Catalinas Hoffnung
Später, als sie alleine in ihrer Höhle lag, versuchte Catalina lange vergeblich einzuschlafen. Schlimme Ahnungen gingen ihr durch den Kopf, und als ihre Müdigkeit endlich gesiegt hatte, wurde sie von Alpträumen geplagt. Sie sah sich wieder auf der Flucht, erlebte ihre Verwandlung, und dann beobachtete sie Jaume, wie er zu entkommen suchte, und sie konnte ihm nicht helfen, als die Häscher ihn überwältigten. Unfähig sich zu bewegen, versuchte sie aufzuwachen, und stürzte statt dessen nur in eine neue, schrecklichere Ebene des Traums.
„Jaume!“ Sie war erwacht. Es dauerte, bis sie wußte, wo sie sich befand. Draußen begann es bereits zu dämmern. Catalina trat ins Freie und schaute über das Tal. Alles wirkte so friedlich, und die Ereignisse des vergangenen Tages schienen unvorstellbar. Aber sie wußte, daß sie wahr waren. Die Zeit der vermeintlichen Idylle waren vorbei.
Aus einem sicheren Versteck beobachtete sie das Dorf, und sie dankte der Göttin, als sie Jaume und Rebecca auf dem Weg zur Feldarbeit erblickte. Um nicht aufzufallen, wartete sie schweren Herzens bis zur Mittagszeit, bevor sie die beiden unter dem großen Olivenbaum aufsuchte.
Die Soldaten hatten Jaume, als er am Vorabend heimgekehrt war, nicht beachtet und ihm keine Fragen gestellt. Offensichtlich waren sie also nicht verraten worden. Nichts schien darauf hinzuweisen, daß die Besatzer wirklich Widerstandskämpfer in der Nähe vermuteten.
Trotzdem wagte Jaume nicht, hinauf zu Antoni zu gehen. Dieser würde einige Tage warten können, bis es ruhiger geworden war. Vielleicht würden die Soldaten ja sogar wieder abziehen und nur einen Statthalter zurücklassen. Catalina, so empfahl Jaume, sollte sich unauffällig benehmen und sich ab und zu einmal sehen lassen, um nicht in Verdacht zu geraten, sich zu verstecken. Nur widerwillig stimmte die Hexe zu. Sie erinnerte sich an die Zeit der Inquisition, als sie in die Kirche gehen mußte und alles getan hatte, um nicht aufzufallen. Es wurde Zeit, daß sie fortgingen!
Es war nicht leicht, unter dem Druck der Angst den Schein der Normalität zu erhalten. Während Jaume auf dem Feld arbeitete, grübelte er darüber nach, ob er sich von den Bergen fernhalten sollte oder ob es auffälliger wäre, diesen gewohnten Gang plötzlich zu unterlassen. Wem im Dorf konnte er noch vertrauen? Die Meisten hatten einstmals auf der Seite der Republik gestanden, aber wen würde das hindern, sich nun bei den Siegern einzuschmeicheln? Jaume war in den vergangenen Wochen zum Außenseiter geworden. Früher oder später würden sie beginnen, nach dem Lehrer zu suchen. Am nächsten Tag würde er hinaufsteigen, entschied er schließlich. Antoni mußte ohnehin fliehen, und vielleicht konnten Jaume und Catalina mit ihm gehen.
Die Hexe saß indessen hoch über dem Meer auf den Klippen und ließ sich den Wind in die Haare blasen. Mehr als je zuvor in den vergangenen Jahrhunderten wünschte sie sich, mit jemandem sprechen zu können. Der Alptraum der vergangenen Nacht ließ ihr keine Ruhe. Nein, man würde Jaume nicht jagen, niemand würde ihn fangen! Träume enthielten keine Prophezeiungen, davon war Catalina überzeugt. Aber wenn doch? Es war falsch, den Dingen ihren Lauf zu lassen, sie mußten selbst etwas tun!
Nicht einmal an der unterirdischen Quelle fand Catalina an jenem Tag Ruhe. Nach einer schlaflosen Nacht machte sie sich auf den Weg zur alten Mühle, nicht weil sie damit rechnete, in diesen Tagen eine Patientin zu finden, sondern um sich sehen zu lassen und um überhaupt etwas machen.
