Rabengesang
Haglind! Er befand sich nur noch drei Tagesritte von seiner Heimat entfernt! In nur einer Nacht hatte er mit Ta’anejas Magie die Strecke von vier Reisetagen zurückgelegt.
Amadus mietete ein Zimmer in der Herberge, doch er schlief nicht länger als notwendig. Schon am Mittag war er wieder auf den Beinen, stillte hastig seinen Hunger und machte sich wieder auf den Weg. Er mußte nach Skagen, so schnell wie möglich. Dann würde sein Vorsprung wohl ausreichen, um eine Verteidigung gegen Morrigus Boten zu organisieren.
Doch die Götter selbst schienen sich gegen Amadus verschworen zu haben. Wolken zogen auf, bedeckten wie ein feiner Schleier den Himmel, türmten sich zu Gebirgen auf und entluden sich noch am Abend als heftiger Sturm. Binnen kurzem war er bis auf die Haut durchnäßt. Die Straße verwandelte sich in eine schlammigen Pfuhl, und im von Böen gepeitschten Regen konnte er kaum einige Meter weit sehen. Er mußte weiterreiten, er durfte nicht ruhen! In der nächsten Ortschaft gab Amadus auf. Warum nur, so haderte er, als er wärmenden Kaminfeuer des überfüllten Gasthauses saß, warum nur war er nicht länger Ta’anejas magischem Weg gefolgt?
Der neue Tag brachte kaum Wetterbesserung, aber Amadus setzte seine Reise fort. Der Herbststurm blies ihm entgegen, und er kam nur langsam voran. Kostbare Zeit ging verloren, er wußte es. Hatten die ‚Raben‘ dieselben Schwierigkeiten, oder kannten auch sie die geheimen Wege, über die er mit Ta’aneja gegangen war? Amadus rief ihren Namen, aber der Wind riß die Worte mit sich. Er erhielt keine Antwort. Irgendwann ließ der Regen nach, aber der Orkan flaute nicht ab. Erschöpft und ausgekühlt machte der verzweifelte Reiter schon am Nachmittag Halt in einem Gasthaus. Die Zeit lief ihm davon.
‘Wir treffen uns in Skagen, Amadus!’ hatte Ma’alenia gesagt. Würde es ihm gelingen, vor ihr dort zu sein? Und doch drängte es ihn, sie wiederzusehen. Keine Stunde verging, ohne daß er ihr Bild vor Augen hatte. Warum nur waren sie Gegner?
Das Unwetter ging vorüber, aber auf den aufgeweichten Straßen brauchte er noch drei Tage, ehe er die Grenze zum Nordmärkischen Reich überschritt. ‘Skagen!’ jubelte er innerlich, als er sein Pferd aufs neue antrieb. Die vertraute Seeluft, die endlose Weite der Wiesen hinter den Deichen, alles das ließ ihn wieder Mut schöpfen. Seine Heimat Skagen, die südliche Provinz des großen Nordreiches, sie schien ihm unerschütterlich. Krieg? Unvorstellbar, daß der Haß hier Einzug halten sollte. So lange schon herrschte Frieden, hatten die Menschen gelernt, sich gegenseitig zu achten und gemeinsam den Wohlstand des Landes zu mehren. Krieg? Die Ereignisse der letzten Wochen schienen Amadus wie ein schlechter Traum, aber er wußte, daß sie wahr waren.
Nach einem weiteren beschwerlichen Reisetage erreichte Amadus endlich die Stadt und die Burg seiner Familie. Sein Vorsprung war bedenklich dahingeschmolzen.
„Dem Herrn sei Dank, daß Du wohlbehalten hier bist!“ rief sein Vater aus, als Amadus das Arbeitszimmer betrat. „Die halbe Welt steht im Brand, und Du trödelst wie üblich!“
Amadus ersparte sich eine angemessene Antwort. So sehr er sich auch jedesmal darüber ärgerte, wußte er doch, daß die Worte seines Vaters nicht böse gemeint waren. „Und ich weiß, warum!“ entgegnete er ohne Begrüßung. „Wir müssen Skagen retten, uns bleiben nur wenige Tage!“
„Ich bin dabei, Sohn, ich bin längst dabei.“
„Woher weißt du? Ich dachte...“
„Während Du Deine Zeit vertust“, unterbrach ihn der grauhaarige Kaufmann, „schichte ich unser halbes Vermögen um. Ein wenig Hilfe wäre nicht ungelegen gekommen, mein Sohn!“
Das konnte nicht wahr sein! Amadus wußte keine passende Antwort mehr. War sein Vater wirklich nicht anders als jene skrupellosen Geschäftemacher, denen er auf seiner Reise begegnet war? Natürlich, auch sie hatte er bis vor kurzem für Ehrenmänner gehalten. Er weigerte sich, diesen Gedanken zu Ende zu denken.
