Rabengesang
Die Beschwörung Morrigus verklang, und die Bürger Liekburgs applaudierten ohne Argwohn. Ein neues Lied wurde angestimmt, und wieder war sie es, die sang. Nun klang ihre Stimme lieblich und melancholisch, so passend zu der Weise vom Mädchen, dessen Liebster in die Schlacht zog.
Der Nordermark Herren, es war ihnen gleich
der Jugend Fleisch nährte die Raben im Feld
Sie zählen ihr Gold, und zerfällt auch das Reich
doch Skagen wird bluten, als Rache der Welt
Haß, nichts als blanker Haß war es, der in den so ruhig vorgetragenen Strophen lauerte, und doch war der Beifall ungebremst. Amadus wandte sich endlich ab. Er wußte nun, was er zu tun hatte. Die ‚Raben‘ selbst hatten es ihm gezeigt.
Im Galopp trug ihn sein Pferd aus der Stadt, und am Nachmittag schon hatten sie die Grenze überschritten. Ohne sich die Zeit zu nehmen, sein schwitzendes, erschöpftes Reittier zu versorgen, begab er sich ins Wirtshaus.
„Es sind wirklich üble Zeiten“, begann er das Gespräch mit dem Wirt, nachdem er ein Bier bestellt hatte. „Niemand achtet mehr auf die alte Ordnung, alles verkommt und verroht!“
Der Mann hinter der Theke nickte.
„Diese herumstreifenden Spielleute zum Beispiel, sie stehlen und betrügen, aber niemand gebietet ihnen Einhalt.“
Ein ausgemergelt aussehender Zecher gab Amadus recht. „Ja, früher hat man kurzen Prozeß gemacht mit dem Lumpenpack!“
Erfreut stimmte er zu. „Heute kümmert sich ja niemand mehr um die Diebe. Wenn ihr wüßtet, was ich auf meiner Reise alles erleben mußte!“ Er begann, von Taschendieben, heimtückisch ermordeten Wanderern und geschändeten Frauen zu berichten. Nichts von alledem stimmte, aber es war nicht schwer, alle Gerüchte und Vorurteile, die er gehört hatte, zusammenzufassen. Amadus kam sich schäbig vor, aber er kannte sein Ziel und er wußte, daß er es nicht anders erreichen konnte. „Und ich sage Euch, mein Freund, es ist immer das fahrende Volk, immer!“
Sein Publikum lauschte und applaudierte. Er hatte den richtigen Ton getroffen. Bald brauchte er sich selbst nicht mehr zu Wort zu melden. Jeder kannte eine Geschichte von den fahrenden Verbrecherbanden, und ein jeder hatte sie aus zuverlässiger Quelle, von Freunden und Verwandten und Bekannten.
Selbst erschrocken über die Wirkung seiner Worte verließ Amadus schließlich das Wirtshaus. Warum war es so leicht, Haß auszustreuen? Hatte Ma’alenia doch recht, hatte das längst totgeglaubte nur geschlafen? Er begab sich zum Dorfplatz und setzte sich neben einen alten Mann, der auf einer Bank unter den ausladenden Ästen einer großen Linde saß. „Ist es nicht schrecklich, wie weit es gekommen ist? Immer aus dem Süden kommen sie, die Lumpen und Taugenichtse.“
„Ja, ja, mein Sohn“, stimmte der zahnlose Greis ihm zu, „es war schon immer so, aber auf mich hört ja keiner!“
Amadus predigte seine Botschaft, und wo auch immer er das Wort ergriff, stieß er auf offene Ohren. Die Südländer, das arbeitsscheue Straßenvolk, die Schwarzhaarigen, sie waren die Wurzel des Bösen. Warum ließ man sie überhaupt ins Land, so fragte er, und bald schlug der erste seiner Zuhörer vor, das Lumpenpack einfach zu erschlagen.