Zu Catalinas Überraschung näherte sich nach kurzer Wartezeit doch eine Person. Es war ein Soldat, und die Hexe ging in Deckung. Er trug kein Gewehr, so erkannte sie bald, nur eine kleine Waffe am Gürtel. Was wollte er von ihr? Vorsichtig und sprungbereit tauchte sie aus ihrem Versteck auf.
Der Mann reichte ihr ein Blatt Papier, und Catalina sah es überrascht und ratlos an. Was sollte das bedeuten? Natürlich war es nicht in ihrer Sprache geschrieben.
„Auf Anordnung von Oberst Marquez ist es Ihnen ab sofort untersagt, die Tätigkeit eines Arztes auszuüben“, erklärte der Bote. „Dieser Bescheid ist hiermit rechtskräftig.“ Ohne der Hexe Zeit zum Antworten zu geben, drehte er sich um und ging.
Es dauerte eine Weile, bis Catalina den Sinn dieser Mitteilung begriff. Dann schäumte sie fast vor Wut. 'Anordnung von Oberst Marquez'! Pater Mateo hätte es heißen müssen, davon war sie überzeugt. Voller Zorn zerknüllte sie den Zettel, warf ihn zu Boden und ließ ihn in Flammen aufgehen. Sie machte sich auf den Weg, um Jaume zu suchen.
Zu ihrer Überraschung traf die Hexe auf den Feldern im Tal jedoch nur seine Schwester an. Jaume sei nun doch in die Berge gegangen, erfuhr Catalina. Als sie ihm folgen wollte, hielt Rebecca sie zurück.
„Warum hat er mir nichts davon gesagt?“ schimpfte Catalina.
„Damit hat er mich beauftragt“, versuchte das Mädchen zu besänftigen. „Er ist schon lange weg, und er wollte noch hinüber nach Santa Eularia gehen. Ich weiß nicht, ob vorher oder hinterher. Bis zum Abend ist er bestimmt wieder da.“ Rebecca sah ihrer Freundin in die Augen. „Aber was ist Dir passiert?“
Mit unvermindertem Ärger berichtete Catalina von ihrem Erlebnis. Sie hatte nicht vor, sich an diesen erniedrigenden Befehl zu halten, tat sie trotzig kund, und Rebecca gab sich alle Mühe, ihre Freundin zu besänftigen.
„Warte wenigstens, bis die Soldaten weg sind“, beschwor sie du Hexe. „Mach nicht alles noch schwieriger, nur um den Stinkbock Mateo zu ärgern. Sei doch einmal wenigstens vernünftiger als die anderen!“ Dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und sie ergriff Catalinas Hand. „Bitte, nutze die Zeit, um mir etwas von Deinen Geheimnissen zu erklären!“
Es wurde tatsächlich Abend, ehe Jaume zurückkehrte. Die beiden Frauen saßen noch immer ins Gespräch vertieft unter dem Olivenbaum. Catalina hatte eine kleine Auswahl von Pflanzen zusammengetragen, und Rebecca nahm alles, was ihre Freundin über die Eigenschaften der Kräuter erzählte, begierig auf.
„Nein, nicht die Wurzel!“ korrigierte die Hexe. „Nur die jungen Blätter heilen, der Rest ist giftig. Siehst Du jetzt, warum ich die Rezepturen sonst für mich behalte? Ein Fehler kann viel zu viel Schaden anrichten. Du mußt mehr als nur sorgfältig sein.“
Die Jüngere nickte. „Das reicht für heute, mehr kann ich mir nicht merken. Machen wir morgen weiter?“
„Weiter?“ Catalina lächelte nachsichtig. „Wiederholen werden wir, bis Du diese Lektion im Schlaf kannst. Die Heilkunst ist zu wichtig,...“ Sie brach ab und blickte zur Straße. Jaume kam.
Sie hatte ihn schelten wollen, aber die Wiedersehensfreude ließ ihren Ärger verrauchen. Alles war gut gegangen, das war die Hauptsache.
Es begann bereits zu dämmern. Rebecca hob ihre Sachen auf, packte den Sack mit den geernteten Früchten auf den Rücken und machte sich auf den Heimweg. Sie wollte das glückliche Paar nicht länger stören. Doch Jaume entließ Catalina aus seinen Armen und rief seine Schwester zurück.
