Catalinas Hoffnung
Jeden Abend nach getaner Arbeit besuchte Jaume seine Freundin. Sie saßen gemeinsam träumend vor der Höhle, oder sie gingen spazieren. Ihre Wege führten über die Klippen, durch den Wald und an den Strand. Catalina zeigte ihm all die Plätze, die sie als Katze geliebt hatte, und sie erzählte von ihrem Leben in der Natur. Ansonsten sprachen sie wenig. Es war Catalinas Art, nur zu reden, wenn sie wirklich etwas zu sagen hatte, und Jaume begann bald, es ähnlich zu halten. Das ständige Reden über Nichtigkeiten, welches das Leben im Dorf so prägte, wurde ihm immer fremder.
Meist kam Jaume erst spät in der Nacht zurück nach Hause. Er hatte sich auf heftige Diskussionen mit seiner Mutter eingestellt, doch zu seiner Überraschung blieben diese aus. Hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie Catalina aus dem Haus getrieben hatte? Oder hatte sie einfach die Sinnlosigkeit eines Streits erkannt und aufgegeben? Jaume fand es nicht heraus.
Im Dorf wurde natürlich geredet. Manches Gespräch verstummte, sobald Jaume hinzukam, und gegen andere verschloß er seine Ohren. Man sagte ihm ein Verhältnis mit dem seltsamen Mädchen nach, über dessen Herkunft und Verschwinden es so viele verschiedene Gerüchte gab. Doch keines davon entsprach auch nur annähernd der Wahrheit, und wo sie jetzt lebte, hatte sich ebenfalls noch nicht herumgesprochen. Sie sei wohl verrückt, war schließlich die allgemeine Ansicht, und die Männer meinten, Jaume solle ruhig seinen Spaß mit ihr haben.
Solche Worte waren es, die Jaume am meisten in Wut brachten. Es war Catalinas Ehre, die hier angegriffen wurde, und mehr als einmal war er versucht, sie mit Fäusten zu verteidigen. Er wußte, daß es zwecklos war. Mehr und mehr zog er sich aus der dörflichen Gesellschaft zurück.
Doch er war ohnehin öfter unterwegs als zuvor, und so fiel es ihm nicht schwer, den anderen aus dem Weg zu gehen. Außer den Besuchen bei seiner Freundin waren da die Botengänge für die Anarchisten. Doch dann hatten diese ihr Versteck verlassen, um die Befreiung von Sant Viçens vorzubereiten, und Jaume brauchte statt dessen mehr Zeit als zuvor auf den Feldern in den Bergen. Beim überstürzten Aufbruch der Besetzer war alles in schlechterem Zustand hinterlassen worden, als er befürchtet hatte.
Trotzdem wurde das Aufräumen in diesen Tagen seine liebste Beschäftigung, denn Catalina half ihm dabei. Allmorgendlich trafen sie sich im Wald oberhalb des Dorfes und stiegen gemeinsam hinauf. Die Hexe übernahm dabei bald die Führung und schlug immer wieder neue unwegsame, Jaume nicht bekannte Tierpfade ein.
So konnte sie unterwegs immer wieder die verschiedensten Kräuter sammeln, und wenn sie ihr Ziel erreichten, war ihr Beutel meist bereits voll. Wozu, fragte sich Jaume, brauchte sie solche Mengen? Wie viele Kranke konnte sie wohl schon mit dem heilen, was auf den Schnüren in ihrer Höhle zum Trocknen hing? Aber Catalina suchte immer weiter. Gab es noch andere Dinge, die sie damit bewirken konnte?
An einem solchen Tag wurde Jaume zum ersten Mal seit Catalinas Verwandlung Zeuge ihrer ungewöhnlichen Fähigkeiten. Er hatte die festgetretene Krume des Ackers vor der Hütte auflockern wollen, als seine Hacke auf einen Stein traf und zersprang.
„Verfluchter Mist“, schimpfte er und hob die abgebrochene Eisenspitze auf.
