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Rabengesang

Als Amadus Niew verließ, befand sich das Reich bereits im Streit mit seinen südlichen Nachbarn. Konnte er wirklich noch Zweifel hegen? Alles erschien wie ein böser Traum. Er beschloß, so schnell wie möglich nach Norden, zurück nach Skagen zu reisen. Es durfte nicht sein. Die Göttin Morrigu, sie war schließlich ferne Vergangenheit. Was heute geschah, konnte mit ihr nichts mehr zu tun haben.

Vielleicht hätte er diesen Plan wahr gemacht, hätte er nicht zwei Tage später in den Wirren seiner Gefühle versäumt, rechtzeitig ein Wirtshaus für die Nacht aufzusuchen. Als nun die Dämmerung hereinbrach, war Amadus noch immer auf der Landstraße. Es war nicht des erste Mal, daß er im Freien übernachten mußte, und ritt er weiter bis zur nächsten Waldlichtung, um dort sein Nachtquartier aufzuschlagen.

Er war nicht alleine. Zwei bunt bemalte Wagen standen bereits dort, drei Pferde weideten im letzten Tageslicht, und ein Feuer brannte mitten auf der Wiese. Es waren Spielleute, die hier ihr Lager aufgeschlagen hatten.

Amadus war nicht in der Stimmung, sich zu ihnen zu gesellen, wie dies sonst seine Gewohnheit war. Er grüßte sie höflich und breitete seine Decke am entfernten Ende der Lichtung unter den tiefen Ästen der Bäume aus. Nur leise drangen die Lieder an sein Ohr.

Yggdrasil, Weltenesche, überdauerst die Zeit
trotz Drache und Hirschen und Schlangen
von Menschen vergessen, den Göttern geweiht
erwachst du und treibt neue Blüten

sang der blonde Barde im flackernden Feuerschein.

Amadus lauschte, und im Halbschlaf überkam ihn die Erkenntnis: Sie waren nicht tot, die alten Götter! Wie hatte er so naiv sein können? Auch wenn sie in den Städten und den Burgen längst vergessen waren, hier beim fahrenden Volk lebten sie noch! Sollte das bedeuten, daß sie wirklich noch existierten? Dann wäre Morrigu, die Göttin des Krieges und der Vernichtung, real, aber ebenso die Große Mutter, die Herrin des Lebens und der Fruchtbarkeit. Von wem, wenn nicht von ihr, konnte Amadus nun Hilfe erwarten?

Die Spielleute gaben dem jungen Adeligen nur zögernd Auskunft, aber schließlich erfuhr er doch, daß sich ganz in der Nähe ein altes Heiligtum der Muttergöttin befand. Er werde es ohnehin nicht entdecken, versicherte man ihm lachend. Sofort am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg.

Es war in der Tat nicht leicht zu finden, die schmalen Pfade waren mit dornigen Ranken überwuchert, und es schien seit Menschengedenken niemand mehr hier gewesen zu sein. Erst spät bemerkte Amadus, daß die Zweige von Hand über den Pfad gebogen waren und sich leicht zur Seite schieben ließen, wenn man nur ein wenig aufpaßte, anstatt wahllos dagegen zu treten. Dies war also tatsächlich ein geheimer Zugang.

Dann brach das Dickicht fast unvermittelt ab, und wie durch eine Tür trat er auf eine kleine Lichtung. Die Bäume ringsum waren dicht mit Waldreben behangen, welche die heilige Stätte wie ein Vorhang vor neugierigen Blicken und Störungen schützten. In der Mitte der mit Moos und Kräutern bewachsenen Fläche hatte man in längst vergessener Vergangenheit einen Ring aus Steinen aufgestellt. Amadus wollte nähertreten, aber er hielt überrascht inne. Vor seinen Füßen blühten mitten im Herbst Anemonen! Auf diesem Platz lag zweifellos der Zauber der Großen Mutter.

Ehrfurchtsvoll schritt er nun auf das alte Monument zu. Wie sollte er die Göttin rufen? Über diese Zeremonien stand nichts in den Geschichtsbüchern. Hätte er ihr ein Opfer bringen müssen? Unsicher kniete Amadus vor den Steinen nieder und senkte den Kopf. In den Kreis einzutreten, das wagte er nicht. ‘Große Mutter der Menschen, bitte hilf mir, die Gefahr für Deine Kinder abzuwehren’, betete er im Stillen.