„Hexerei“, schimpfte Amadus, „sie haben sogar den Bösen Blick! Aber heute werden Hexen ja nicht mehr -„ Er stockte. ‘Verbrannt’, hatte er sagen wollen. Ma’alenia, seine Angebetete, sie war eine Hexe. Einen schrecklicheren Tod als den im Feuer konnte er sich nicht vorstellen. Was hatte er gesagt? Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Waren das wirklich seine Worte gewesen? Er floh den Ort seines Frevels. Auch wenn er es selbst nicht aussprach, jeder wußte, was Amadus gemeint hatte.
Der schlafende Haß war geweckt, und Amadus mußte ihn nur noch in die richtige Bahn lenken. Nicht die Sudermarker, nur wenige Schritte entfernt auf der anderen Seite der unsichtbaren Grenze, nicht die Händler und Wanderer aus fernen Ländern waren es, auf die sich der Abscheu der Kraasker Bürger richten sollte.
„‚Die Raben‘ nennt sich das Pack, die schlimmsten von allen, und ich sage Euch, gute Leute, sie sind auf dem Weg hierher, um ihre Untaten auch in Skagen zu begehen!“
Längst wurden mißtrauische Blicke über den Schlagbaum geworfen. Die Bewohner von Kraaske warteten nur darauf, Morrigus Boten einen gebührenden Empfang zu bereiten. Sobald sie die Grenze des Nordmärkischen Reiches zu überschreiten versuchten, würden sie an ihren eigenen Waffen scheitern!
Die Nacht brachte Amadus nur wenig Schlaf. Er träumte von Blut und Gewalt, sah Ma’alenia sterben und doch wieder kämpfen. Sie schwang das Schwert gegen ihn, und dann hatte er sie doch besiegt. Als dunkler Vogel flog sie ihm davon, ohne daß er ihr folgen konnte, und sie verschwand am nördlichen Horizont, dort, wo Skagen, seine Heimatstadt lag.
„Ma’alenia, nein, ich liebe Dich doch!“ rief Amadus, als er erwachte. Dann blickte er sich um und stellte fest, daß er sich noch in seinem Herbergszimmer befand, daß die Schlacht noch nicht geschlagen war.
Die ‚Raben‘ kamen am frühen Morgen, kaum daß Amadus das Gasthaus verlassen hatte.
„Das sind sie!“ meldete ein Knabe, und die Leute von Kraaske liefen an der Grenze zusammen. Sie trugen Mistgabeln, Sensen und Stöcke oder was sich sonst noch als Waffe gebrauchen ließ. Die Posten diesseits der Grenze zogen sich in den Schutz des Wachhauses zurück, während die Hände drüben zu den Schwertgriffen wanderten. Einer der Soldaten lief zum alten Garnisonsgebäude, um Hilfe zu holen.
Unbeeindruckt von alledem rollte das Fuhrwerk der falschen Gaukler langsam auf die unsichtbare Linie zwischen den Reichen zu. Amadus, der in der wütenden Menge stand, sah Ma’alenia neben ihrem Vater auf dem Kutschbock sitzen. Sie hatte ihn erkannt, und ihre Blicke trafen sich.
„Bleibt, wo Ihr seid!“ rief ein Bauer und schwang drohend seine Forke. „Verschwindet, oder es wird Euch übel ergehen!“
Unbeeindruckt setzten Morrigus Boten ihren Weg fort. Der Schlagbaum auf der anderen Seite öffnete sich. Der Alte trieb sein Zugtier an.
„Nein!“ schrei Amadus und zog sein Schwert und versperrte die Straße.
Die aufgebrachten Bürger drängten los. Sie rissen die Nordmärkische Schranke um drangen waffenschwingend auf das Gebiet des Nachbarlandes vor. Die beiden Grenzposten, die sich ihnen entgegenstellten, wurden vor Amadus entsetzen Augen niedergestochen. Dann stürmten die zu Hilfe gerufenen Soldaten aus der Garnison, und die ersten Kraasker sanken tot oder verwundet zu Boden, während die eigenen Gardisten herbeieilten, um ihnen beizustehen.