„Was ist passiert?“ Catalina wandte sich um. „Aha, zeig mal her.“ Sie nahm die Teile und betrachtete sie aufmerksam. Vorsichtig bewegte sie ihre Hände über die Bruchfläche, ohne diese zu berühren. Dann schloß sie die Augen, fügte die Stücke zusammen und strich mit den Fingern über die Naht. Prüfend rüttelte sie noch einmal daran und reichte sie das Werkzeug an Jaume zurück.
Ungläubig starrte er das reparierte Gerät an. Die Bruchstelle war verschwunden, und das Metall hielt so fest zusammen, als wäre es niemals getrennt gewesen. „Was hast Du gemacht?“ fragte er fassungslos.
„Vereinigt, was noch zusammengehörte“, erklärte Catalina, als sei das, was sie getan hatte, völlig normal. „Die Trennung war frisch und unberührt, also war sie leicht rückgängig zu machen.“
Sie widmete sich wieder den Kartoffeln. Jaume schwang einmal die Hacke und hielt wieder inne. Er konnte noch immer nicht glauben, was er gerade gesehen hatte. Sicher, er wußte, daß sie über außergewöhnliche Kräfte verfügte. Er hatte ihre Verwandlung gesehen, und er erahnte ihre Heilkräfte. Doch in den gemeinsam verbrachten Tagen hatte er sie als zwar merkwürdiges, aber unbeschwertes und liebenswertes Mädchen kennengelernt. Zauberei war ihm dabei nicht in den Sinn gekommen. War sie doch eine wirkliche Hexe? Nein, Hexen waren böse. Oder logen die alten Geschichten? Dieser Gedanke erschreckte und faszinierte zugleich. Wozu war sie noch imstande?
„Ja sicher“, antwortete Catalina überrascht, „ich bin eine Hexe, wie ihr Christen das nennt. Habe ich das nicht gleich gesagt?“
Jaume war zu verwirrt, um weiter zu fragen. Natürlich hatte sie das, aber erst jetzt begann er, die Bedeutung dieser Worte zu ahnen. Er hackte weiter und schaute immer wieder zu Catalina herüber. Sie war die faszinierendste Frau, die er je kennengelernt hatte.
Es gab eine weitere Sache, die Jaume Probleme bereitete. Schon bald hatte sich Catalina angewöhnt, einfach ihr Hemd auszuziehen, wenn es ihr bei der Arbeit zu warm wurde. Jaume protestierte vergeblich, sein Argument, jemand könne sie sehen, ließ seine Freundin nicht gelten.
„Niemand außer Dir ist hier“, stellte sie lapidar fest, „und niemand kommt hierher, ohne daß ich ihn höre.“
Es war seine eigene Gegenwart, die Jaume die meisten Sorgen machte. Er liebte Catalina, und er träumte davon, sie zu heiraten. Wie er sie davon überzeugen sollte, das wußte er ebensowenig, wie wo sie gemeinsam leben sollten. Vielleicht würden er, wenn der Krieg vorüber war, mit ihr in die Stadt gehen oder in eine andere Gegend ziehen, in der sie niemand kannte. Und gerade weil er sie liebte, scheute er sich, noch weiter über das schickliche Maß der Annäherung hinauszugehen. So wandte Jaume seinen Blick ab, wenn sie ihre Brüste entblößte, und er war froh, daß sie sich wenigstens überzeugen ließ, den Rock anzubehalten. Das tägliche Bad in der seit einem heftigen Gewitter wieder gut gefüllten Regenwasserzisterne ließ sie sich jedoch nicht nehmen. Jaume suchte sich dann dezent einen Platz weitab vom Wasserbecken und wartete, bis Catalina wieder angekleidet war.
Sie kommentierte sein Verhalten nicht, und manchmal fragte sich Jaume, wie er das ihre deuten sollte. War es reine Unbefangenheit, hatte sie ihre natürliche menschliche Scheu während ihres Lebens als Katze abgelegt? Oder wollte sie ihn vielleicht provozieren, die Grenze des Anstands zu überschreiten? Es gab Augenblicke, in denen er versucht war, das zu tun.