Nichts geschah. Er wiederholte seine Beschwörung, verlieh ihr allen Nachdruck, aber er erhielt kein Zeichen, so sehr er auch darum flehte. Schließlich gab er auf und hob den Kopf. Vor ihm stand ein Mädchen in der Mitte des Steinkreises. Sie war barfüßig, ihre offenes blondes Haar floß über ihre Schultern, und ihre einzige Kleidung war ein helles Leinenkleid.

„Was wünschst Du?“ fragte sie mit leiser, freundlicher Stimme.

Amadus war erleichtert. Sie mußte eine Botin der Göttin sein, oder wenigstens ihre Priesterin. Mit frischer Zuversicht schilderte er ihr die Gefahr, die der Welt von Morrigu und ihren Boten drohte. „Ihr müßt sie stoppen!“ so schloß er seinen Appell und sah die junge Frau erwartungsvoll an.

„Ich? Warum? Das ist Eure Sache, Mensch.“

Er starrte sie verblüfft an.

„Du hast recht, sie sind gekommen, um Euch zu zerstören. Aber es liegt nicht in meiner Macht, sie aufzuhalten“, fuhr sie fort. „Du mußt es selbst tun, wenn Du das Menschengeschlecht retten willst.“

Enttäuschung, ja Verzweiflung zeichnete sich auf seinem ab. Er selbst? Aber wie sollte er das tun?

Sie schien seine Gefühle zu erahnen, und ihre Stimme wurde wieder milder. „Du mußt es tun, aber ich kann dir dabei helfen.“ Ein Lächeln hob ihre Mundwinkel. „Geh jetzt. Ich werde da sein, wenn Du mich brauchst.“

Amadus wandte sich ab. Seine Zuversicht war also vergeblich gewesen. Er war nicht klüger als zuvor, aber um eine Hoffnung ärmer.

„Warte!“ hörte er ihre Stimme hinter sich rufen. Er drehte sich noch einmal um.

„Du darfst mich Ta’aneja nennen“, sagte sie lächelnd und entließ ihn mit einer Handbewegung.

Er traf die ‚Raben‘ schon in der nächsten größeren Ansiedlung wieder. Irgendwie war es ihnen gelungen, ihn wieder zu überholen. Aber durfte ihn das noch wundern? Sie waren eben keine gewöhnlichen Gaukler.

Amadus war im Zwiespalt der Gefühle. Sollte er sie meiden, oder war es besser, ihre Nähe zu suchen? Sie hatten die Sphinx getötet, nachdem diese ihn gewarnt hatte, also war auch er in Gefahr. Oder verdächtigte er sie zu unrecht? Wie auch immer, er wußte fast nichts über sie, wie konnte er sich ihnen da entgegenstellen? Während er noch überlegte und hilflos das Für und Wider abwog, wurde ihm die Entscheidung abgenommen. Sie hatte ihn entdeckt und kam auf ihn zu.

„Seid gegrüßt, edler Herr“, sagte sie lächelnd und deutete einen Knicks an. „Es freut mich, daß wir auf dem selben Weg reisen.“

Er erwiderte die höfliche Begrüßung. Ihr schwarzer, rot gesäumter Umhang mit der weiten Kapuze ließ sie noch geheimnisvoller erscheinen. Was führte sie im Schilde? Wachsam beobachtete er ihre Bewegungen. Hatte sie vielleicht einen Dolch? Er blickte ihr in die Augen, und dieser Gedanke erschien ihm plötzlich absurd. Seine Neugier gewann die Oberhand. „Wie ist Euer Name?“

„Ma’alenia“, gab sie zur Antwort.

„Das klingt ungewöhnlich. Woher kommt Ihr?“

„Von sehr weit her“, wich sie aus.

Sie wollte ihre Herkunft also wirklich verbergen, dachte Amadus. Doch dann hätte sie ihm ja auch eine Lüge erzählen können. Die schöne junge Frau schien Wert auf die Aura des Mysteriösen zu legen.

„Wollt Ihr mich ein wenig begleiten?“ fragte sie, bevor Amadus passende Worte gefunden hatte. „Ich bin auf dem Weg zu jenem Wäldchen dort hinter den Feldern.“

Er nickte, und schweigend machten sie sich auf den Weg. Amadus merkte bald, daß ihnen ein Rabe folgte. Während sie zwischen abgeernteten Äckern und kahlen Obstbäumen entlanggingen, flog er mal über ihnen, blieb ein Stück zurück und suchte sich dann wieder einen Platz voraus auf der nächsten Hecke. Er beobachtete sie, dessen war er sich sicher. Was hatte das zu bedeuten? Der Rabe war Symbol und Namenspate der unheimlichen Gaukler. War er gar dabei, in eine Falle zu laufen? Aber auch Ma’alenia schien von dem Tier irritiert zu sein. Immer wieder blickte sie zu ihm herüber, und Amadus entging nicht, daß sie unauffällige Gesten mit der ihm abgewandten Hand machte, gerade als wolle sie ihn wegschicken. Doch der Vogel blieb, und schließlich hielt sie inne.

