junge Frau, und zweitens schere ich mich einen Teufelsdreck um das, was das Dorf darüber denkt.“ Sie schnaubte wütend und fuhr dann ruhiger fort: „Ihr Menschen verbringt Eure mickrigen Jahre damit, übereinander zu reden. Früher einmal war ich genauso, aber ich habe genug von Euch kommen und vergehen gesehen, um zu begreifen, wie unwichtig das alles ist. Ich will die Zeit leben, die mir jetzt noch bleibt, und dazu brauche ich das Dorf nicht. Jaume, vergiß ein einziges Mal die Leute. Ich liebe Dich!“ Sie schlang ihre Arme um den verblüfften jungen Mann und küßte ihn auf den Mund.

Rebecca hatte der Szene ungläubig zugesehen. Sie konnte nicht begreifen, was Catalina gesagt hatte. Und wie sollte sie dort im Wald überleben? Das Mädchen folgte der Freundin ins Haus, um sie zur Vernunft zu bringen. Sie bezweifelte selbst, daß es ihr gelingen würde. Die seltsame junge Frau schien besser als jeder andere zu wissen, was sie wollte. Doch den Versuch war sie ihrem Bruder schuldig.

„Catalina!“ Es war die Mutter. In der Küche hatte sie nichts von dem mitbekommen, was draußen geschehen war. Sie stellte sich den beiden in den Weg. „Es reicht, Catalina!“ sagte sie barsch. „Du bringst Schande über die ganze Familie, und was ich heute gehört habe, ist genug. Wenn Du nicht im Guten gehst, werde ich Dich dazu zwingen, gleich was Jaume dazu sagt.“

Die Hexe sah die aufgebrachte Frau einen Augenblick lang erstaunt an, dann brach sie in Gelächter aus und ließ sie stehen. Sie ging in die Schlafkammer, nahm den Beutel mit den Kräutern und die Wäsche, die Rebecca ihr geschenkt hatte, und verließ den Hof ohne ein weiteres Wort.

Jaume eilte hinter ihr her, aber alle seine Überredungsversuche waren vergebens. Schließlich blieb er stehen und nahm Catalina in den Arm. „Ich liebe Dich auch“, versicherte er ihr. „Tu das, was gut für Dich ist, aber verlaß mich nicht.“

Sie lächelte und gab ihm einen weiteren Kuß. „Nein, gewiß nicht.“ Dann verschwand sie im Wald. Jaume blickte ratlos hinter ihr her. Was sollte daraus werden, was konnte er tun? Aber er wußte, daß er sich keine Sorgen um sie machen mußte.

Mit sicherem Schritt ging Catalina durch die Nacht. Seit sie sich an den menschlichen Körper gewöhnt hatte, fielen ihr seine Mängel kaum noch auf. Im hellen Mondlicht konnte sie auch unter den Bäumen genug sehen, um ihren Weg zu finden. War ihr doch etwas von ihren Katzensinnen erhalten geblieben? Nur einmal stolperte sie über eine übersehene Wurzel. Ein Stück weit folgte sie dem Pfad, der zum alten Piratenwachturm über der Steilküste führte, dann verließ sie die ausgetretene Spur und stieg den Hang hinauf. Sie war am Ziel.

Die Höhle, die sie sich ausgesucht hatte, lag am Fuß einer Felswand hoch über der Straße zum Meer. Als Tier hatte Catalina oft hier geschlafen, und nun stellte sie erfreut fest, daß sie auch für einen Menschen geräumig genug war. Die Erinnerung hatte sie nicht getrogen. Der Eingang war fünf Schritte breit und hoch genug, um bequem hindurchzuschreiten. Dahinter öffnete sich ein kleiner Raum mit trockenem Boden aus Erde und Fels, mit Nischen in den Wänden und Steinen, auf denen man sitzen konnte. Es war fast schon ein kleines Haus, dachte Catalina. Nur die schmale Spalte am Ende konnte sie als Frau nicht mehr passieren. Dort führte ein Gang voller Tropfsteine weiter in den Berg und verlor sich im geheimnisvollen Dunkel.