Catalina bedauerte Jaumes Schüchternheit. Natürlich kannte sie die Gründe, in ihrer Jugend hatte man kaum anders darüber gedacht, aber das konnte sie längst nicht mehr nachvollziehen. Ob sie ihm einfach sagen sollte, daß sie ihn als Katze mehrfach beim nackten Bad beobachtet hatte? Schon damals war ihr sein schöner, wohlgeformter Körper aufgefallen. Doch das würde ihn wohl zu sehr schockieren. Sie hatte Zeit, und sie würde seine Scheu überwinden. In manchen Nächten jedoch, wenn sie alleine in ihrer Höhle lag, wünschte Catalina sich, seine Wärme an ihrer Haut zu spüren, und sie stellte sich vor, wie es wäre, von ihm gestreichelt und liebkost zu werden.
Welchen Weg würden sie wohl einmal finden, um miteinander zu leben? Ein abgelegener Hof, irgendwo in den Bergen, wo niemand sie kannte, das wäre der richtige Platz, um ein neues Leben mit Jaume zu beginnen. Zwar scheute sich Catalina, diese Gegend, die schon so lange ihre Heimat war, zu verlassen, aber für ihn wäre sie selbst dazu bereit. Doch wie auch immer, diese Pläne mußten warten, bis wieder Frieden im Land eingekehrt sein würde. Bis dahin fühlte sie sich in ihrer Grotte und in der neuen Rolle sehr wohl.
Innerhalb kurzer Zeit hatten sich ihre Heilkünste und Kräuterkenntnisse herumgesprochen, und bald kamen immer öfter Bäuerinnen aus den umliegenden Dörfern zu Catalina. Um die Abgeschiedenheit ihrer Höhle zu wahren, hatte sie die verfallene Mühle im Tal oberhalb des Dorfes als diskreten Treffpunkt gewählt. Sie war leicht zu finden und doch gegen neugierige Augen und Ohren geschützt. Jeden Morgen, bevor sie Jaume traf, wartete sie hier auf Ratsuchende.
Meist waren es jene Probleme, mit denen die Frauen nicht zum Arzt gehen wollten, und bei denen auch die Hebamme keinen Rat mehr wußte. Andere fragten nach Mitteln zur Verhütung der Empfängnis, zur Steigerung der Lust des Ehemanns oder zu deren Verminderung, aber auch nach Medizin gegen normale Krankheiten und Gebrechen. Catalina half nach Kräften, und in der Mehrzahl der Fälle gelang es ihr. Als Gegenleistung nahm sie Lebensmittel oder Dinge wie Geschirr und Stoffe, die sie sich nicht selbst beschaffen konnte.
Allerdings wurden auch andere Bitten an sie herangetragen. Das Brauen eines Liebestranks lehnte sie höflich ab und schenkte dem Mädchen statt dessen ein Amulett. Eine Greisin jedoch, die Catalina aufforderte, einen Fluch über eine unliebsame Nachbarin zu verhängen, jagte sie wütend davon. Später fragte sie sich, ob sie weise gehandelt hatte. Sich Feinde zu machen, das war in ihrer Position gefährlich. Doch was hätte sie sonst machen sollen? So tun als ob, ein paar bedeutungslose Worte murmeln? Nein, das kam nicht in Frage.
„Maria hält dich für eine Hexe“, bemerkte Rebecca eines Tages nachdenklich, als die beiden auf der Suche nach Brennholz gemeinsam durch den Wald gingen.
Catalina zögerte zu antworten. Sollte sie 'ja' sagen? Sie stellte die Gegenfrage: „Was ist eine Hexe?“
Rebecca bückte sich nach einem trockenen Ast. „Man sagte, daß eine Hexe Böses tut, das Vieh verhext und mit dem Teufel im Bunde ist“, sagte sie schließlich ohne Überzeugung.
„Dann bin ich keine“, entgegnete Catalina lachend, obgleich ihr nicht mehr danach zumute war. Konnte sie je auf Verständnis hoffen? Gerade Rebecca wollte sie zu gerne die Wahrheit sagen, aber wie? Still grübelnd ging sie weiter.