„Rebecca, warte. Ich muß mit Dir reden“, sagte er bedeutungsvoll. „Setzt Euch.“
Verwundert tat sie, wie geheißen, und Catalina nahm neben ihr Platz. Jaume rückte sich umständlich einen dicken Holzscheit zurecht und hockte sich darauf. Er schien verlegen zu sein.
„Catalina und ich“, begann er schließlich, „wir werden von hier fort gehen.“
Seine Schwester starrte ihn betroffen an. „Wann?“ fragte sie ungläubig. „Wohin?“
„Nach Argentinien. Und wir gehen bald, vielleicht schon übermorgen.“
Überglücklich sprang Catalina auf und fiel ihm um den Hals. „Ich liebe Dich!“ wiederholte sie immer wieder. Rebecca hingegen blieb gefaßt. Hatte sie es geahnt, oder konnte sie es noch nicht glauben. Der junge Mann legte seinen Arm zärtlich um Catalinas Taille und wandte sich wieder dem Mädchen zu.
„Du mußt es verstehen, wir können nicht hierbleiben, nicht bei Pater Mateo und den scheinheiligen Leuten hier im Dorf. Erst recht nicht jetzt, wo die Faschisten hier sind.“
Eine erste Träne lief über Rebeccas Wange. Jaume erklärte schweren Herzens, daß er einen Teil der Felder der Familie verkauft hatte, um Geld für die Schiffsreise zu bekommen. Mit dem Rest könnten Mutter und Tochter gut auskommen, und Rebecca würde als Erbin des Landes eine gute Partie machen können. „Kein Mädchen im Dorf hat eine solche Mitgift“, versuchte er sie zu trösten.
Seine Freundin entwand sich seinem Griff und funkelte ihn wütend an. „Ist das noch immer alles, woran Ihr Männer denkt?“ schimpfte sie. „Eine 'Gute Partie' machen? Damit Rebecca einen Mann bekommt, der nur ihr Land heiraten will?“
Jaume blickte sie erschrocken an. „So habe ich das doch nicht gemeint. Ich dachte...“
Catalina ließ ihn nicht ausreden und wandte sich ihrer Freundin zu. „Rebecca, möchtest Du mit uns kommen?“
Die beiden anderen schwiegen überrascht. Es war das Mädchen, das schließlich zuerst die Worte wiederfand. „Nein, Catalina, Jaume hat recht. Ich kann Mutter nicht alleine lassen, und ich bin hier zu hause.“ Sie schluckte. War sie davon überzeugt? „Und mit einer guten Mitgift kann ich mir wenigstens aussuchen, wen ich einmal zum Mann nehme.“ Dann konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie drehte sich um und lief in die Dämmerung davon.
„Wir werden mit Antoni zusammen gehen“, erläuterte Jaume seine Pläne. Ein Freund des Lehrers würde ihnen in den nächsten Tagen sagen können, wo die Grenze zur noch freien Republik am sichersten zu überschreiten wäre. Dann sollten sie den Schulmeister abholen, im Schutz der Wälder unter Catalinas Führung das besetzte Gebiet durchqueren und schließlich nach Badalona gehen. „Und in zwei Wochen sind wir vielleicht schon auf dem Weg nach Argentinien!“ Er ergriff ihre Hände, und Tränen der Freude traten in seine Augen.
Sie hatten sich schließlich nur schweren Herzens getrennt, und zu Catalinas Freude überraschte Jaume sie schon am Morgen wieder vor ihrer Höhle.
„Ich pfeife auf den Schein“, sagte er zur Erklärung seines Sinneswandels. „Alle im Dorf wissen, daß ich die Hexe aus dem Wald liebe, also was soll's? Ich möchte noch einmal mit Dir zu den Klippen wandern und vom Turm herunterschauen.“ Wehmut und Freude mischten sich in Jaumes Stimme.
'Noch einmal zu den Klippen wandern' - sollte es wirklich das letzte Mal in ihrem Leben sein, daß sie diese Wege gingen? Sie waren im Begriff, ihre Heimat für immer zu verlassen. Plötzlich kam ihr alles unwirklich und bedrohlich vor. Sie hatte Jahrhunderte hier verbracht und war immer wieder hierher zurückgekommen, sie liebte ihre Heimat trotz aller schrecklicher Erinnerungen. Und nun würde sie den kärglichen Rest ihres Menschenlebens in einem fernen Land verbringen, ohne Hoffnung auf Wiederkehr. Den Rest? War sie so alt?