Catalina legte ihr Bündel ab. Zu Hause! Glücklich rollte sie sich in einer Ecke zusammen, gähnte herzhaft und schlief in wenigen Augenblicken ein. In ihrem Traum lief sie auf vier Beinen durch die Wälder, und ihr Geliebter war bei ihr. Sie hatten das Dorf und alle Zwänge hinter sich gelassen. Jaume war nackt. Er folgte ihr auf den heiligen Berg, kniete vor dem runden Stein nieder und begann, sich zu verwandeln. Fell sproß auf seiner Haut, seine Hände wurden zu Pfoten, und ihm wuchs ein Schwanz. Dann war er ein Kater und Catalina eine Frau. Sie rief seinen Namen und den der Göttin, wartete auf ihre eigene Verwandlung, aber die blieb aus.

Sie war erleichtert, als sie am Morgen erwachte und sich in der Höhle fand. Es war spät, die Sonne stand bereits über dem Bergen und schien durch den Eingang ihrer Unterkunft. Genüßlich streckte und räkelte sie sich und nahm sich die Zeit, langsam wach zu werden. Keine Arbeit wartete heute, sie war frei! Catalina trat hinaus und ließ die Augen über das Tal schweifen.

Der direkte Blick auf die Straße und die Felder unter ihr war von Bäumen verdeckt . Auch Sant Josep war von hier aus nicht zu sehen, es lag hinter dem gebogenen Rücken des Berges. Nur in der Ferne, fast am Meer, zeugte das bunte Mosaik der Äcker von der Anwesenheit der Menschen. Ein Boot umrundete die der Bucht vorgelagerte Halbinsel und strebte dem offenen Wasser zu. Kein Geräusch von dort unten drang durch das andauernde Zirpen der Zikaden hier hinauf. Es war einsam, und doch könnte man die Ortschaft leicht erreichen. Dies war der ideale Platz.

Catalina wollte Jaume und Rebecca aufsuchen, doch das hatte noch Zeit. Sie wußte ohnehin nicht, wo die beiden jetzt waren. Mittags würden sie unter dem großen Olivenbaum warten, dessen war sie gewiß. Der Durst war das drängendere Problem, und Catalina brach zum Bach auf. Ein Wasserbehälter war das erste, was sie sich beschaffen mußte. Gut gelaunt schritt sie durch den Wald, und als es zu warm wurde, zog sie ohne Zögern ihre Bluse aus und wickelte sie um den Bauch. Am liebsten hätte sie auch den Rock abgelegt, doch der schützte ihre Beine gegen spitze Zweige und Dornen im weglosen Unterholz. Wie lange er das wohl aushalten würde? Sie brauchte Nadel und Faden. Immer wieder fand Catalina Beeren und Nüsse, und sie benutzte ihr Tuch als Tasche. Auch Pflanzen mit eßbaren Wurzeln konnte die Hexe entdecken, aber sie nahm sich nicht die Muße, diese auszugraben. Sie mußte sich geeignetes Werkzeug besorgen.

Als sie genügend getrunken hatte, machte sich Catalina auf den Weg, um ihren Freund aufzusuchen. Sie hatte sich nicht getäuscht. Schon von weitem sah sie den Eselskarren und die zwei Gestalten im Schatten des alten Baums. Jaume sprang auf und lief ihr entgegen. Überglücklich schlossen sie sich in die Arme.

Rebecca unterbrach die wortlose Begrüßung mit ihrem Sinn fürs Praktische. „Hallo Catalina! Wir haben Dir etwas zu Essen mitgebracht.“ Sie nahm ein Bündel vom Wagen und reichte es ihr.

Zu dritt setzten sie sich unter die weit ausladenden Äste. Catalina holte ein Stück Käse aus dem Paket und biß hinein. Jaume reichte ihr einen ledernen Weinschlauch, und sie nahm einen kräftigen Schluck Rotwein. Das war genau das Gefäß, das sie brauchte. Doch sie kam nicht dazu, Jaume danach zu fragen.