Bald trugen beide Frauen schwere Bündel und machten sich auf den Rückweg. Wie immer hatte Catalina auch ihren Beutel dabei und hielt Ausschau nach Früchten, eßbaren Pflanzen und natürlich nach Kräutern. Er war bereits gut mit unter Rebeccas neugierigen Blicken gepflückten Gewächsen gefüllt. Fast hatten sie nun die Stelle erreicht, an der ihre Wege sich trennten, als Catalina eine wirklich seltene, lange vergeblich gesuchte Medizinpflanze entdeckte. Mit einem Freudenschrei ließ sie ihr Holzbündel fallen und stürzte darauf zu. Dann nahm sie ihr Messer und begann, sie vorsichtig auszugraben.
„Weißt Du, was das ist?“ fragte sie Rebecca.
Diese schüttelte den Kopf.
„Es heißt 'Gnadenkraut'„, erklärte Catalina mit fast ehrfürchtiger Stimme. „Es ist selten und ungeheuer wirksam. Man kann schwerstes Fieber und Schmerzen damit behandeln, aber nur ein bißchen zuviel davon erlöst auch vom Leben. Und eine Menge, die gerade dazwischen liegt, in Wasser zerkocht und auf die Haut gerieben, ermöglicht es, in Zukunft, Vergangenheit oder Gegenwart zu schauen und sogar mit den Göttern zu sprechen.“
Rebecca schaute ihre Freundin stumm an.
„Ich muß Dir ein wenig erzählen.“ Catalina erhob sich und steckte die Pflanze in ihre Tasche. „Komm, wir setzten uns dort herüber.“
Sie wies auf einen rundlichen Felsblock, und das Mädchen folgte ihr. Die Hexe hockte sich im Schneidersitz auf den Boden vor Rebecca. Wie sollte sie nun beginnen? Sie starrte auf das tanzende Schattenmuster der Zweige im Sonnenlicht und suchte einen Anfang.
„All diese Dinge“, sagte sie schließlich, „sind uraltes Wissen. Ich habe es von meiner Großmutter, und die von ihrer Mutter. Es wird von den Frauen aus meiner Familie seit langer Zeit gehütet und vor dem Vergessen bewahrt. Wir behalten es für uns, damit es nicht in falsche Hände gelangen kann. Du hast ja gehört, es kann heilen und töten.“
„Seid ihr so etwas wie Ärztinnen?“ schlug Rebecca vor.
„Ja und nein. Es gehört mehr dazu als nur die Kenntnis der Mittel. Nimm das Gnadenkraut. Ein Arzt könnte damit niemandem helfen. Man braucht eine besondere Fähigkeit, um es zu benutzen. Gib mir Deine Hand.“
Catalina ergriff Rebeccas Finger. Mit geschlossenen Augen ertastete sie die richtige Stelle, dann atmete sie aus und ließ ihre Kraft fließen. Rebecca zog ihren Arm erschrocken zurück.
„Was hast Du gefühlt?“ fragte die Hexe.
Die junge Frau zögerte. „Es war heiß, oder eher warm - eigentlich war es angenehm, aber...“
„Ich weiß, wie es ist“, sagte Catalina. „Wenn Du krank wärest und von diesem Kraut genommen hättest, hätte Dich meine Wärme vor der Giftwirkung geschützt. Manche Krankheiten kann ich damit sogar heilen, und andere wenigstens erkennen. Alle Frauen meiner Familie beherrschen diese Kraft.“
Wie würde Rebecca reagieren?
Jaumes Schwester schwieg eine Weile und sah ihre Freundin eindringlich an. Dann fragte sie: „Ist das Hexerei?“
„Vielleicht“, lautete Catalinas Antwort. „Zumindest haben die Leute das damals gesagt und hunderte von Frauen und Männern und Kindern als Hexen verbrannt.“ Längst verdrängte Bilder schoben sich in ihr Bewußtsein. Sie sah die Gesichter ihrer Mutter und ihrer Großmutter, die düstere Gestalt des Inquisitors, die Jagd und die lodernden Scheiterhaufen. Ein Schrei erklang, und Catalina zuckte zusammen. Doch es war nur ein Vogel gewesen, und langsam kehrte sie in die Gegenwart zurück.
„Das ist lange her“, stellte Rebecca arglos fest.
„Bist Du Dir da so sicher?“ Catalinas Stimme klang bitter.
Wieder herrschte einen endlosen Augenblick lang Schweigen.