„Jaume, bitte halt mich fest!“ Sie preßte sich schutzsuchend an ihn. 'Niemals wieder' - das war für die Hexe das schrecklichste aller Worte, und es ging ihr nicht mehr aus dem Sinn.
Ihre Näharbeit ließ Catalina achtlos liegen, und sie machte sich mit Jaume auf den letzten Rundgang durch ihr Revier. Über schmale, steinige Pfade stiegen sie hinauf zu dem alten Turm, von dem aus man Sant Josep und die ganze Umgebung sehen konnte. Früher hatte hier ein Feuer gebrannt, wenn Piraten kamen, aber das war noch vor Catalinas Zeit gewesen. Der Wind, der hier oben nur selten zum Erliegen kam, trug die Schreie der Möwen heran. Menschen hingegen waren hier weder zu hören noch zu sehen. Nur die Ruine zeugte von ihrer Existenz. Wie einsam würde es wohl in Argentinien? Catalina lehnte sich an das alte Mauerwerk. Ihr Blick schweifte langsam über die Bucht und das Tal, bis er an Jaume hängen blieb. „Schaust Du Dir das Dorf an?“
Er nickte.
„Du wirst es gewiß vermissen“, stellte sie fest.
Jaume zögerte mit seiner Antwort. „Nein, ich werde höchstens eine Illusion vermissen“, sagte er schließlich. „Ich hatte einmal geglaubt, im Dorf Teil einer Gemeinschaft zu sein. Seitdem Du gekommen habe ich gelernt, daß es eine Gemeinschaft von Wölfen ist, die nur darauf lauert, daß einer von ihnen Schwäche zeigt.“
„Und was sagt Deine Mutter dazu?“
„Sie tobt“, antwortete Jaume kummervoll.
Die beiden gingen langsam weiter. Das sanfte Rauschen des Windes im Gesträuch wurde vom Schwirren der Zikaden verdrängt, als sie in den Wald eintraten. In Serpentinen führte der Weg weiter hinauf, um dann über dem Kap nochmals auf die Steilküste zu stoßen. Catalina liebte diesen Platz, als Katze wie als Frau. Wie oft hatte sie hier gesessen, auf das Meer geschaut und die Einsamkeit genossen? 'Nie wieder.' In der Ferne zog nun ein Schiff vorbei, eine schwarze Wolke über den blauen Himmel schleppend. Würde das Boot, das sie nach Amerika bringen würde, ebenso aussehen? Die ganze Zeit hatte sich Catalina ein schlankes Segelschiff mit prächtigem weißen Tuch vorgestellt.
Querfeldein, über unwegsame Tierspuren, gingen sie Hand in Hand zum Heiligen Berg. Es war Mittag, und sie machten im spärlichen Schatten der Pinien Rast. Beim Abstieg zeigte Catalina ihrem Freund die Stelle, wo einstmals die verfallene Hütte gestanden hatte. Hier hatte sie sich verwandelt, hier hatte die Geschichte einst begonnen.
Am Abend, als sie wieder den Ausgangspunkt ihrer Wanderung erreicht hatten und Jaume sich verabschieden wollte, hielt Catalina ihn zurück. „Jaume, wir werden unser Leben miteinander teilen“, stellte sie zufrieden fest und nahm seine Hand. Ihre Angst vor dem Unbekannten war plötzlich verschwunden.
„Ja, Catalina!“
„Aber wir werden nie heiraten können“, fuhr sie fort, „jedenfalls nicht mit dem Segen der Kirche.“
Jaume nickte betrübt. Hatte er es noch immer gehofft?
Sie stellte sich vor ihn und sah ihm in die Augen. „Dann laß uns jetzt unseren Bund schließen.“
Hatte sie das überhaupt vorgehabt? Nein, nichts davon war geplant. Catalina gehorchte einfach ihren Gefühlen, trat einen Schritt näher und begann, sein Hemd zu öffnen. Nur einen Moment lang konnte sie Zweifel in seinem Gesicht lesen, dann legte er die Hände um ihre Taille und zog ihre Bluse aus dem Rock hervor.
