Rabengesang
Mit klopfendem Herzen erwachte Amadus, und es dauerte eine Weile, ehe er wußte, wo er sich befand. Die Sonne war bereits aufgegangen, und ein einsamer Vogel sang irgendwo da draußen. War er einem Alptraum entronnen, oder bedauerte er, aufgewacht zu sein? Eine merkwürdige Frage! Ihr Gesicht erschien im wieder vor Augen, und sein Herzschlag beschleunigte sich.
Er blieb lange im Bett liegen und versuchte vergeblich, die seltsamen Bilder des Traums zu deuten. Er mußte mehr über die ‚Raben‘ erfahren, und vor allem mehr über das Wolfsmädchen. Doch als Amadus den Dorfplatz betrat, waren die Gaukler längst abgereist.
Wie Amadus erwartet hatte, begegnete er ihnen auf dem großen Platz von Niew. Der Markt war noch im Aufbau begriffen, und auch ‘Die Raben’ hatten ihre Bühne noch nicht fertig errichtet. Er suchte sich einen bequemen Platz am Rand eines nahen Brunnens und beobachtete.
Sie waren zu fünft, zwei Frauen und drei Männer. Neben der geheimnisvollen Wolfsfrau gab es ein fröhliches halbwüchsiges Mädchen, ihre Schwester vielleicht. Eigentlich sahen sie sich alle ähnlich, bemerkte Amadus nun, oder waren es nur die unergründlich dunklen Augen und die schwarzen Haare? Aus welchem Land mochten sie wohl kommen? Vergeblich versuchte er auszumachen, welche Sprache sie untereinander benutzten. Der struppige, graubärtige Alte schien das Sagen in der kleinen Truppe zu haben, er kommandierte seine Kollegen herum und trieb den Aufbau voran. Nur das Wolfsmädchen blieb über seine barschen Befehle erhaben. Welche Stellung hatte sie? War sie seine Tochter? Dann gab es da noch einen Artisten mittleren Alters mit unentwegt spöttischer Miene, und den nun wieder unversehrten, immer fröhlich wirkenden jungen Mann. Nun wieder unversehrt? Amadus lachte über diesen Gedanken. Natürlich immer noch, schließlich war das alles ja ein Trick mit Spiegeln gewesen.
Ein anderer Spielmann kam vorbei, blieb kurz neben ihm stehen und warf einen Blick auf die inzwischen fast fertige Bühne der ‚Raben‘. Amadus hielt ihn zurück. „Wißt Ihr, woher sie kommen?“ fragte er.
Des Musikanten Gesicht verfinsterte sich. „Nein“, lautete die Antwort, „aber sie sollten machen, daß sie dorthin zurückkehren!“ Dann ging er ohne weitere Erklärungen weiter.
Amadus sah ihm verwundert nach. Jetzt fiel ihm auf, daß hier keiner vom fahrenden Volk stehenblieb, um einen Schwatz zu halten und Neuigkeiten auszutauschen, wie es doch sonst üblich war. Und die ‚Raben‘ selbst schienen auch keinen Kontakt zu anderen zu suchen. Sie wurden immer mysteriöser, immer interessanter. Wie konnte er mit ihnen ins Gespräch kommen? Das hieß vor allem: mit ihr!
Er entschloß sich, zunächst die Geschäfte hinter sich zu bringen, vielleicht würde ihm inzwischen etwas einfallen. Doch er kam nicht dazu, sich hierüber Gedanken zu machen.
„Im Vertrauen gesagt: Ihr solltet in Gewürze investieren, mein Freund“, empfahl ihm der dicke Bankier und nahm ein weiteres Stück Gebäck. Mit vollem Mund fuhr er fort: „Nach dem, was in Magra vor sich geht, dürften die Preise steigen.“
Amadus sah sein Gegenüber verwundert an.
„Nun, Ihr könnt es natürlich noch nicht wissen. Noch weiß niemand hier in der Stadt, daß in Magra Krieg herrscht. Ich habe die Kunde selbst erst heute Nacht erhalten. Also: Der König wollte der Stadt die Freihandelsrechte entziehen, und deshalb hat man ihn ermorden lassen. Die Rache war blutig, und im Erbfolgestreit wird, so prophezeie ich, das ganze Land auseinanderbrechen. Eine fette Beute für die lieben Nachbarn, wahrhaftig! Wie auch immer, die alte Peststraße dürfte nun jedenfalls vorläufig dicht sein.“
Nachdenklich, ja schockiert verließ er das Haus des Geldbarons. Die Möglichkeit, Geld aus den schrecklichen Ereignissen zu ziehen, war das letzte, woran er nun dachte. Wie konnte es zu all dem kommen? Wie konnte in den Zeiten des Friedens so unvermittelt der Haß ausbrechen? Amadus verstand die Welt nicht mehr.