„Hast Du deshalb Angst vor dem Pfarrer?“
Die Hexe nickte. Sie wußte, daß Rebecca sie noch nicht verstehen konnte, aber es machte Catalina glücklich, daß sie es versuchte. Vielleicht würde sie ihr wirklich bald ihre Geschichte erzählen können. Catalina wünschte es sich.
Die beiden Frauen schulterten ihre Holzbündel und setzten den Weg fort. An der Gabelung des Pfades verabschiedeten sie sich mit einer herzlichen Umarmung, als ein merkwürdiges Geräusch erklang. Irritiert blickte sich Catalina um. Es kam rasch näher und wurde immer lauter. Sie war sicher, es schon einmal gehört zu haben, und jetzt erkannte sie den Lärm der fliegenden Maschinen. Dann waren sie da, zwei Stück, und sie schossen tief zwischen den Bergen das Tal entlang, drehten einen weiten Bogen und verschwanden über den Bergen.
Catalina sah ihnen mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination nach. Dann bestürmte sie Rebecca mit Fragen. „Was war das? Sitzen Menschen darin?“
„Hast Du noch nie ein Flugzeug gesehen?“ Sie gab sich keine Mühe, ihre Verwunderung zu verbergen. „Natürlich wird es von Menschen gesteuert, wie sollte es sonst fliegen?“ Dann setzte sie düster nach: „Aber zu wem auch immer sie gehören, sie verheißen nichts Gutes.“
Diese Worte Rebeccas gingen Catalina noch den ganzen Tag lang nach und trübten die Freude über das Gespräch mit ihrer Freundin. Sie war versucht, das Gnadenkraut zu benutzen und einen Blick auf die Zukunft zu werfen, aber sie verwarf diesen Gedanken schnell wieder. Es lag ohnehin in den Händen der Geister, was sie ihr zeigen würden, und es mußte nicht unbedingt das sein, was sie wissen wollte. Catalina zog es vor, ihr Schicksal nicht zu kennen.
Es gelang ihr nicht, diese Gedanken abzuschütteln, und sie gewannen Macht über Catalinas Denken. Warum nur, es war doch ein so schöner Tag? Sie vermochte es nicht zu sagen, und so wartete Catalina trübsinnig auf Jaume.
Als er endlich kam, dämmerte es bereits. Erleichtert eilte sie ihm entgegen und hielt sich schutzsuchend an ihm fest. Jaume wollte erschrocken zurückweichen, aber er brachte es nicht übers Herz, sie abzuweisen. Er spürte ihre Angst und legte sanft seine Arme um sie. Plötzlich kam er sich wie ein großer Bruder vor, und seine Scheu schwand.
„Ich bin bei Dir“, versicherte er ihr und leitete sie zur Höhle zurück. „Was ist passiert?“
Jaume versuchte, sie mit Worten zu beruhigen, ihr zu versichern, daß nur wegen zweier Flugzeuge keine Gefahr drohe, doch es war seine Gegenwart, die Catalina letztlich aufmunterte. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und genoß seine Berührung. Je länger sie so saßen, desto größer wurde ihr Verlangen nach ihm, und sie schmiegte sich immer enger an seinen Körper. Was mochte er wohl empfinden? Jaume saß still und schwieg, aber Catalina glaubte zu spüren, daß auch er vorsichtig ihre Nähe suchte. Sollte sie ihn einfach fragen? Doch sie wußte nicht wie, und so lauschte sie weiter dem Gesang der Nachtigall, die ganz in der Nähe auf einem Busch saß.
Wie konnte sie seine Zurückhaltung überwinden? Aber wollte sie das überhaupt schon?
Catalinas Gedanken schweiften zurück. Damals, in ihrer Jugend, hatte sie zwei oder drei Male mit einem Burschen aus dem Nachbardorf geschlafen. Es war keine Liebe gewesen, und vielleicht war es ihnen gerade deshalb leicht gefallen. Wie war sein Name gewesen? Sie konnte sich nicht mehr erinnern. Beim ersten Mal hatten sie es nicht einmal vorgehabt, es war einfach über sie gekommen, bei einem arglosen Treffen im Wald. Die christlichen Skrupel waren ihr fremd gewesen, im Gegenteil, so hatte Großmutter ihr erklärt, der Göttin gefiel es, wenn Mann und Frau sich vereinigten. Man mußte nur die nötige Vorsicht walten lassen, um in der Dorfgesellschaft nicht aufzufallen, und die richtigen Kräuter und Zauber kennen, um ungewollte Kinder zu verhüten und die Jungfräulichkeit wiederherzustellen.