Schließlich standen sie nackt voreinander. Die Hexe betrachtete genüßlich Jaumes Körper, und er erwiderte ihre lustvollen Blicke, wenn auch noch immer nicht ohne Scheu. Sie schmiegten sich aneinander, streichelten und erkundeten einander mit Händen, Lippen und Schwanz, und endlich sanken Catalina und Jaume im hellen Sonnenschein auf den Boden vor der Höhle nieder. Angst und Ungewißheit waren vergessen, als sie sich vereinigten. Es gab nur noch die Liebe in ihrer Welt.
Endlich waren sie Mann und Frau.
Jaume fand nur wenig Schlaf in dieser Nacht. Es betrübte ihn sehr, so fern von seiner Liebsten zu sein, aber er wagte nicht, durch nächtliche Abwesenheit die Argwohn der Besatzer auf sich zu ziehen. Aber es würde ja das letzte Mal sein. Sie mußten gehen, und sie durften keine Zeit verlieren.
Während er mit Catalina unterwegs gewesen war, hatten die Soldaten überall nach dem verschwundenen Lehrer gesucht. Sie mußten kurz vor seiner Rückkehr dagewesen sein, und sie hätten auch Jaume befragen wollen.
„'Der ist im Wald bei seiner Hexe, das wissen doch alle im Dorf', hat Mama geschimpft, und die Strolche haben gegrinst und sind wieder gegangen“, so hatte Rebecca schmunzelnd berichtet.
Jaume wußte nicht, ob er darüber lachen oder weinen sollte. Die Haltung seiner Mutter tat weh, und doch schmerzte es ihn, ihr Kummer zu bereiten. Warum konnte sie ihn nicht verstehen? Er fürchtete sich vor dem bevorstehenden Abschied nicht nur, weil er seine Heimat und seine Familie verlassen würde, sondern vor allem auch wegen des Streits, den er erwartete.
Nachdem er sich noch einige Male schlaflos herumgewälzt hatte, stand Jaume auf. 'Die letzte Nacht', diese Worte gingen ihm nicht aus dem Sinn. Die letzte Nacht in diesem Bett, in diesem Dorf, mit seiner Familie, aber auch die letzte ohne Catalina! Trauer und Erwartung vermengten sich auf seltsame Weise. Er stand auf und ging in die Küche. Es war still im Haus, die beiden anderen schliefen noch. Jaume schnitt sich eine Scheibe Brot und ein Stück Käse ab, dann machte er sich auf den Weg zu den Feldern. Noch ein Mal mußte er den Schein wahren, erst am Mittag würde er sich mit jenem Freund Antonis treffen, der ihm die rettende Botschaft bringen sollte.
Mit dem sanften Licht des Morgens überkam ihn eine Welle von Zuversicht, als er vor die Tür trat. Alles wirkte friedlich, und selbst der Soldat, der schläfrig beim Brunnen Wache hielt, schien trotz seines Gewehrs harmlos zu sein. Jaume grüßte ihn, als er zur Kirche ging, um das Plakat zu lesen, das, schon von weitem sichtbar, am Tor angeschlagen war.
Nein, hier war nichts mehr ungefährlich. Die Bekanntmachung verkündete nicht nur die Macht der neuen Herren, sie forderte auch dazu auf, ihnen die 'Feinde des Vaterlandes' zu melden. 'Hexenjagd' war das erste Wort, das Jaume dazu einfiel. betroffen wandte er sich ab und lief langsam zur Landstraße.
Zu seiner Überraschung fand er Catalina unter dem alten Ölbaum schlafend vor. Leise trat er heran und betrachtete sie liebevoll. Sie sah wahrhaft wild aus mit ihren vielfach geflickten Kleidern und dem ungekämmten Haar. Mehr als jede andere Frau erinnerte sie ihn wirklich an eine unbezähmbare Katze. Sie erwachte erst, als er zärtlich über ihre Wange strich, und richtete sich erschrocken auf.
„Oh, Du bist es.“ Sie lächelte erleichtert. „Eigentlich wollte ich Dich überraschen.“
Jaume unterdrückte das Verlangen, sie zu umschlingen und zu lieben. Er hatte wichtigeres im Sinn. „Catalina, kannst Du uns auch führen, wenn wir uns ohne Wegbeschreibung zwischen den Feinden hindurchschleichen müssen?“
Sie bejahte ohne zu zögern.
