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Catalinas Hoffnung

In der Nacht, als Catalina bei ihrer Rückkehr die eigene Warnanlage auslöste, kam Jaume ihr entgegengeeilt.

„Ich habe mir schon solche Sorgen um Dich gemacht!“ Er schloß seine Freundin erleichtert in die Arme.

Catalina war versucht zu bemerken, daß niemand hier besser auf sich aufpassen könne als sie, aber dann sagte sie nur: „Doktor Garcia ist tot.“

„Er auch?“ Jaume war sichtlich getroffen. „Dann weißt Du schon alles?“

Sie schüttelte den Kopf. „Was?“ Erst jetzt wurde ihr bewußt, daß sie nach dem Tod des Arztes nicht einmal gefragt hatte, was passiert war.

„Die Faschisten haben bei Morella gesiegt“, erklärte Jaume tonlos, „und die Republikanische Armee hat sich in Richtung Badalona zurückgezogen.“

Es würde also kommen, wie ihr am Mittag prophezeit worden war. Doch was bedeutete das für sie? Catalina hatte Besatzer kommen und gehen sehen, aber für die Leute hier auf dem Land schien sich nie viel geändert zu haben. Was machte es letztlich aus, wem man den Zehnten zahlte? Oder sollte es diesmal wirklich anders sein? Jaume und Doktor Garcia hatten ihr von den unterschiedlichen Zielen der Parteien berichtet, aber es fiel Catalina schwer, sich die Auswirkungen auf das Leben hier vorzustellen. Würde es sie selbst betreffen?

„Ich möchte mit Dir von hier weg gehen.“ Jaumes Worte ließen Catalina aufhorchen. „Wenn der Krieg vorbei ist“, fuhr er fort, „suchen wir uns einen Ort, wo uns niemand kennt, und wo wir gemeinsam leben können. Hast Du schon von Argentinien gehört?“

Catalina verneinte, und Jaume begann, von dem fernen Land zu schwärmen, in dem es noch weite, unberührte Gebiete gäbe, und wo man mit Geduld und Arbeit leicht sein Glück machen konnte. Sie lauschte mit zwiespältigen Gefühlen. Den größten Teil ihres langen Lebens hatte Catalina hier verbracht, sie liebte diesen Landstrich, kannte jeden Winkel, und nun sollte sie ihn verlassen? Es gab wohl keine andere Möglichkeit, Jaume hatte recht. Und doch glaubte sie, auch bei ihm leisen Zweifel zu spüren. Oder irrte sie sich? Er schilderte Argentinien in so rosigen Tönen, daß schließlich selbst Catalina von seinen Träumen angesteckt wurde. Sobald die Zeiten sich beruhigt haben würden, so plante Jaume, wollte er nach Badalona gehen, um das fehlende Geld für die Schiffsreise zu verdienen. Und mit ein wenig Glück, so versicherte er ihr, wären sie schon in einem halben Jahr in Argentinien!

Sie erinnerte sich, in ihrer Jugend von Amerika gehört zu haben. Es war das Ziel von Menschen gewesen, die Freiheit und Gerechtigkeit gestrebt hatten und der Knechtschaft entkommen wollten. War es das, was auch Catalina suchte? Nicht nur eine neue Zeit, sondern auch eine neue Welt?

„Ja, ich komme mit Dir!“ Catalina fiel ihrem Freund um den Hals. Ein riesiges, kaum berührtes Land, die Chance, ein neues Leben ohne den Schatten der Vergangenheit zu beginnen!

Catalina war voller Euphorie. Sie brannte darauf, ihre Pläne hinauszuschreien und ihre Begeisterung weiterzugeben, und sie wunderte sich zugleich über dieses Bedürfnis. Wie auch immer, sie durfte es nicht, denn sie hatten beschlossen, ihr Vorhaben erst dann kundzutun, wenn alles feststand. Aber irgend etwas mußte sie tun, und so begann sie zu singen. Es war ein altes Kinderlied, das erste, was ihr in den Sinn gekommen war., und Catalina sang so laut, daß sie nicht bezweifelte, im ganzen Tal gehört zu werden. Zu ihrer Überraschung machte ihr das nichts aus.