„Verschwinde!“ rief sie und wies mit dem Zeigefinger auf das Tier. „Verschwinde, sonst wird es dir schlecht bekommen!“

Der Rabe flatterte erschrocken auf und flog tatsächlich in Richtung des Dorfes davon. Als sei nichts geschehen, ging sie weiter. Ihr Begleiter schaute dem Tier nach, dann beschleunigte er seine Schritte, um sie wieder einzuholen.

„Nur ein Vogel“, antwortete Ma’alenia auf seine Frage, und Amadus wußte, daß er keine weitere Auskunft bekommen würde. Er wollte sie nicht bedrängen, und so ging er weiter schweigend neben ihr her. Irgendwie mußte er ihr näherkommen, sei es, um sie stoppen, oder um sie von dem schrecklichen Verdacht zu entlasten und diese wunderbare Frau für sich zu gewinnen.

„Warum singt Ihr vom Krieg?“ fragte er schließlich unvermittelt.

„Weshalb nicht? Er ist ein Teil des menschlichen Wesens.“

„Er war es“, widersprach Amadus vehement, nur um durch ihr Lachen an die grausame Realität erinnert zu werden. „Er war vergangen“, fuhr er bitter fort, „der Krieg war tot, bis eine dunkle Macht ihn wiedergebracht hat.“

„Tot?“ Ma’alenia schüttelte amüsiert den Kopf. „Er war es nie, und er wird leben, solange es Menschen gibt. Vielleicht hat er eine Weile geschlafen, um neue Kräfte zu sammeln.“

„Aber warum müßt Ihr das Entsetzen noch beschwören und verherrlichen?“

„Wir singen doch, was die Leute hören wollen. Die Heldengeschichten künden von den erhabensten Seiten der Menschen, wie könnten die Retter unterdrückter Volker schlecht sein? Und sagt selbst, gefallen Euch unsere Lieder nicht?“

„Ja, aber - ich meine, es gibt doch andere, zivilisiertere Mittel als den Kampf!“

„Vielleicht. Aber gibt es ehrlichere? Sagt selbst, was ist aufrichtiger: Einen Menschen mit dem Schwert in der Hand von seinem Land zu jagen, oder ihn mit Tricks und Hinterlist in den Ruin treiben, bis er in Lumpen gekleidet sein Heim hergeben muß, um seine Schulden zu bezahlen?“ Ma’alenia ließ Amadus keine Zeit zum Antworten. „Wenn Ihr die zweite Weise wählt, könnt Ihr ihm sogar sagen, es wäre seine eigene Schuld. Das nenne ich zivilisiert!“

Amadus wollte zur Gegenrede ansetzen, aber Ma‘alenia stellte sich ihm in den Weg und ergriff seine Hand. „Warum habt Ihr mich begleitet?“ fragte sie mit einem melancholischen Lächeln. „Möchtet Ihr denn nur in meiner Nähe sein, um mir Vorwürfe zu machen?“

Er war entwaffnet. Nein, das wollte er nicht, mußte er sich eingestehen. Er wollte einfach bei ihr sein, mehr nicht, und er schämte sich für seinen Verdacht. Wie sollten die alten Lieder den Krieg bringen? Der Gedanke war absurd.

Bald hatten die beiden ihr Ziel erreicht, und Ma’alenia bat Amadus, am Waldrand zu warten. Sie wollte der Großen Mutter eine Gabe bringen, so erklärte sie, und für die Zwiesprache mit der Göttin müsse sie alleine sein. Amadus war erleichtert, als er das hörte, und er hätte am liebsten vor Freude gesungen, während er bis zu ihrer Rückkehr ausharrte.

Am Abend gaben die ‚Raben‘ ihre Vorstellung im Dorf, und er verfolgte sie mit neu gewonnener Begeisterung. Der flackernde Schein der Fackeln steigerte die unheimliche Wirkung der Trommelrhythmen. Amadus lauschte der Musik, und sein Herz klopfte vor Erregung, als Ma’alenia sang:

Ihr krieger, ich segne euch, Lanze und Schwert
geht wütet und mordet, schont Greis nicht noch Kind
ihr Blut eure dunkle Königin ehrt
brecht Städte und Reiche wie Ähren der Wind

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