„Dann gehen wir heute nachmittag, gleich was ich erfahre.“ Er zweifelte nicht an ihren Fähigkeiten. Niemand konnte sich besser durch die Berge und die Wildnis schleichen. „Hast Du schon gepackt, was Du mitnehmen willst?“
Die Hexe schüttelte den Kopf und machte sich auf den Weg zurück zur Höhle, um ihre Habe zusammenzusuchen. Jaume sah ihr glücklich nach, bis sie im Wald verschwunden war, dann griff er nach seiner Hacke und machte sich an die Arbeit. Zum letzten Mal.
Rebecca, die kurz darauf eintraf, schalt ihn heftig für sein Verschwinden, und umarmte ihn gleich darauf herzlich. Er nickte, als seine Schwester ihn fragte, ob sie heute aufbrechen würden.
„Ich werde Euch schreiben“, versicherte er ihr, aber so sehr er sich auch bemühte, er konnte ihre Tränen nicht stoppen.
Dann war es Mittag, und Jaume schulterte sein Gerät, um sich unauffällig auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt zu machen. Auf halbem Weg zum Nachbardorf, dort, wo die Straße das ausgetrocknete Bachbett kreuzte, wartete bereits Pere, ein alter Freund und Genosse Antonis, auf den jungen Mann. Er arbeitete an seinen Weinstöcken, die auf einer mauergestützten Terrasse am Fuß des Hanges wuchsen, und er hatte seinen Besucher vom diesem Aussichtspunkt aus schon lange kommen gesehen. Jaume blickte sich noch einmal vorsichtig um und gesellte sich wie zufällig zu ihm.
„Du mußt verschwinden“, empfing ihn Pere mit gedämpfter Stimme. „Sie wissen, daß Du für Antoni Botengänge gemacht hast.“
Ein kalter Schreck für Jaume durch die Glieder. Konnte er nun überhaupt noch einmal nach Hause gehen? Der alte Mann ließ ihm keine Zeit, um darüber nachzudenken.
„Die Front läuft ungefähr von Torre de Tosas nach Nordwesten, mehr konnte ich nicht erfahren. Geht durch die Berge bei Puerto Sabadella, dort ist es am unwegsamsten.“
Jaume schaute den stämmigen Bauern hilfesuchend an.
„Verschwinde endlich“, wies Pere ihn zurecht. „Oder willst Du uns beide in Gefahr bringen?“
Diese Worte rissen den Jüngeren aus seiner Erstarrung. Er wandte sich zum Gehen, aber eine Hand legte sich auf seine Schulter. Noch einmal drehte er sich um, und er blickte in das zerfurchte Gesicht des Alten. Lächelte er?
„Viel Glück“, sagte Pere und umarmte Jaume kräftig. „Viel Glück in der neuen Welt. Ich weiß, Ihr werdet es schaffen!“
Mit eiligen Schritten machte Jaume sich auf den Rückweg. Durfte er es wagen, ins Dorf zu gehen? Er mußte sich von seiner Mutter verabschieden, und er konnte nicht ohne das Geld gehen. Noch hatte er keinen Boten gesehen, der die Meldung hätte nach Sant Josep bringen können, und hier gab es kein Telefon. Ja, noch konnte er es riskieren.
Doch das Knattern eines Fahrzeugs machte seine Hoffnungen zunichte. Er sprang ins Gebüsch und duckte sich. Aus seinem Versteck im dornigen Gestrüpp sah er ein Motorrad vorbeifahren. Es war zu spät.
Mühsam kämpfte sich Jaume durch das Unterholz weiter. Wie schaffte es Catalina nur, sich hier so lautlos und geschickt zu bewegen? Er kam sich wie ein polterndes Ungeheuer vor. Immer wieder mußte er sich von stachligen Ranken befreien, und mehr als einmal stolperte er über Wurzeln. Der Weg schien endlos. Wie weit war er schon gekommen? Zwischen den Stämmen erhaschte er einen Blick auf das Tal. Nur ein kleines Stück noch! Außer Atem erreichte er endlich den Pfad, der in der Nähe des großen Olivenbaums auf die Straße traf. Wenigstens mußte er Rebecca Bescheid geben, was geschehen war.
Vorsichtig näherte er sich dem Waldrand und schaute sich um. Kein Feind war zu entdecken. Seine Schwester saß noch immer im Schatten. Jaume trat ins Freie. Doch er war nur wenige Schritte weit gekommen, als er Rebeccas Schrei hörte.