„Guten Morgen“, sagte eine Stimme hinter ihr, und Catalina verstummte erschrocken. Sie hatte die Warnglocke nicht gehört.

„Was ist mit Dir heute los, so kenne ich Dich ja gar nicht. Hat Jaume Dich angesteckt?“ Es war Rebecca.

„Mag sein“, entgegnete Catalina erleichtert. „Und wie wunderbar, Dich zu sehen!“ Sie hatte ihre Freundin also nicht verloren! Überglücklich umarmte sie Rebecca. „Ich hatte befürchtet, Du kommst nicht mehr.“

„Nein, das brauchtest Du doch nicht. Ich hatte einfach keine freie Minute in den letzten Tagen.“ Das Mädchen seufzte. „Mutter hält mich auf Trab, sie macht uns nichts als Ärger, seit der Pfarrer diesen Unsinn erzählt hat.“

Sie hätte es sich denken können. Wohin sollte das noch führen? Nur gut, daß sie bald von hier weg gehen würden. Gut? Ein Schatten mischte sich in Catalinas Freude. Sie würde auch Rebecca verlassen müssen. Oder konnte sie mitkommen? Ja, warum nicht? Sie mußte mit Jaume darüber sprechen.

Rebecca hatte auch jetzt nicht viel Zeit. Sie sei, so erklärte sie, gekommen, um die Hexe zu einer erkrankten Frau unten im Dorf zu holen. Diese könne selbst nicht kommen, und heute sei endlich ihr Mann für einen Tag aus dem Haus. Catalina nahm den Beutel mit den wichtigsten Kräutern und folgte ihrer Freundin.

Als sie eine Weile gegangen waren und fast die Straße erreicht hatten, wandte sich Rebecca schüchtern an ihre Begleiterin. „Könntest Du mir ein wenig von dem, was Du über Heilpflanzen weißt, beibringen? Ich meine nur, wenn...“

„Aber sicher doch“, unterbrach sie Catalina. „Du kannst gleich anfangen und zusehen.“ Jaumes Schwester würde weit mehr lernen müssen, als sie ahnte, wenn sie eine Heilerin werden wollte, aber sie sagte ihr nichts davon. Sie wollte Rebecca nicht abschrecken.

Für Catalina war es ein seltsames Gefühl, wieder das Dorf zu betreten. Die meisten Bewohner waren auf den Feldern, und nur einige Alte sahen den beiden nach. Die Hexe beachtete die Blicke nicht, aber die jüngere fühlte sich sichtlich unwohl. War es nur Neugier, die aus den steinernen Gesichtern sprach, war es Ablehnung oder gar Haß? Wie tief hatten die Worte des Pfarrers gewirkt? Rebecca vermochte es nicht zu sagen. Dann nickte ihnen eine weißhaarige Frau aus dem Schatten einer Veranda freundlich zu, und das Mädchen entspannte sich.

Die Patientin lag mit Fieber im Bett, und sie jammerte vor Schmerzen. Eine Nachbarin hielt neben ihr Wache, und sie begrüßte Catalina freundlich und erleichtert. Aus den Symptomen und durch ihre Hände erkannte die Heilerin eine Nierenentzündung.

„Ihr hättet mich viel eher rufen sollen“, rügte sie die Kranke. „Mich oder den Arzt.“

Nachdem sie ihrer Freundin alle Merkmale der Erkrankung erklärt hatte, gab sie ihr genaue Anweisungen, wie die Kräuter, die sie ihr reichte, zuzubereiten seien. Dann setzte sie ihre eigene Kraft und, in einem stummen Gebet, die der Göttin ein, um die Beschwerden der Frau zu lindern. Ob Rebecca auch das eines Tages lernen konnte?

Nach getaner Arbeit wollte sich Catalina auf den Heimweg machen. Doch als sie das Haus verließ, stand sie unversehens dem Pfarrer gegenüber. Der schien nicht weniger erschrocken zu sein als die Hexe.

„Was willst Du hier?“ fragte er barsch.