Jetzt war alles viel schwieriger, denn es war so viel mehr im Spiel als nur das einfache Verlangen und die Neugier von damals. Und auch wenn Catalina sie seit Jahrhunderten vergessen gewähnt hatte, waren die alten menschlichen Hemmungen doch nicht ganz verschwunden. Nicht ohne Erstaunen wurde ihr plötzlich bewußt, daß sie zögerte, sich ihm noch mehr zu nähern. Sie begehrte ihn, was hielt sie also zurück? War es Jaumes Scheu, oder war es ihre eigene?
Sie betrachtete sein Profil vor dem leuchtenden Sternenhimmel. Irgendwo in weiter Ferne entlud sich lautlos ein Gewitter, und der schwache Widerschein eines Blitzes erhellte einen Augenblick lang Jaumes Gesicht. Wie schön war er doch! Eine Welle von Glück durchströmte Catalina, und alle Melancholie war plötzlich verschwunden. Wozu grübelte sie? Jaume liebte sie, und sie hatten alle Zeit! Ein ganzes Leben lag vor ihnen. Sie brauchte ihn nicht zu bedrängen, sie konnte einfach abwarten, was geschehen würde. Noch immer an ihn gelehnt, schlief Catalina ein.
Über einen Monat lebte Catalina schon in ihrem neuen Heim, und die Höhle füllte sich langsam mit Vorräten für den Winter. Neben Brennholz gehörte dazu getrocknetes Obst, eingetauschtes Getreide, über dem Feuer gedörrtes Fleisch und vieles anderes mehr. Ihre Jagdmethoden hatte sie schnell so weit vervollkommnet, daß sie nicht mehr auf Fallen und Magie angewiesen war. Aus den mit Rinde gegerbten Fellen ihrer Beute fertigte sie sich Stück für Stück einen warmen Umhang, und bis zum Herbst würde er fertig sein. Der kleine Handel mit Kräutern und Medizin blühte, und Catalina war auf ihre eigene Weise ein Bestandteil der dörflichen Gesellschaft geworden.
Dann kam der Rückschlag. Der Pfarrer hatte von Catalinas Treiben erfahren und von der Kanzel gegen die 'Hexe und Hure' gepredigt. Sie erfuhr es von Rebecca, die noch am selben Tag zu ihr gelaufen kam.
Catalina wurde blaß. So hatte es damals auch angefangen. Aber das konnte nicht sein, es gab keine Inquisition mehr, all das war doch längst Vergangenheit! „Nein“, sprach sie tonlos, „nein, große Mutter aller Dinge, nicht schon wieder.“ Sie blickte Rebecca an. „Sag mir, daß es nicht sein kann.“
„Was ist mit dir?“ Jaumes Schwester sah die Furcht in Catalinas Augen. „Er ist doch nur ein dummer Pfaffe.“ Ihre Worte klangen wenig überzeugend. „Die Leute hören längst nicht so auf ihn, wie er glaubt.“
Lange sah Catalina ihre Freundin an. Würde Rebecca sie verstehen? Aber was machte es schon, wenn sie es nicht tat? „Meine Mutter und meine Großmutter sind auf dem Scheiterhaufen gestorben“, erklärte sie. „Nein, es stimmt“, nahm sie die Antwort des Mädchens vorweg. „Nur ich bin entkommen. Ich weiß, es ist Jahrhunderte her, ich habe nicht gezählt, wie viele es waren. Ich habe mich durch die Zeit gerettet.“ Hatte sie schon zu viel verraten? Die Hexe beobachtete Rebeccas Gesicht. Zeigte es Ungläubigkeit oder Mißtrauen? Sie konnte nichts davon erkennen.