Ein Trommelwirbel ließ ihn aufhorchen. Am Rande des Marktplatzes war die Palastgarde aufmarschiert. Was hatte das zu bedeuten? Amadus gesellte sich zu der neugierigen Menge.
„Zu Ehren unseres großen Kaisers und zum Ruhme des Vaterlandes!“ proklamierte der mit Orden behängte Offizier, „rufen wir die tapfere Jugend des Reiches zum Dienst für die Heimat!“
Amadus wandte sich ab und ging weiter. Der Krieg fraß sich seinen Weg nach Norden, rasend und unaufhaltsam. Es war, als ob er ihm folgen würde.
Wie von alleine fanden seine Schritte den Weg über den Markt zu jenem Brunnen, von dem aus er die Bühne der ‚Raben‘ überblicken konnte. Eigentlich seltsam, bemerkte er jetzt, daß sie sich jenen Platz gesucht hatten, bevorzugten Spielleute in der Regel doch Stellen, an denen nur das zahlende Publikum gute Sicht hatte. Schließlich mußten sie von diesen Einnahmen leben, und so ging nun auch Amadus herunter, entrichtete seinen Obolus und setzte sich auf eine der Holzbänke für dem Podium.
Die Vorstellung war bereits im Gange, und diesmal wurde ein Schauspiel aufgeführt. Amadus, der um die Geschichte der Stadt Niew wußte, erkannte schnell, daß es sich um ein historisches Stück handelte. War es vor hundert oder vor zweihundert Jahren gewesen, daß der despotische König vor den Mauern aufgeknüpft worden war? Noch heute waren die Bürger von Niew stolz auf ihre Revolution, auch wenn sie letztlich nur mit der Ablösung eines Herrscherhauses durch ein anderes geendet hatte. Der alte Graubart spielte den Tyrannen, und er mimte ihn wunderbar widerlich, während die junge Frau, die ihn schließlich zu Fall bringen sollte, alle Sympathien des Publikums trug. Die Zuschauer zürnten mit ihr, als der Bösewicht schon wieder die Mehlsteuern erhöhte, um seinen prunkvollen Palast zu errichten, und als er ihren Liebsten ermorden ließ. Niemand unter den Umstehenden blieb bei dieser Aufführung unbeteiligt.
Amadus allerdings stutzte. War die Mehlsteuer nicht vor kurzem erst erhöht worden? Daß dies auch damals geschehen sein sollte, daran konnte er sich allerdings nicht entsinnen. Und baute der gegenwärtige Kaiser nicht gerade seine Residenz in Niew aus?
Dramatische Trommelrhythmen untermalten den blutigen Höhepunkt, und der Applaus war überwältigend. Keiner konnte sich der suggestiven Kraft des Schauspiels entziehen, und auch Amadus spürte Wut über die ungerechten Herrscher dieser Welt in sich aufwallen. Er fühlte das Gewicht des Schwertes an seiner Seite wie eine moralische Verpflichtung, selbst für die gute Sache zu kämpfen.
Die ‚Raben‘ beachteten die Unruhe vor der Bühne nicht und setzten ihr Programm fort. Die Sackpfeife erklang, und zu den Schlägen der Trommel sang die Wolfsfrau mit düsterer Stimme ihr schaurig schönes Lied:
Ihr braucht nicht Zuhause, nicht Weib nicht noch Kind
ich bin eure Mutter und nähre euch wohl
als Helden unsterblich, lebt schnell wie der Wind
das Blut eurer Feinde als Preis ich mir hol'
In seine Gedanken versunken, wanderte Amadus durch die Reihen der Marktstände, ohne die prächtigen, vielfältigen Auslagen wirklich wahrzunehmen. Eisige Schauer waren ihm über den Rücken gelaufen, als diese faszinierende Frau von Krieg, Tod und Zerstörung gesungen hatte. Wußte sie noch nichts von den schrecklichen Ereignissen in Magra und Kanara? Wohl kaum, denn anders war ihre Sorglosigkeit nicht zu erklären. Aber war es wirklich Sorglosigkeit, oder war es eine Warnung? Ihre Strophen lösten seltsame Gefühle in Amadus aus. Er wollte den Frieden verteidigen, und wenn es sein mußte, auch mit dem Schwert! Schon sah er sich selbst in der Pose der alten Helden. Wie würde er dann auf SIE wirken? Ihr Bild erschien vor seinen Augen, wunderschön und unnahbar. Amadus mußte mit ihr sprechen!