Catalina trat einen Schritt zurück. Was sollte sie sagen? 'Noch braucht sie Dich nicht, Pfaffe', war sie versucht zu antworten, aber sie hielt sich zurück. Eine Weile mußte sie noch hier leben, und es hatte keinen Sinn, sich völlig mit dem Dorfpfarrer zu überwerfen. Sie verabscheute und fürchtete ihn zugleich, denn auch wenn er nichts von Magie verstand, hatte er doch eine bedrohliche weltliche Macht. Schreckliche Erinnerungen drängten nach oben.

„Ich habe einer Kranken geholfen“, sagte Catalina mit mühsam beherrschter Stimme.

„Wie das? Sie hat kein ungeborenes Kind, das Du umbringen könntest.“

Die Hexe wollte ihn anschreien und zugleich weglaufen, aber sie riß sich zusammen. Vielleicht konnte sie doch mit ihm reden, eine Spur von Verständnis wecken und wenigstens ein Schweigen der Waffen erreichen? Schließlich war die Zeit der Scheiterhaufen schon lange vorbei. „Bitte“, begann sie, „ich tue nichts Böses, ich möchte nichts als in Frieden leben und den Menschen helfen. Warum verstehen Sie mich nicht?“

Der Pfarrer sah sie mit zweifelnder Miene an. „Wenn Du das willst, dann komme zur Beichte und bereue Deine Sünden! Laß von Deinem verdorbenen Tun ab und kehre in den Schoß der Kirche zurück!“

Catalina war vor den Kopf gestoßen. „Ich möchte nicht, nein, ich meine...“

„Denke an Deine Seele! Wenn Du nicht abläßt von Deiner Verworfenheit, dann wird Gott Dich richten!“ Die eben noch zu erahnende Milde in seinen Worten war wieder verschwunden. „Sein Zorn wird Dich treffen, wo auch immer Du Dich versteckst!“

Catalina konnte sich nicht mehr beherrschen. „Du kannst mir nicht drohen, Du verdammter Pfaffe mit Deinem Gift und Deiner Galle!“ brüllte sie ihn an, und sie zitterte vor Erregung und Zorn. „Ihr habt meine Mutter ermordet und meine Großmutter, aber mich bekommt Ihr nicht! Seht her, Leute, das ist kein Hirte, das ist ein Wolf! Das...“ Ihre Stimme versagte.

„Hör auf“, zischte Rebecca, die sich in den schützenden Schatten des Hauses zurückgezogen hatte, verzweifelt. „Bitte hör auf!“

Irgendwo aus einem Fenster drang der Ruf 'Bravo', dann war es still. Catalina sah den Mann mit haßerfüllten Augen an, und er bekreuzigte sich hastig. Fürchtete er den Bösen Blick? Sollte er doch! Langsam, mit gemessenen Bewegungen, wandte sie sich ab und ging. Es kostete sie alle Kraft, diese überlegene Pose durchzuhalten. Ihr war zum Weinen zumute.

„Hier wird bald eine andere Ordnung einkehren. Und dann nimm Dich in Acht, Hexe!“ rief der Pfarrer endlich hinter ihr her.

Catalina wandte sich nicht um.

„Warum hast Du das nur getan?“ fragte Rebecca vorwurfsvoll. Sie war später nachgekommen und hatte die Freundin in ihrer Höhle angetroffen.

„Ich hätte ihn stehen lassen sollen, ich weiß.“ Catalina war noch immer wütend, über den Pfarrer ebenso wie über sich selbst. „Er hätte nicht solchen Unsinn erzählen sollen!“

Sie wandte sich ab und trat durch den Spalt ins Innere des Berges. Dort am unterirdischen Wasserlauf hatte sie schon oft Ruhe gefunden, wenn ihre Seele zu aufgewühlt war, denn hier war es ruhig, und sie war näher als sonst irgendwo an der Großen Mutter.

„Catalina!“ unterbrach Rebeccas Stimme die Stille. Das Mädchen hatte nicht gewagt, ihr zu folgen.