„Du kannst ihn behalten“, bot er ihr an. „Was benötigst Du sonst noch?“

„Einen Kessel, Schnur, Stoff“, begann Catalina aufzuzählen. „Aber ich möchte es nicht ohne Gegenleistung.“

„Ach was, darüber können wir später reden, das hat Zeit. Schau was ich noch habe.“ Er hielt ihr ein Päckchen Streichhölzer hin.

Die Hexe lachte. „Danke, aber so etwas brauche ich nicht. Lieber ein paar Kerzen.“

„Catalina“, mischte Rebecca sich mit ernster Stimme ein, „Du willst doch nicht wirklich da draußen leben?“ Die Angesprochene nickte nur, und das Mädchen fuhr eindringlich fort: „Bist Du wegen Mutter gegangen? Bitte komm wieder, sie wird kann Dich doch nicht wirklich, ich meine, sie...“

„Sie wird“, stellte Catalina fest, „und wenn nicht jetzt, dann bald. Ich kann nicht mehr im Dorf leben, weder in Eurem noch in irgendeinem anderen.“

„Aber...“ Rebecca verstummte wieder. Die Worte ihrer merkwürdigen Freundin ließen keinen Widerspruch zu. Für eine Weile herrschte Schweigen.

„Kommt jetzt mit“, brach Catalina die Stille und stand auf. „Ich zeige Euch meine Bleibe.“

Sie gingen um das Dorf herum zu der Abzweigung, die in den Wald hinauf führte. Nur wenige neugierige Augenpaare sahen ihnen nach, die meisten Bewohner hatten sich in den Schatten ihrer Häuser zurückgezogen. Jaume und seine Schwester folgten ihrer Führerin lange schweigend über den schmalen Pfad bergauf, bis Rebecca ihre Verwunderung über die Ortskenntnisse Catalinas nicht mehr verschweigen konnte.

„Die Geschichte vom Tod Deiner Eltern und von der Flucht vor den Faschisten, sie stimmt nicht, oder?“

„Nein.“ Die Hexe blieb stehen und drehte sich zu Rebecca um. „Nein, sie ist erlogen. Vielleicht werde ich Dir eines Tages die Wahrheit erzählen.“ Dann ging sie wortlos weiter.

Rebecca spürte, daß sie nicht weiterfragen durfte, und sie unterließ es schweren Herzens. Ihr Blick fiel auf den Bruder, doch der wandte die Augen ab. Er hatte geschwiegen, bemerkte Rebecca erstaunt. Wieviel wußte er?

Kurz darauf hatten sie die Höhle erreicht, und Catalina ließ sich auf einem Felsen vor dem Eingang nieder. „Das ist mein Zuhause.“ Ihr Arm beschrieb einen weiten Bogen über die Landschaft. „Ist es hier nicht herrlich?“

Jaume schenkte der Aussicht keine Beachtung. Er suchte nach Landmarken, denn er wollte herausfinden, wo genau sie sich befanden. Die Bäume erschwerten die Orientierung, aber schließlich nickte er zufrieden. Die Grotte befände sich auf dem Besitz der Torreblancas, einer alten Adelsfamilie, die seit Generationen in der Hauptstadt wohne und sich nicht mehr für dieses Land interessiere. Catalina brauche nicht damit zu rechnen, von hier vertrieben zu werden.

„Die Torreblancas?“ Catalina schnaubte verächtlich. „Die haben sich schon damals nur für uns interessiert, wenn sie ihren Teil der Ernte abgeholt haben.“ Erschrocken über ihre Worte sah sie Rebecca an, doch die schien nichts davon gehört zu haben.

Das Mädchen hatte sich im Innern des Berges umgesehen, und auch wenn sie nichts sagte, sprach ihr Gesicht Bände. Sie konnte nicht begreifen, wie ihre Freundin hier leben wollte. Es war unvorstellbar! Trotzdem versprach sie, wiederzukommen, um Catalina einige der benötigten Dinge zu bringen.