Es dauerte einige Zeit, ehe die junge Frau antworten konnte. „Warum erzählst Du mir das?“
„Ich vertraue Dir. Und ich habe Angst, so große Angst!“
„Du bist wirklich eine Hexe?“ In Rebeccas Stimme schwang Furcht mit. Doch Catalina fühlte, daß die Jüngere sich nicht vor ihr fürchtete. Sie hatte die Grenze all dessen überschritten, was sie glaubte, die Sicherheit über Gut und Böse verloren.
„Ja, das bin ich. Aber glaube nichts von dem, was der Pfarrer über Hexen sagt. Die Kirche hat uns nie verstehen wollen. Sie wollte uns das Heilen verbieten, und sie wollen die Kräfte, welche die Göttin der Natur gegeben hat, vor den Menschen verstecken, um selbst mehr Macht zu gewinnen. Bitte, Rebecca, glaube die Lügen nicht.“ Die ersten Tränen füllten ihre Augen, und dann konnte Catalina sie nicht mehr unterdrücken. Sie begann zu weinen. „Und ich habe geglaubt, alles wäre besser gworden!“
Zögernd rückte das Mädchen näher und ergriff schließlich die Hand der unheimlichen Freundin. „Ich weiß, daß Du nicht böse bist“, beteuerte sie. „Bestimmt wird alles gut werden.“
Keine von beiden sagte ein weiteres Wort. Catalina wollte ihren Kopf an Rebeccas Schulter lehnen, aber diese zuckte unmerklich zurück. Was mochte sie denken? Konnte sie ihr überhaupt glauben? Als Catalina sich beruhigt hatte, verabschiedete sich Jaumes Schwester leise und brach auf. Die Hexe sah ihr nach, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Würde sie wiederkommen, oder war ihre Freundschaft verloren?
Es war zwei Tage später, und Catalina wartete wie üblich bei der alten Mühle auf ratsuchende Frauen. Der Morgen war kühl, und Tautropfen hingen an Gräsern, Blättern und Spinnennetzen. Wieder war niemand gekommen, die Worte des Pfarrers hatten Wirkung gezeigt. Auch von Rebecca hatte sie nichts mehr gehört, und das machte sie traurig. Sollte sie sie aufsuchen?
Sie wollte sich schon zum Gehen wenden, als sie einen Mann erblickte, der den schmalen Pfad entlang auf sie zu rannte. Die Hexe verbarg sich hinter dem alten, eingestürzten Mauerwerk und beobachtete ihn mißtrauisch. Was wollte er von ihr? Er hatte sie nun fast erreicht und blickte sich suchend um. Schweiß stand ihm auf der Stirn, und er sah erschöpft aus.
„Catalina!“ rief er. „Sind Sie hier? Bitte, zeigen Sie sich!“ Seine Stimme klang verzweifelt. „Bitte, wo sind Sie?“
Die Hexe entschied, daß er keine Bedrohung darstellte, und verließ ihre Deckung. Lautlos, um das Versteck nicht preiszugeben, trat sie hinter ihn und sprach ihn an. Erschrocken fuhr er herum.
„Sind Sie es, Catalina? Sie müssen sofort mitkommen“, bat der Mann verzweifelt, denn der Verletzte könne ohne ihre Hilfe nicht mehr lange überleben. Mehr wollte er nicht verraten, aber Catalina spürte, wie ernst es ihm war. Sie mußte helfen.
Catalina wies ihn zu warten an und eilte hinauf zu ihrer Höhle, um hastig alles zur Behandlung von Verwundeten notwendige zusammenzupacken. Kurze Zeit später war sie zurück und folgte dem Boten zu ihrem geheimen Ziel. Sie ahnte längst, daß der Patient ein Widerstandskämpfer sein mußte, aber ihr Begleiter schwieg beharrlich. Ihr Weg führte ein Stück weit die Landstraße entlang, die sie jedoch verließen, noch bevor sie das nächste Dorf erreichten. Über Feldwege und schmale Pfade umgingen die beiden alle Ortschaften, und trotz aller Eile brauchten sie bis zum Mittag, um ihr Ziel zu erreichen. Es war ein einsam gelegenes Gehöft irgendwo zwischen Sant Josep und der Hauptstraße. Schon ein gutes Stück vorher war Catalina der erste im Wald versteckte bewaffnete Posten aufgefallen, und am Tor wurden sie von einem Wächter mit einem Gewehr empfangen. Die Hexe erkannte ihn wieder. Er gehörte zu den Anarchisten, die sie in den Bergen getroffen hatte.