Die Angesprochene antwortete nicht. Mit sicheren Schritten ging sie durch die Dunkelheit und ließ sich auf dem runden Buckel eines Tropfsteins nieder. Die Kühle war ein angenehmer Gegensatz zur drückenden Schwüle draußen, und das sanfte Plätschern des Baches wirkte beruhigend. Die Außenwelt schien hier nicht mehr zu existieren.

Sie hatte einen großen Fehler gemacht, das wußte sie. Bislang war der Pfarrer ihr Gegner gewesen, jetzt aber war er ihr Feind. An ein Nebeneinander war nun nicht mehr zu denken. Er würde sie bis zuletzt bekämpfen, davon war Catalina überzeugt. Konnte sie siegen? Nein, die Kirche war zu mächtig, heute ebenso wie damals. Und wenn sie ihn töten würde? Nein, dieser Gedanke war absurd, undenkbar! Sie mußte hier leben, bis sie mit Jaume fortgehen konnte, und irgendwie mußte das einfach möglich sein. Die Kraft der Göttin würde ihr beistehen. Ja, sie konnte hier leben, und kein Pfarrer konnte sie erreichen, wenn sie in den Wäldern und Bergen blieb. In der Natur war sie allen überlegen, hier hatte sie ihr eigenes Reich.

Je zuversichtlicher sie wurde, desto mehr spürte die Hexe, wie die Macht der Großen Mutter durch sie strömte. Sie legte den Kopf in den Nacken, verbannte die letzten Zweifel aus ihrem Denken und konzentrierte sich ganz auf diese Energie. Ihr Körper entspannte sich, und es gab nur noch die Göttin und das Rauschen des Wassers um sie herum.

„Catalina!“

Etwas mischte sich in das Fließen des Baches. Sie erinnerte sich an einen jungen Mann, den sie liebte. Er war es, für den sie die Kraft sammelte, er war es, der sie hier hielt.

„Catalina!“

Es war seine Stimme, und langsam kehrte die Hexe in die Wirklichkeit zurück. Sie war wieder in einer Höhle, und vor ihr floß ein kleines Rinnsal glucksend hinab in die Dunkelheit. Langsam stand sie auf und tastete sich vorsichtig zurück zum Tageslicht.

„Jaume! Jaume, wie wunderbar, daß Du hier bist!“ Sie fiel ihm vor Freude um den Hals. Dann kamen die Erinnerungen an das Geschehene zurück. „Heute morgen...“, setzte Catalina zu erklären an, aber ihr Freund unterbrach sie.

„Ich weiß“, sagte er sanft und legte sanft seinen Arm um sie. „Es ist passiert. Pater Mateo ist ein gehässiger alter Bock, das wissen alle im Dorf. Mach Dir nichts aus ihm.“

Catalina lächelte, und sie freute sich, daß Jaume ihr Mut machen wollte. Sie wußte, wie gefährlich der Pfarrer wirklich war, und sie wußte auch, daß er ihr nichts anhaben konnte. „Nein, ich mache mir nichts aus ihm. Sorge Dich nicht.“

Erst jetzt wurde ihr plötzlich bewußt, daß sie fror. Sie mußte lange unter der Erde gewesen sein. Catalina blickte zum Himmel und stellte erstaunt fest, daß es bereits später Nachmittag war. Kurz entschlossen ließ sie Jaume los und zog ihr Hemd aus, um die letzten Strahlen der Sonne auszunutzen. Die Wärme war angenehm, aber die Kälte in ihren Gliedern saß noch immer tief. Nur einen Moment lang zögerte Catalina, dann öffnete sie ihren Rock und stand nackt vor ihm. Jaume wich erschrocken zurück.

„Was ist?“ fragte Catalina. „So hast Du mich doch schon am ersten Tag gesehen. Was ist anders geworden?“ Sie trat näher und rollte ihren Schwanz so, daß er Jaumes Arm berührte.

„Ich liebe Dich“, erwiderte ihr Freund verunsichert, „und deshalb...“

„Ihr Menschen seid wirklich verrückt!“ stellte sie kopfschüttelnd fest und bückte sich nach ihren Kleidern.