„Sag Andrea und Isabella, sie können mich Morgens bei der alten Mühle finden“, trug die Hexe ihr auf, als sie sich verabschiedeten.

Catalina begann, sich in ihrem neuen Heim einzurichten. Für ihren Schlafplatz trug sie Piniennadeln und Laub zusammen, und sie sammelte Brennholz, das sie in einer Ecke aufschichtete. Sie räumte hier Steine weg, füllte dort ein Loch auf und verteilte die Erde zu einer ebenen Fläche. Erst wollte sie das überschüssige Geröll in den Spalt am Ende der Höhle werfen, doch dann besann sie sich anderes. Vielleicht fand sie doch noch einen Weg, dort hindurch zu gelangen. Hatte sie von dort nicht sogar einmal das Glucksen von Wasser gehört?

Prüfend besah sie sich den schmalen Durchgang. Wenn jener Felsvorsprung nicht wäre, könnte sie sogar vorbeikriechen. Mit welchem Zauber war er zu beseitigen? Catalina konnte die Form vieler Dinge verändern, aber bei Gestein hatte sie es noch nie probiert. Sie setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und schloß die Augen. 'Göttin, hilf mir', flehte sie stumm und konzentrierte sich auf den Stein. In Gedanken ließ sie ihn fließen, doch sie spürte den Widerstand. Nichts bewegte sich. 'Große Mutter, hilf mir!' Die alte Formel zum Verformen von Gegenständen kam ihr in den Sinn, und die Hexe sprach die Worte laut aus. Das Bersten von Fels schreckte sie auf. Er war unbeweglich geblieben, aber die Kraft der Magie hatte ihn gesprengt.

Als die Staubwolke sich gesetzt hatte, räumte Catalina den Schutt beiseite und zwängte sich in das Innere des Berges. Der Gang fiel leicht ab, so wie sie es in Erinnerung hatte. Er weitete sich ein wenig, und hier hingen Tropfsteine von der Decke herab. Sie ging langsam, um nicht zu stolpern. Tatsächlich konnte sie, wenn sie ganz still war, fließendes Wasser hören. Das Licht wurde immer schwächer, und schließlich nahm die Hexe den mitgebrachten Ast hoch und entzündete seine Spitze mit einer kurzen Bündelung ihres Willens. Knisternd und rußend verbrannte das noch harzige Holz und erhellte Catalinas Weg. Im flackernden Schein erreichte sie die Biegung, an der sie als Katze umgekehrt war. Aus dem hohen Spalt wurde ein niedriger Durchgang, und sie mußte sich tief bücken. Das Rauschen wurde lauter, und der Fels war hier feucht. Voller Erwartung ging sie weiter, und nach wenigen Metern stieß sie auf ein schmales Rinnsal, das aus einer Ritze in der Wand quoll, sich am Boden in einer Pfütze sammelte und dann über einen steilen Abhang in den Bauch der Erde weiterfloß. Catalina konnte das Ende der Grotte nicht ausmachen. Die tanzenden Schatten gaukelten Löcher und Gänge vor, die sogleich wieder verschwanden, und überall glitzerten Kristalle. Sie spürte, daß sie nicht weiter als nötig in dieses unterirdische Reich vordringen durfte.

Catalina dankte der Göttin und den Geistern dieses Ortes, bevor sie sich herabbeugte und nach Katzenart trank. Es schmeckte gut. Um Wasser brauchte sie sich also keine Sorgen mehr zu machen. Nun mußte sie an die Jagd denken.

Am Abend kam Jaume mit Lebensmitteln und anderen Dingen, die sie, wie er glaubte, brauchen konnte. Er staunte nicht wenig, als er Catalina ein Kaninchen über dem Feuer bratend vorfand.