Die ‚Raben‘ selbst standen unbeeindruckt inmitten des Getümmels. Mit ihren Stöcken wehrten sie die Angreifer mühelos ab. Der graubärtige Patriarch der Gruppe lachte laut, als er die Spitze seines Stabes einem Bauern ins Gesicht stieß.
Amadus beobachtete das Geschehen voller Entsetzen. Wie viele Unschuldige waren in dieser kurzen Zeit erschlagen worden? Er schaute voll Abscheu auf sein Werk. Die Leute aus Kraaske waren siegreich, die Sudermarker waren in die Flucht geschlagen. Viele waren tot, und noch mehr lagen blutend am Boden. Nur die ‚Raben‘ hielten ihren Wagen wie eine Festung. Doch sie waren umzingelt, und schon loderte eine Fackel über den Köpfen der Menge.
„Verbrennt sie!“ hörte er eine Frauenstimme rufen.
Angst zeigte sich auf Ma’alenias Gesicht, und sie wich vor dem Feuer zurück. Das Holz des Wagens begann zu brennen. ‘Nein’, wollte Amadus schreien, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Immer höher schlugen die Flammen.
„Du hast gesiegt, Amadus von Skagen!“
Erschrocken fuhr er herum. Eine unheimliche alte Frau stand hinter ihm. Sie war hochgewachsen, ja sie überragte Amadus sogar ein Stück, und sie war in einen abgetragenen schwarzen Kapuzenmantel gekleidet. Der Stock, auf den sie sich stützte, war aus Knochen, und ein Schädel bildete den Knauf. Auf dem zerfurchten, von wirrem grauen Haar umrahmten Gesicht der schrecklichen Greisin lag ein bösartiges Lächeln. Die Nase war scharf und gebogen, die Augen dunkel und stechend. Als sie wieder sprach, sah Amadus ihre spitzen Zähne.
„Ja, ich bin Morrigu! Genau so hast Du Dir mich doch vorgestellt, oder?“ Sie lachte trocken. „Ich danke Dir, mein junger Freund. Du wirst dereinst in meinem Reich willkommen sein, denn Du hast Dir Deinen Platz wahrhaftig verdient.“
Ungläubig starrte Amadus auf die Erscheinung. Niemand sonst schien sie zu bemerken. War sie real? Was hatten ihre Worte zu bedeuten? Er?
„Verstehst Du mich wirklich nicht, oder willst Du nur nicht? Du hast in der Schlacht gesiegt, Amadus, und damit hast Du den Krieg verloren! Du selbst, mein schöner Verehrer, hast meine Saat über die Grenze getragen, Du selbst hast den Haß gesät, aus dem das Verderben erwachsen wird. Kannst Du Dir nicht denken, was nun geschehen wird? Sie werden Hilfe holen, die Geflohenen, und morgen schon werden ihre Armeen Rache an den Skagenern nehmen, die ihre Leute erschlagen haben. Der Krieg ist da, mein Freund, und Du hast ihn eingelassen!“
Amadus begriff, und seine Brust krampfte sich voll Entsetzen zusammen. Er hatte ihr Werk verrichtet, indem er es verhindern wollte, so wie all jene, die in Kanara Tempel zerstört, die in Magra den König ermordet und die Niew niedergebrannt hatten, die nur gegen das hatten kämpfen wollen, was sie für das Böse hielten. Gab es denn gar keinen anderen Weg, hatte Ma’alenia recht gehabt? Wo war die Botin der Großen Mutter?