Am Stand eines Blumenhändlers kaufte er eine weiße Rose. Wie konnte er sie am geschicktesten überreichen? Sollte er sie ihr auf die Bühne werfen, oder war es besser, sie nach der Vorstellung aufzusuchen? Er war so in seine Überlegungen versunken, daß er schließlich beinahe mit ihr zusammenstieß.
Sie war mit einem Krug zum Brunnen unterwegs, um Wasser zu holen, und plötzlich standen sie sich gegenüber. Die Farbe ihrer Augen war fast schwarz, und sie machten ihr Gesicht noch geheimnisvoller, noch schöner. Sekundenlang starrte Amadus sie an, bevor er wieder Worte fand.
„Niemand singt so wundervoll wie Ihr“, sagte er und verbeugte sich ungeschickt. „Darf ich Euch diese Blume zum Zeichen meiner Verehrung überreichen?“
Die Gauklerin schien nicht minder verwirrt zu sein. Erst schaute sie den jungen Verehrer ratlos an, dann lächelte sie. „Danke“, antwortete sie mit einer Stimme, die viel sanfter und weiblicher war, als Amadus erwartet hatte.
Als sie ihre Hand ausstreckte, um die Rose entgegenzunehmen, berührten sich ihre Finger, doch anstatt sie erschrocken wegzuziehen, hielt sie für einen Moment inne. Eine Welle des Glücks durchströmte Amadus. Sie hatte ihn nicht abgewiesen!
„Darf ich Euch wiedersehen?“ fragte er schüchtern, und sie nickte.
„Vielleicht, ja.“ Hastig wandte sie sich ab und verschwand in der Menge.
Lange sah Amadus ihr nach. Ihm war zum Singen zumute. Am liebsten hätte er gleich ihre nächste Vorstellung besucht, doch er wagte nicht, so aufdringlich zu erscheinen. Er streunte über den Markt, ohne sich weit von den Gauklern und dem Wolfsmädchen zu entfernen. Im Lärm der Menschenmenge versuchte er, ihre Musik zu erlauschen, und er hatte dabei ihr Gesicht vor Augen. Und er hatte sie nicht einmal nach ihrem Namen gefragt!
Als ihn der Strom der Käufer an der Kuriositätenschau vorbei trieb, die ihre Zelte und Wagen nur ein kleines Stück weiter aufgeschlagen hatte, trat er kurz entschlossen ein. Dies war genau die richtige Ablenkung, bis er sich wieder der Frau seiner Träume zu nähern traute.
Doch er hatte keine Augen für das doppelköpfige Kalb und die anderen exotischen Tiere, für die Dame ohne Unterleib, das Mädchen mit den vier Brüsten und den Jungen mit dem Hundekopf. Er stand vor dem Käfig der Sphinx, aber ein Riß in den Tuchbahnen zwischen den Wagen gab den Blick auf die Bühne der ‚Raben‘, die genau gegenüber stand, frei. Gebannt spähte Amadus hindurch.
Das Theaterspiel war zu Ende, und nun zeigten sie ihre Magie. Das junge Mädchen wurde hypnotisiert. Reglos, mit teilnahmslosem Blick und halb geschlossenen Augen stand sie vor dem Alten. Er hob sie hoch, als sei sie ohne Gewicht, und legte sie einfach in die Luft. Sie schwebte vor ihm, und er bedeckte sie mit einem weißen Laken. Die Wolfsfrau betrat mit einer Fackel die Bühne, und sie entzündete das Tuch, in das ihre Schwester gehüllt war. Flammen loderten auf, brennende Stoffetzen wurden durch die Luft gewirbelt, dann sank die letzte Asche zu Boden. Das Mädchen aber war verschwunden.
„Beeindruckend, nicht wahr?“ sagte die Sphinx.
Amadus nickte nur, doch als er gewahr wurde, wer das gesprochen hatte, fuhr er erschrocken herum und starrte das Fabelwesen an. Sie hatte den Kopf einer Frau, aber den Körper einer geschmeidigen Raubkatze. Ihre großen, runden Augen waren golden, und sie schaute ihn mit den schmal geschlitzten Pupillen an.
„Du kannst sprechen?“ Amadus wußte in seine Überraschung nichts besseres zu fragen.