„Mit einem Steinwurf“, beantwortete sie seine Frage. Das war eine Lüge, aber die Hexe scheute sich, ihrem Freund zu erklären, daß sie nicht nur Heilen, sondern auch durch Willenskraft töten konnte. Eigentlich hatte sie es erjagen wollen, doch das Tier war für ihren menschlichen Körper zu schnell gewesen. Für dieses eine Mal nur würde die Große Mutter es sicher erlauben.

Während sie sich das zarte Fleisch teilten, machte das Abendrot einem prächtigen Sternenhimmel Platz. Keine menschlichen Laute waren hier zu hören, und das leise Zirpen der Insekten unterstützte die Stille mehr, als daß es sie brach.

Jaume, der eigentlich zu Hause erwartet wurde, brachte es nicht fertig, sich von Catalina zu trennen. Obgleich er es besser wußte, hatte er das Gefühl, sie hier draußen beschützen zu müssen. Sie war ihm langsam näher gerückt, und nun berührten sich ihre Knie. Er sah sie an, und sie lächelte.

Was sollte er tun? Jaume spürte dem Drang, sie zu umarmen und zu küssen. Die Tradition, sein Gefühl für Anstand verboten es ihm. Doch was bedeutete all das jetzt noch? Im Dorf war es schon undenkbar, daß er hier alleine mit ihr saß. Jedes Mädchen wäre entehrt gewesen. Aber Catalina hatte sich gegen diese Moral entschieden, und auch Jaume begann zu erkennen, wie zweifelhaft sie war. Trotzdem, er liebte diese Frau, und er wollte sie eines Tages heiraten, wenn das irgendwie möglich war. Und gerade deshalb wagte er nicht, sich ihr noch weiter anzunähern.

Er fühlte eine Berührung an seiner Hand und zog sie erschrocken zurück. Es war ihr Schwanz, und er erinnerte Jaume daran, was sie war. Heiraten, Tradition, welchen Sinn ergaben diese Worte hier? Auch wenn er ihre Verwandlung selbst gesehen hatte, fiel es ihm doch schwer, sich vorzustellen, was all das für sie bedeutete. Würde er sein bisheriges Leben mit ihr weiterführen können? Wohl kaum, aber Catalina war ihm wichtiger, das wußte er.

„Jaume!“ Ihre Stimme riß ihn aus diesen Gedanken. Sie hatte einfach ihren Arm um ihn gelegt. „Ich brauche dich!“

Er erwiderte ihre Geste, und sie küßte ihn. Diesmal wich er nicht zurück. Ihre Augen glänzten im flackernden Feuerschein. Etwas an ihr erinnerte Jaume noch immer an eine Katze, oder spielten ihm die Schatten nur einen Streich? Sie war wunderschön! Seine Lippen suchten die ihren, und er war überglücklich.

Den Kopf in Jaumes Schoß gelegt, schlief Catalina ein. Er lehnte sich zurück gegen die Felswand und streichelte sanft ihr dichtes Haar, bis er selbst vom Schlaf übermannt wurde.

Jaume war erstaunt, als Catalina ihm bei Tageslicht den verbreiterten Durchgang in der Höhle zeigte und erklärte, wie sie ihn geschaffen hatte. Plötzlich wurde ihm bewußt, wie wenig er von ihrer geheimnisvollen Macht wußte. Er beobachtete, wie sie mit einem Blick eine der mitgebrachten Kerzen aufflammen ließ und furchtlos in die Unterwelt eindrang. Ehrfurchtsvoll folgte er ihr zum unterirdischen Bach.

Aus dem von Jaume mitgebrachten Draht fertigte Catalina eine Fangschlinge. Ein spitzes Metallende bog sie so, daß es wie ein Dorn in die Schlinge ragte und rieb es vorsichtig mit dem aus dem Stengel gepreßten Saft einer frisch gepflückten Pflanze ein. Dann legte sie die Falle vor einem Kaninchenbau in der Nähe aus.