„Nein“, sagte Jaume und hielt sie zurück, „ich meine doch nur, daß...“ Er wußte nicht weiter. Schüchtern ergriff er ihre Hand. „Ich liebe Dich doch“, wiederholte er lächelnd.

Catalina genoß es, wieder einmal ihren ganzen Körper in der Wärme zu räkeln, und es machte sie glücklich, daß Jaume dabei war und sich nicht mehr zurückzog. Erst als die Sonne hinter dem Berg verschwunden war, entzog sich Catalina sanft seiner Umarmung und kleidete sich wieder an. Sie war zufrieden, und sie widerstand der Versuchung, sich ihm noch weiter zu nähern. Das hatte Zeit, er mußte erst selbst bereit dafür sein.

Es war Mittag, und Catalina hatte sich im Schatten eines Baumes zur Ruhe gelegt, als ein ungewohntes Geräusch sie aus dem Halbschlaf riß. Sie erkannte das Knattern der pferdelosen Wagen. Was hatte das zu bedeuten? In der Nähe war ein hoher Felsen, der eine weite Sicht über das Tal bot, und so machte sie sich neugierig und voll schlechter Ahnungen auf den Weg. Vorsichtig, um selbst nicht gesehen zu werden, spähte sie hinab zur Straße. Es waren zwei große Lastwagen, die herunter nach Sant Josep fuhren. Die Ladeflächen waren voller Männer in grauen Uniformen und mit Gewehren. Soldaten! Doch zu welcher Seite gehörten sie? Catalina beschloß, Jaume zu suchen.

Schon vom Waldrand aus sah sie eins der Fahrzeuge auf dem Dorfplatz stehen. In den Ort wagte sie sich also lieber nicht. Statt dessen eilte sie im Schutz des Dickichts die Landstraße hinauf in Richtung der Felder. Dort fand sie Rebecca. Nachdem sie sicher war, daß niemand den Weg beobachtete, verließ sie das Gebüsch und lief hinüber zu ihrer Freundin.

„Gott sei Dank!“ empfing sie diese. „Wo ist Jaume?“

Catalina blickte das Mädchen überrascht an. „Das wollte ich Dich fragen.“

Rebecca sank enttäuscht ein Stück in sich zusammen. Jaume war seit dem Morgen fort, so berichtete sie aufgeregt. Noch vor Sonnenaufgang hatte es an der Tür geklopft, und nachdem sie eine Männerstimme im Wohnraum gehört hatte, war ihr Bruder mit dem geheimnisvollen Besucher aus dem Haus gegangen. Er hatte ihr und der Mutter nur gesagt, daß sie sich keine Sorgen machen sollten. Doch dann waren die Soldaten gekommen. „Hast Du sie auch gesehen? Es sind die Faschisten!“

Ihre Hoffnung war also vergeblich gewesen. Nun mußte sie Jaume finden, dringender als je zuvor. Catalina schloß die Augen und rief sich sein Bild ins Bewußtsein. 'Jaume, wo bist Du?' Sie konnte ihn nicht sehen, aber ein Gefühl sagte ihr, daß er in den Bergen war. Gewiß hatte sein Verschwinden mit der Ankunft der Besatzer und mit den Widerstandskämpfern zu tun. Die Hexe verabschiedete sich eilig von Rebecca und machte sich auf den Weg.

Gerade hatte sie die Straße überquert und wollte in den Schutz der Bäume eintauchen, da hörte sie eine Stimme.

„Halt!“

Es war ein Soldat, einen Steinwurf weit von ihr entfernt, und er richtete sein Gewehr auf sie. Wie hatte sie ihn nur übersehen können? Catalina starrte ihn an und überlegte, was sie tun sollte. In den Wald verschwinden? Er würde ihr nicht folgen können, aber war es klug, zu fliehen? Was wollte er von ihr? Vielleicht ließ sich alles friedlich regeln. Sie durfte sich nicht alle zu Feinden machen, wenn sie noch eine Weile hier leben mußte. Die Hexe drehte sich um und ließ ihn näherkommen.