„Natürlich“, entgegnete sie ärgerlich. „Ist das alles, worüber Du reden willst?“
Er schüttelte verwirrt den Kopf.
„Sieh sie Dir an, die Boten des Verderbens, wie sie unter ihren Opfern tanzen. Sie sind gekommen, um Euch Menschen den Untergang zu bringen.“
„Wer?“
Die Sphinx fauchte ungeduldig. „Morrigus Boten, die Raben. Sie sind keine Menschen, sie sind Wesen wie ich, älter und weiser, als Du es dir vorstellen kannst.“
Amadus wollte nicht begreifen, was er da hörte. „Warum sagst Du mir das?“
„Eine Laune, mehr nicht. Aber nun verschwinde, sie werden schon auf uns aufmerksam. Komm morgen wieder, wenn Du mehr erfahren willst.“
Mein Lied klingt auf ewig, es ruft euch zum Tanz
und Reiche zerfallen zu Asche und Staub
ich singe von Heldenmut's strahlendem Glanz
und weiß, euer Herz ist für mich niemals taub
Wie betäubt wandte sich Amadus ab. Er ging nicht mehr zur Vorstellung, statt dessen verließ er die Stadt, um die Einsamkeit der umliegenden Felder zu suchen. Morrigu. Er kannte diesen Namen aus den Geschichtsbüchern. Sie war die Göttin des Krieges gewesen, doch das war Jahrhunderte her. Wie konnte die Katzenfrau nur die ‚Raben‘ damit in Verbindung bringen? Sicher hatte ihr Name sie fehlgeleitet, denn diese schwarzen Vögel in den Sagen die Begleiter der finsteren Göttin gewesen. Sie selbst sollte ihre Gestalt angenommen haben, um sich vom Fleisch der Erschlagenen zu nähren. Unfug! Und doch, es paßte zu ihren bedrohlichen Liedern, zu ihrer unheimlichen Zauberei, ihren schwarzen Haaren. Amadus wehrte sich gegen diese Gedanken, doch alles fügte sich zusammen. Der Krieg folgte ihnen nicht, sie brachten ihn!
Die Krähen auf dem Feld auf den abgeernteten Feldern flatterten krächzend auf, um sich auf einem anderen Acker fern von dem einsamen Wanderer niederzulassen. Nun erschienen sie auch Amadus als Boten des Unheils.
Aber er, so fuhr es ihm nun durch den Kopf, war der einzige, der ihre Botschaft verstand!
Das bedeutete auch, daß er der einzige war, der etwas gegen sie unternehmen konnte. Doch was? Man würde ihn auslachen, wenn er die Menschen warnen würde. Er verstand nur zu gut warum. Das ganze war lächerlich! Fünf Spielleute bedrohten die Welt, das war ein wahrhaft alberner Gedanke. Die Sphinx hatte ihn narren wollen, mehr nicht. Welchen Grund hätte sie gehabt, die Menschen, die sie gefangen hielten, zu warnen?
Und wenn doch? Amadus wußte nicht weiter. Auf merkwürdige Weise verstärkte dieses Rätsel den Zauber, den das Wolfsmädchen auf ihn ausübte. ‘Sie sind keine Menschen’, hatte die Katzenfrau gesagt, und doch war die geheimnisvolle Gauklerin die faszinierendste Frau, der Amadus je begegnet war.
Ihr Bild verfolgte ihn in den Schlaf, und sie war Schrecken und Verlockung zugleich. Er träumte, daß sie einander jagten, er sie, die Wölfin, und sie ihn, und daß sie einander töten wollten. Doch als die beiden endlich aufeinandertrafen, da war sei wieder eine Frau, und die Reize ihres nackten Körpers überwältigten ihn. Er gab ihr nach - oder sie ihm? - und sie liebten sich im Moos eines unheimlichen Waldes.
Als Amadus am nächsten Morgen die Sphinx aufsuchen wollte, fand er sie tot in ihrem Käfig. Ein Dolch steckte in ihrem Körper, aber noch hatte niemand die Tat entdeckt. Ihm war sofort klar, wer diesen Mord begangen hatte: die ‚Raben‘.
Eilig floh er den Ort des Verbrechens, um nicht selbst für den Täter gehalten zu werden. Die Untat bestätigte die Behauptung der Katze, und mit Schaudern hörte Amadus nun den unheilverkündenden Gesang:
Die Toten begraben, die Wunden geheilt,
schon schlag ich die Trommel auf's neue zum Krieg
zur Heilung der Narben, zur Rache nun eilt
holt was euch gehört, kämpft nun endlich zum Sieg
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