„Ich muß mir erst eine Schleuder oder so etwas bauen und lernen, damit umzugehen“, verteidigte sie sich. „Aber es wird nicht lange leiden müssen, dafür habe ich gesorgt.“

Jaume erinnerte sich an das Tier, das sie am Abend verspeist hatten. Konnte sie es wirklich mit einem Steinwurf erlegt haben? Er betrachtete seine Freundin immer wieder, während sie gemeinsam durch den Wald gingen. Sie sah wild aus, mit einem Messer am Gürtel, mitgenommenen Kleidern und lässig um die Hüfte geschlungenen Tuch. Wie eine Räuberin, dachte Jaume, oder wie eine Hexe. Aber nein, auch wenn sie die Zauberei beherrschte, für ihn war sie keine solche.

Zu zweit suchten sie das Lager der anarchistischen Freiheitskämpfer auf, und diesmal passierten sie den Posten mit dem Kennwort. Catalinas Patient war fast genesen, und Doktor Garcia drängte sie, ihm die Kräutermischung zu verraten. Schließlich ließ sie sich erweichen, jedoch nicht ohne den Hinweis, daß es nicht die Pflanzen alleine gewesen seien, die ihn geheilt hatten. Der Arzt notierte, so bemerkte Jaume, nur die Rezeptur und stellte keine weitere Frage. Unter den Leuten herrschte Unruhe. Die sehnlich erwarteten Brigadisten waren noch nicht eingetroffen, und auch Siegesmeldungen der republikanischen Soldaten waren ausgeblieben. Man konnte sich nicht einigen, was zu tun sei, und beschloß endlich, noch einige Tage zu warten.

Jaume verließ die Truppe mit gemischten Gefühlen. Konnten sie wirklich siegen, wenn sie keine Führung hatten? Ihre Ideale waren Stärke und Schwäche zugleich. Vielleicht würde der Lehrer Antoni Neuigkeiten haben, so hoffte Jaume, nicht zuletzt, damit die Anarchisten die Felder wieder räumen konnten.

Am nächsten Tag erhielt Catalina Besuch. Sie saß vor der Höhle und nähte ihren zerrissenen Rock, als sie Schritte und das Brechen von Geäst hörte. Eilig zog sie sich an und spähte zwischen den Bäumen hindurch. Es war Rebecca, und hinter ihr ging ein zweites Mädchen. Gut, daß Menschen immer Lärm machten.

Der Name der jungen Frau war Maria, so stellte Rebecca sie vor, und sie habe ein Problem, bei dem sie Rat benötige. Die Hexe sah sie fragend an, und Maria errötete.

„Du brauchst Dich nicht zu schämen. Hier gibt es keine Männer.“ Catalina nahm lächelnd ihre Hand. „Was fehlt dir?“

„Es ist ...“ Sie stockte und setzte neu an. „Es ist, wenn einmal im Monat ...“ Zögernd und umständlich erklärte Maria, daß ihr Monatsfluß unregelmäßig sei, daß sie Schmerzen habe und es wohl nur ihren Gebeten zur heiligen Jungfrau verdanke, daß sie noch nicht verblutet wäre. Catalina rollte die Augen. Auch die Hebamme wisse keinen Rat mehr, fuhr das Mädchen fort, und den Arzt könne sie doch dazu nicht fragen.

Die Hexe nickte und legte ihre Hand auf Marias Unterleib. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, die Energie und die Lebenskräfte zu erspüren. Sie erkannte die Muster wieder, so wie Großmutter es sie gelehrt hatte. „Große Mutter, hilf mir“, murmelte sie und sprach die alten Worte aus. Sie fühlte die Wärme durch ihre Finger strömen. Die junge Frau zuckte erschrocken zurück. Doch es war genug. Mit den richtigen Heilkräutern dürfte sie keine Probleme mehr haben, davon war Catalina überzeugt.

„Möge Gott es Dir danken, wenn es wirklich hilft“, verabschiedete sich Maria.