„Nein, noch nichts verstehst Du“, fuhr Morrigu spöttisch fort. „Du wartest auf Ta’aneja? Nun gut, hier bin ich.“ Die große Gestalt der Göttin schrumpfte zusammen, und die zierliche Ta’aneja stand vor ihm. „Ich habe viele Gesichter, Amadus, aber ich brauche sie nur, damit Ihr Menschen mich erkennen könnt. Weißt Du nicht, daß ‘Ta’aneja’ in der alten Sprache nichts anderes heißt als ‘Große Mutter’?“ Sie dehnte sich aus, und vor ihm stand eine alterslose Frau mit gütigem Gesicht und vollen Brüsten. „Ich bin all das, und doch bin ich nicht eins. Ihr könnt uns nicht begreifen. Wir sind die Göttin der Tiere, der Pflanzen und der Menschen. Jede Rasse sieht uns so, wie ihr Bild von uns ist.“
„Aber Krieg ist doch Vernichtung, wie könnt Ihr das erlauben?“ fragte Amadus noch immer ungläubig. „Ihr seid das Leben!“
„Wirklich? Betrachte jenes Feld dort, wie kahl es jetzt ist. Und selbst im Sommer wächst darauf nichts als Weizen, nur Korn und einige wenige Blumen, die Ihr Menschen noch auszurotten trachtet. Wenn der Krieg darüber hinweggegangen ist, wird ein Wald entstehen, mit neuem Leben und neuer Fruchtbarkeit. Ich bin das Leben, aber ich bin auch der Untergang, denn das eine kann nicht ohne das andere existieren.“
Ein langgezogener Schrei erklang. Amadus fuhr herum und erkannte, daß er von Ma’alenia stammte. Ihr Kleid hatte Feuer gefangen, und sie streifte es in Panik ab. Die Gaukler standen dicht zusammengedrängt inmitten der Flammen.
„Kommt, meine Kinder, kommt zurück unter meine Schwingen!“ Es war wieder Morrigu, die Schreckliche, die da stand, und diesmal sahen sie alle. Der Mob von Kraaske wich erschrocken zurück, als die Göttin langsam auf die Menge zuging und ihren Mantel öffnete. Darunter war sie nackt, der alte Körper bis auf die Knochen abgemagert, die Brüste leer und schlaff. Sie war das Gegenbild der Muttergöttin. „Kommt, meine Kinder, Ihr habt Eure Aufgabe erfüllt!“
Vor aller Augen verwandelten sich die Gaukler in Raben. Laut krächzend flogen sie auf, kurz bevor der Wagen krachend zusammenbrach und die Glut des Scheiterhaufens über ihnen zusammenschlagen konnte. Sie drehten eine Runde über den Köpfen der Leute, dann glitten sie auf den wie Flügel ausgebreiteten Umhang ihrer Herrin zu. Doch es war kein Mantel mehr, den sie so hochhielt, zu schwarz war seine Innenseite, wie ein gähnendes Loch in eine andere Welt. Tatsächlich verschwanden vier Vögel im unergründlichen Dunkel, das die Gestalt Morrigus umgab.
Nur einer der Raben dreht ab, bevor er das offene Tor erreichte. Er zog zwei Kreise über dem Haupt der Göttin und wandte sich dann Amadus zu. Er zuckte zusammen, als der den Vogel auf sich zukommen sah. Er duckte sich, und erst im zweiten Anflug gelang es dem Tier, auf seiner Schulter zu landen.
„Ma’alenia!“ rief er, und sie krächzte bestätigend.
„Lebt wohl, meine Kinder“, lachte die Kriegsgöttin. „Lebt wohl, Ihr beiden, was auch immer Euch in dieser Welt erwartet.“ Sie ließ die Arme sinken und hüllte sich wieder in ihren weiten Mantel. Dann verblaßte ihre Gestalt, und sie war verschwunden.
Amadus starrte auf den Platz, an dem sie gestanden hatte. Niemand sprach ein Wort, bis Ma’alenias Schrei die Stille brach. Sie flatterte auf und flog in Richtung Meer, ohne sich noch einmal umzuwenden.
Aufgeregte Stimmen brachen los, aber Amadus beachtete sie nicht. Er ging zu seinem Pferd, stieg auf und folgte dem in der Ferne immer kleiner werdenden schwarzen Vogel.
Auf nachtschwarzen Flügeln, den Sturm als Gewand
der Zorn dieser Erde, die Rache im Sinn
so hol ich die Ernte, verwüste das Land
die Göttin des Tod's und des Krieges ich bin
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