„Jaume, nicht!“
Verwirrt blickte er um sich. Was meinte ? Zu spät sah er den Soldat um die Biegung der Straße kommen. Er machte kehrt und sprang in den Schutz der Bäume zurück.
„Stehenbleiben! Sie sind verhaftet!“ rief der Bewaffnete hinter ihm.
Jaume achtete nicht darauf und rannte den Hang hinauf. Die Furcht beflügelte seine Schritte. Sein Verfolger war hier weniger gewandt als er, und dessen Rufe wurden leiser. Gut, daß er die Pfade kannte.
„Stehenbleiben!“
Der Abstand vergrößerte sich immer weiter. Fast hatte er die erste Hügelkuppe erreicht und würde aus dem Blickfels des Häschers verschwinden. Er würde es schaffen!
Catalina hörte den Schuß, als sie schon auf dem Weg war, um sich von Rebecca zu verabschieden. Ein eisiges Gefühl traf sie wie ein Schlag, lief durch ihren Körper und verebbte langsam. Sie ließ ihr Bündel fallen und rannte los. Wie sie ihren Weg fand, wußte Catalina nicht. Von grenzenloser Angst betäubte, folgte sie einfach ihrem Instinkt. Äste schlugen ihr ins Gesicht, und ihr Rock zerriß, aber die Hexe beachtete es nicht. Sie wußte, daß Jaume etwas zugestoßen war.
Zuerst sah Catalina den Soldaten mit dem drohend auf sie gerichteten Gewehr. Auch er schien etwas zu suchen. Sie stoppte und ging Schritt für Schritt weiter, während er ihr entgegenkam.
Auf einem schmalen Pfad zwischen den Wacholderbüschen fand sie Jaume. Er lag mit dem Gesicht nach unten am Boden, und sein Hemd war blutgetränkt. Catalina stieß einen Schrei aus und kniete neben ihrem reglosen Liebsten nieder. In verzweifelter Hoffnung umfaßte sie seinen Körper und drehte ihn um. Leblos lag er in ihren Armen, und seine leeren Augen starrten ins Nichts. Jaume war tot.
„Nein.“ Sie preßte ihn an sich, und die Welt verschwamm hinter einem Tränenschleier. Es durfte nicht sein, es mußte ein böser Traum sein! Aber sie wußte, daß es keiner war. „Nein!“
Ein Gefühl der Leere erfüllte Catalina. Sie war nicht einmal bei ihm gewesen! Alleine! Nun war alles schwarz und kalt, alles war zerschlagen. Kein klarer Gedanke ließ sich mehr fassen, und Catalina ergab sich völlig in ihren Schmerz. Rauschen füllte ihre Ohren, und die Außenwelt existierte nicht mehr. Alleine!
Etwas berührte ihren Arm, und sie schreckte auf. Der Soldat stand neben ihr, und er hatte sie mit dem Gewehrlauf angestoßen. Wie lang war er schon dort? Vorsichtig, fast zärtlich, legte Catalina Jaumes Körper nieder und richtete sich auf. Was wollte er hier? Nur langsam begriff sie, was geschehen sein mußte. Er war es, der ihren geliebten Gefährten getötet hatte!
Haß wallte in ihr auf. Ihre Tränen versiegten, und die Hexe blickte den uniformierten jungen Mann berechnend an. Er hatte Jaume ermordet, obwohl er ihn nicht einmal gekannt hatte, er hatte einfach so, nur eines fernen Befehls wegen, einen anderen Menschen umgebracht. Nun würde er sterben! Mit einem geistigen, aber nichts desto trotz tödlich festen Griff umfaßte Catalina sein Herz.
Der Soldat wurde bleich. Von Angst gelähmt starrte er die Frau an. Er wußte nicht, was mit ihm geschah, aber er ahnte, daß sie es war, die den wachsenden Druck in seiner Brust bewirkte. Sein Herzschlag begann zu stolpern. Weshalb konnte er sich nicht bewegen? Stand die Zeit still? Die Finger verkrampften sich um seine Waffe.
Nur Sekunden hatte er noch zu leben. Er mußte für seine Tat büßen. Und dann? Wer hatte sie ihm befohlen? Was sollte dann geschehen? Zweifel überfielen Catalina, und sie lockerte die Umklammerung. Nichts konnte Jaume zurückbringen. Welchen Nutzen hätte der Tod des jungen Soldaten? Andere würden kommen, um nach ihr zu suchen und nach Jaumes Familie. Die Hexe sah die Furcht im Gesicht ihres Gegenübers. Rache? Dachte sie wirklich selbst schon so wie ihre Feinde? Nein, das war nicht ihr Weg. Erschrocken über sich selbst ließ sie ihn los.