„Welcher Gott?“ fragte Catalina bitter. „Es wäre mir lieber, wenn Du es mir danken würdest.“ Sie erschrak selbst über die Barschheit ihrer Worte und fuhr milder fort: „Ich meine, ich brauche hier einige Dinge. Kannst Du mir ein großes Laken besorgen?“

Maria versprach, sich erkenntlich zu zeigen, und machte sich eilig auf den Heimweg. Rebecca blieb zurück und schnürte das mitgebrachte Bündel auf. Es enthielt Eier, Salz, eine Tonschale, Schnur und andere nützliche Kleinigkeiten. Catalina bedankte sich überschwenglich.

„Sag mal, wie meinst Du das, 'welcher Gott'?“ fragte Rebecca unvermittelt.

Catalina sah die junge Frau betroffen an. Es war ein Fehler gewesen, diese Worte zu wählen. Welche Antwort würde Rebecca nun wohl verstehen? Auch wenn sie sich vorgenommen hatte, sich zu ihrem Glauben zu bekennen, fürchtete sie nun doch, Rebeccas Freundschaft zu riskieren, wenn sie ihre religiösen Gefühle verletzte.

„Jaume hat gesagt, daß er an Gott glaubt, aber nicht weiß, ob Gott an die Kirche glaubt. Ist es das, was Du meinst?“ bot Rebecca an.

„Ist das so bedeutsam?“ Catalina blickte dem Mädchen in die Augen. „Sag, was ist für Dich wichtiger? Was ein Mensch zu glauben vorgibt, oder wie er handelt?“

Rebecca zögerte zu antworten. „Was er tut“, entschied sie schließlich. „Nein, ich muß nicht wissen, was Du denkst.“

Die Hexe wußte, daß die Neugier von Jaumes Schwester nicht befriedigt war. Irgendwann würde sie ihr alles erklären müssen, das war sie ihrer Freundin schuldig. Doch wie sollte sie damit beginnen?

Als Catalina wieder alleine war, zog sie ihren Rock aus, um mit seiner Reparatur fortzufahren. Kurz entschlossen legte sie auch ihre anderen Kleider ab, um wieder einmal den Wind auf der Haut genießen zu können. Das Gefühl, wenn er in ihr Fell geblasen und es zerzaust hatte, gehörte zu den Dingen, die Catalina vermißte. Sie würde sich nur etwas ausdenken müssen, um nicht eines Tages nackt von einem Besucher überrascht zu werden. Ein Bannkreis, dachte sie erst, aber der hätte auch erwünschten Gästen den Zugang verwehrt, und er wäre nicht von Dauer. Ihr fiel nichts besseres ein. Ein Riß war vernäht, und Catalina nahm ein neues Stück Garn für den nächsten. Die Spule warf sie zurück in die Tonschale, und es klapperte beim Aufschlag. Eine Glocke! Von Großmutter hatte sie einst gelernt, wie man Dinge zerteilen konnte, ohne ihren Zusammenhang zu zerstören. Ob das auch mit einem Stein ging? Die Hexe suchte einen geeigneten Brocken, sprach, was ihr von der Formel noch in Erinnerung war und zertrümmerte ihn mit einem anderen Felsen. Beim dritten Versuch gelang der Zauber. Sie nahm eins der Stücke und schüttelte es in ihren Händen. Tatsächlich, die anderen bewegten sich ebenfalls. Dann warf sie das Steinchen in die Schale und trat auf die am Boden liegenden Bröckchen. Es klimperte leise in der Schüssel. Zufrieden hob Catalina die Teile auf und verstreute sie auf dem Pfad ein gutes Stück vor der Höhle. Sie hatte eine Türglocke.

Jaume war der erste, dessen Kommen so angekündigt wurde. Catalina war gerade dabei, Früchte zum Trocknen auf Schnüre aufzuziehen. Er setzte sich zu ihr und legte sanft den Arm um ihre Taille. Sie unterbrach ihre Arbeit und sah ihn liebevoll an. Endlich hatte er seine Scheu abgelegt.

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