„Na endlich“, sagte er knapp, „folgen Sie mir!“ Er brachte Catalina ins Haus, wo nicht nur einer, sondern gleich vier Verletzte auf sie warteten. Doch er beachtete sie nicht und leitete die Hexe in die Schlafkammer. Dort im Bett lag Doktor Garcia. Seine Augen waren geschlossen, und sein Gesicht war bleich. „Er hat einen Bauchschuß“, erklärte man Catalina. „Seit gestern ist er nicht mehr zu sich gekommen. Zuletzt hat er nach ihnen gerufen.“
Die Hexe legte die Hand auf seine Stirn. Sie war kalt, ebenso wie seine Hände. Catalina spürte sofort, daß seine Lebenskraft schon im Schwinden begriffen war. 'Bleib hier', dachte sie und hoffte, daß er sie noch verstehen konnte. Sie mußte die Ursache schnell beseitigen, sonst konnte sie ihm nicht mehr helfen. Hastig zog sie die Decke zur Seite und entfernte den Verband. Noch immer sickerte Blut aus der Wunde, und das war ein schlechtes Zeichen. Ihre Finger glitten über seinen Bauch, und sie spürte den Fremdkörper in seinen Eingeweiden. Sie mußte die Kugel aus seinen Eingeweiden entfernen, ohne sie zu bewegen. „Große Mutter, steh mir bei“, flehte sie laut und schloß ihre rechte Hand zur Faust. Die Hexe konzentrierte sich, bündelte ihre Gedanken auf den Fremdkörper, und es war ihr, als sähe sie ihn direkt vor sich. Es war anstrengend, und sie atmete tief durch. Dann griff sie im Geist nach dem Projektil, begann, das warme Metall in ihren geschlossenen Fingern zu fühlen, und als sie ihre Rechte wieder öffnete, lag der blutige Bleiklumpen tatsächlich auf ihrer Handfläche. Nun mußte sie die Blutung stoppen. Sie versuchte, ihre Kraft zu bündeln, aber es fiel ihr immer schwerer. So sehr sie sich auf bemühte, es floß weiter. „Göttin, steh ihm bei, steh ihm bitte bei!“ Hatte sie das gesprochen oder gedacht?
„Betet für ihn“, wandte sie sich an die Umstehenden, „zu welchem Gott auch immer.“
Catalina hatte keine Energie mehr. Der Atem des Doktors wurde schwächer, und ihre verzweifelten Anstrengungen änderten nichts daran. Dann hörte sein Herz zu schlagen auf.
Eine Träne lief über ihre Wange, und Catalina wischte sie mit ihren blutverschmierten Fingern ab, einen roten Streifen zurücklassend. Wortlos wandte sie sich ab und verließ den Raum.
Nachdem sie die anderen Verletzten mit den leichteren Wunden versorgt hatte, wollte sich Catalina auf den Heimweg machen. Der Mann, mit dem sie gekommen war, hielt sie zurück. „Weiß jemand, daß Sie uns geholfen haben?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Warum?“
„Nehmen Sie sich in Acht, wenn die Faschisten kommen.“ Niemand, so erklärte er, würde diese gottverlassene Gegend verteidigen, niemand außer ein paar verrückten Anarchisten, die glaubten, mit ihrer Überzeugung Berge versetzen zu können. Viel zu unwichtig sei dieser bergige Landzipfel, um den sogar die Küstenstraße einen weiten Bogen machte, als daß die republikanische Armee oder irgend jemand anderes einen Pferdedreck dafür riskieren würden. Er hielt inne, und seine Augen füllten sich mit Wasser. Der Sieger, so fuhr er fort, würde sie einfach besetzen, und wenn nicht noch ein Wunder geschähe, seien das die verdammten aufständischen Generäle. Niemand, der gegen sie gekämpft hatte, würde dann noch sicher sein. „Passen Sie auf sich auf“, verabschiedete er sich, „und leben Sie wohl!“
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