Mit erhobener Waffe trat der junge Mann auf sie zu. Er schien Furcht zu haben. Wie mochte sie wohl auf ihn wirken, eine große, wild aussehende Frau in zerschlissener Kleidung, mit wütend funkelnden Augen und abwehrbereit wie eine zornige Katze? Er war kleiner als sie. Ob er schon von der Hexe gehört hatte? Unwillkürlich mußte Catalina lachen.

Jetzt hatte er sie erreicht, und er sagte etwas, das sie nicht verstehen konnte. Sie zuckte mit den Schultern und drehte ihm die leeren Handflächen entgegen. Der Griff um den Gewehrkolben lockerte sich ein wenig. Der Soldat wiederholte seine Rede und wies die Landstraße entlang in Richtung des Dorfes. Catalina glaubte, die Worte 'Hauptmann' und 'Fragen' gehört zu haben. Mit gemessenen Schritten ging sie vor ihm her.

Rebecca sah vom Feld aus hilflos zu.

Ihr Begleiter sprach nichts, aber die Hexe spürte, daß er noch immer auf sie zielte. Ärgerlich blieb sie stehen und wandte sich langsam um. Sie konnte ihn jederzeit töten, und er würde keine Zeit haben, zu schießen. Er würde einfach umfallen, wie ein Kaninchen oder ein zu aufdringlicher Hund, und niemand könnte sagen, daß sie es gewesen war. Auch die Göttin hätte nichts dagegen, dessen war sich Catalina sicher. Warum tat sie es nicht? Statt dessen blickte sie ihm fest in die Augen, legte die Hand auf den Lauf seiner Waffe und drückte ihn sanft nach unten. Der Soldat zögerte, doch dann ließ er das Gewehr sinken.

Er führte sie ins Dorf. Außer einigen Bewaffneten war niemand auf der Straße zu sehen. Sie gingen an zwei Posten vorbei in das kleine Wirtshaus gegenüber der Kirche. Hinter einem der Tische saß ein großer, kantiger Mann mit kurzgeschorenen Haaren und schrieb. Der Hauptmann ließ sie einen Augenblick warten, dann sah er Catalina eindringlich an. Sie fühlte sich unwohl unter seinen Blicken.

Als er sie ansprach, schüttelte die Hexe den Kopf. „Ich verstehe Sie nicht.“

„Dann wird es Zeit, daß Sie die Sprache Ihres Landes erlernen!“, entgegnete er.

„Dies ist die Sprache meines Landes“, stellte Catalina selbstbewußt fest, „und es scheint auch die Ihre zu sein.“

Ein Lächeln huschte für einen Moment über sein Gesicht. „Ich bin Oberst Marquez, und meine Herkunft tut nichts zur Sache. Aber wie ich sehe, hat Pater Mateo nicht zuviel versprochen. Sie müssen die Hexe sein.“

Ärger drängte in Catalina nach oben. „Pater Mateo ist ein Dummkopf“, entfuhr es ihr, und sie hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Sie mußte vorsichtig sein, ihre Gefühle im Zaum halten, denn dieser Mann war ungleich gefährlicher als der Pfarrer.

Doch der Offizier schmunzelte über diese Bemerkung. „Er ist ein sehr nützlicher Dummkopf. Wir bräuchten mehr von seiner Sorte. Jedenfalls hat er nichts eiligeres zu tun gehabt, als mir über Sie zu berichten.“ Oberst Marquez machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor er fortfuhr: „Was wissen Sie über die Rebellen?“

Was wußte er? Jaume hatte niemandem im Dorf verraten, daß sie die Anarchisten beherrbergt hatten, und bestimmt würden Rebecca und ihre Mutter ebenfalls geschwiegen haben. Ob doch jemand im Ort etwas geahnt und sie nun denunziert hatte? Oder fragte der Oberst nur auf gut Glück?