Doch der Mörder trug noch immer seine Waffe. Bevor er sie abermals erheben konnte, ließ Catalina das Gewehr in seiner Hand explodieren. Mit jener magischen Hitze, mittels derer sie sonst ihr Feuer entzündete, brachte sie die Patronen zur Detonation. Ein Schuß ging in den Erdboden, die anderen zerrissen den Mechanismus und mit ihm die Finger, die ihn umklammerten. Der Mann schrie auf und erwachte aus seiner Erstarrung. In panischer Angst stolperte er zu Tal.
Catalina sah ihm nicht nach.
Sie hob Jaumes Körper hoch und machte sich langsam auf den Weg zur Höhle. Er war schwer, und es bereitete Catalina größte Mühe, ihn zu tragen. Aber sie durften ihn nicht bekommen! Immer wieder stolpernd schleppte die Hexe den Leichnam ihres Freundes durch den Wald, und als sie schließlich ihr Ziel erreichte, brach sie erschöpft zusammen. Wie hatte sie es überhaupt geschafft? Catalina konnte sich nicht daran erinnern.
Nachdem sie wieder zu Atem gekommen war, brachte sie ihn in die Grotte. Dies hier war der richtige Ort, nicht der Friedhof des Dorfes, das ihn ausgestoßen hatte. Neben der Quelle, die ihr so oft Kraft gespendet hatte, tief im Schoß der großen Mutter, bettete Catalina Jaume zur letzten Ruhe. Sie nahm still Abschied und verließ zum letzten Mal diesen heiligen Platz.
Ohne weiter darüber nachzudenken, ließ die Hexe ihre Energie strömen und brachte den Eingang der Grotte zum Einsturz. Erst das Splittern und Poltern der Felsen weckte sie wieder aus ihrer Trance. Wohin sollte sie nun gehen?
Sie hatte sich geirrt. Wie lange war es her, daß sie wieder Mensch geworden war? Wirklich kaum zwei Monate? Es kam Catalina vor, als sei sie um Jahre gealtert. Alle Hoffnungen hatten sich zerschlagen, es gab keine bessere Welt, nur das Äußere hatte sich geändert. Und nun hatte man ihr Jaume genommen. Sie hatte sich geirrt, ihre Zeit war noch nicht gekommen. Noch nicht? Würde sie je unter Menschen leben können? Zu vieles in ihr war Katze geblieben und würde es immer sein.
Und Rebecca? Es schmerzte sie, ihre Freundin zu verlieren. Doch es war ohnehin beschlossene Sache gewesen, dieses Land zu verlassen. Was sonst könnte sie tun? Man würde sie nicht mehr hier leben lassen, und sie würde nur noch mehr Leid über Jaumes Familie bringen, wenn sie jetzt zurückkehrte. Sie hatten beschlossen zu gehen. Nun blieb ihr keine andere Wahl. Das Grab ihres Bruders würde Rebecca auch ohne sie finden.
Tränen rannen über Catalinas Gesicht, als sie zu dem heiligen Stein hinaufstieg, an dem sie sich vor kurzem erst zurückverwandelt hatte. Sie kannte ihren Weg, und sie mußte ihn weitergehen. Noch einmal sah sie sich um, ließ den Blick über die Wäldern und Berge schweifen, in denen sie so lange zu Hause gewesen war, dann legte sie ihre Kleider ab und kniete vor dem Altar der großen Mutter nieder. Sie hatte die Worte nie vergessen. Zum zweiten Mal sprach sie die alte Formel, dann spürte sie, wie die Magie zu wirken begann.
Die schwarze Katze schaute nicht zurück. Sie tauchte ins Dickicht des Waldes ein und wandte sich der Küste zu. Ihr Weg führte nach Norden, fort von ihrer Heimat und von jenem Ort, an dem sie zum zweiten Mal alles verloren hatte. Ein Ziel hatte sie nicht, aber sie würde nie mehr zurückkehren, dessen war sich Catalina sicher.
Vor ihr lag ein neues Leben.
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