„Welche Rebellen? Ich habe keine Ahnung.“

„Wirklich nicht? Sie leben im Wald, Sie müssen doch jedes Versteck kennen.“

Ihr wurde heiß. „Ja, ich kenne jeden Schlupfwinkel, aber ich habe keine Rebellen gesehen, weder Republikaner noch Faschisten noch sonst...“

Der Offizier unterbrach sie wütend. „Wir sind keine Faschisten!“ brauste er auf. „Wir sind Soldaten für dieses Land, wir sind Kämpfer für die Traditionalistische Falange! Wir sind keine Faschisten, wie diese verfluchten Bolschewiken behaupten!“

Das war ihr erster Fehler gewesen. Catalina wollte weglaufen oder fauchen, aber sie wußte, daß sie nicht die Beherrschung verlieren durfte.

Oberst Marquez beruhigte sich schnell wieder, zumindest an der Oberfläche. „Was wissen Sie?“ wiederholte er seine Frage. „Wir kennen Wege, Dinge zu erfahren, denken Sie daran.“

Das bezweifelte Catalina nicht. Selbst ihre Mutter, die Christin, hatte eine harmlose Frau aus dem Nachbardorf der Hexerei bezichtigt, um weiterer Folter zu entgehen. „Nichts“, sagte sie mühsam aufrechterhaltener Selbstsicherheit, „ich weiß gar nichts. Politik interessiert mich nicht.“

„Nun gut.“ Wieder schwieg er einen bedrohlichen Moment lang, doch sein Gesicht wurde eine Spur weicher. „Wir werden bestimmt noch miteinander sprechen. Sie können gehen.“

Grenzenlos erleichtert trat sie aus dem Haus und wandte sich der Straße zum Meer zu. Als sie die letzten Häuser hinter sich gelassen hatte, begann Catalina zu zittern. Im Wald setzte sie sich auf den nächstbesten Stein, und es dauerte eine Weile, bis sie weitergehen konnte. Dann schaute sie sich um, vergewisserte sich, daß niemand ihr folgte, und machte sich auf die Suche nach Jaume.

In sicherer Entfernung umrundete sie das Dorf und stieß endlich auf den Weg in die Berge. Sie rannte fast über den schmalen Pfad, und bald war sie außer Atem. Catalina war nicht gewohnt, so schnell zu gehen, jedenfalls nicht als Mensch. Hatte sie ihren Freund schon verfehlt? Wieviel Zeit hatte sie verloren? Wieder mußte sie eine Pause machen, um Luft zu schöpfen.

Schon wollte sie weitergehen, da hörte sie ein Geräusch. Es war das Brechen von Zweigen unter menschlichen Füßen. Hastig versteckte sie sich und spähte zwischen den Baumstämmen hindurch. Dann sah sie Jaume, der ihr bergab entgegenkam. Catalina sprang aus ihrer Deckung, achtete nicht darauf, daß ein Dorn ihren Rock zerriß, und eilte ihm entgegen.

„Sind sie schon da?“ fragte Jaume unvermittelt, nachdem seine Freundin ihre Umarmung gelockert hatte.

Catalina nickte.

„Verdammt!“ Am Morgen, so berichtete er nun, war der Lehrer Antoni zu ihm gekommen, um ihn zu warnen und um Asyl in den Bergen zu erbitten. Sie waren sofort aufgebrochen, und Jaume hatte gehofft, rechtzeitig zurück zu sein, um nicht als vermißt aufzufallen. Doch der alte Schulmeister, der bereits die Nacht über gewandert war, hatte nur langsam gehen können.

„Komm mit zu mir, da bist Du sicher“, schlug die Hexe vor, aber Jaume lehnte ab. Er mußte ins Dorf zurück.

Schweigend und bedrückt gingen sie weiter. Catalina führte ihren Freund über versteckte Tierpfade herunter ins Tal und wies ihm einen Weg, um ungesehen zu den Äckern zu gelangen. Es würde aussehen, als käme er von der Feldarbeit zurück. Sorgfältig hielt sie Ausschau, bis sie überzeugt war, daß niemand beobachten würde, wie Jaume aus dem Wald trat. Die beiden verabschiedeten sich, und Catalina gab ihm einen heftigen Kuß, bevor sie ihn gehen ließ. Würde es wirklich gut gehen? Sie hatte Angst!

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