„Vater, ich muß Dir etwas berichten!“ begann er statt dessen und erzählte, Ma’alenia mit keinem Wort erwähnend, die Geschichte seiner Reise. Doch schon während seines Berichts sank Amadus Mut. Unheilbringende Boten einer vergessenen Göttin, eine sprechende Sphinx, die Flucht der Gefangenen in Hapra und die ermordeten Mörder von Seddern - wie konnte er erwarten, daß irgend jemand all das glauben würde? Er sprach und sprach, aber er hatte die Hoffnung verloren. „Wir müssen sie aufhalten, sie dürfen die Reichsgrenze nicht überschreiten!“
„Geh woanders spielen!“ erwiderte sein Vater gereizt. „Ich habe jetzt keine Zeit für solchen Unsinn.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ Amadus das Zimmer. Hier hatte er keine Hilfe zu erwarten.
Wie immer, wenn er verzweifelt und ratlos war, ging er an den Strand. Er ließ sein Pferd in den Dünen zurück und wanderte einsam zum Meer herunter. Die Schreie der Möwen und das Donnern der Wellen erfüllte die Luft wie schon seit Urzeiten. Hier würde sich nichts ändern, dachte Amadus, gleich was mit den Menschen und ihrer Welt geschehen sollte.
Was sollte er jetzt tun? Seine Gedanken wanderten wieder und wieder zurück zu seinem Vater. Die Worte schmerzten, aber Amadus zwang sich, seine Überlegungen nach vorne zu richten. Er mußte Hilfe finden, andere von der Gefahr überzeugen. Doch wer glaubte heute noch an die alten Götter? Ein Priester vielleicht? Natürlich! Amadus rannte zu seinem Roß, so schnell der weiche Sand es ihm erlaubte, und nach einem wilden Ritt quer über Felder und Weiden erreichte er die Stadt. Der große Tempel des Dreieinigen Gottes war nur wenige Querstraßen vom Tor entfernt. Atemlos erklomm Amadus die Stufen zum Portal und eilte durch das lange, von hohen Säulen gestützte Mittelschiff zum Altar. Das vielfarbige Licht, das durch die bunten Glasfenster einfiel, und der Schein der zahllosen Kerzen tauchten den Raum in ein überwältigendes Funkeln. Amadus blieb stehen und holte Atem.
„Was führt Dich so eilig in die Arme des Herrn, mein Sohn, daß Du den Weg nicht mit der gebührenden Ruhe zurücklegen kannst?“, empfing ihn ein hochgewachsener Priester mit einer prächtig bestickten weißen Robe.
„Das Wohl des Reiches und der Menschheit!“ entgegnete Amadus ohne weiter Förmlichkeit. „Ihr müßt mir helfen, hoher Vater, die Boten des Krieges aufzuhalten, bevor sie die Grenze überschreiten!“
Diesmal gelang es Amadus gar nicht erst, seine Geschichte zu Ende zu bringen. Als er den Namen Morrigu erwähnte, war das Interesse des Geistlichen verschwunden.
„Laß ab von den alten Götzen“, predigte er, ohne dem jungen Mann weiter zuzuhören. „Die alten Dämonen sind nichts als Aberglaube, und sie haben keine Macht, wenn Du sie nicht selbst in Dein Herz läßt. Weise sie von Dir, mein Sohn, und bekenne Deine Sünden vor dem Herrn.“
Amadus wandte sich ab und ließ den Gottesmann stehen. Ernüchtert verließ er den Tempel. Wohin jetzt? Ohne Ziel ließ er sich von der Menschenmenge treiben. Er gelangte zum Marktplatz. Nicht mehr lange, und hier würde der alljährliche Herbstmarkt stattfinden. Seit seiner Kindheit hatte er den Trubel des Marktes, die fremden Sprachen und unbekannten Gerüche geliebt, die Vielfalt der Waren, die Musik und die Gaukler. Bald würde es wieder soweit sein, doch dieser würde der letzte Markt werden, wenn er die ‚Raben‘ nicht stoppen konnte. Aber gab es dazu überhaupt noch eine Hoffnung? Amadus verließ den Platz und begab sich in eine ruhige Seitenstraße.
„Wartet, junger Herr!“ hörte er eine Stimme hinter sich rufen. Eine schäbig gekleidete alte Frau mit weißem Haar und zerfurchtem Gesicht versuchte mühsam, mit ihm Schritt zu halten. Er blieb stehen und wartete.
„Ich habe Euch im Tempel gesehen, edler Herr, und ich habe Eure Worte gehört.“ Ihre Stimme war fest und klar, ganz anders, als Amadus erwartet hatte. Sie fixierte ihn mit ihren blauen Augen und fuhr fort: „Ihr habt einen sehr alten Namen genannt, junger Freund, einen sehr alten. Was wißt Ihr darüber, was ist geschehen, daß Ihr es wagt, ihn in den Hallen des neuen Gottes über Eure Lippen kommen zu lassen?“
„Morrigu lebt, und sie ist mächtiger und gefährlicher, als irgend jemand ahnt!“ verteidigte sich Amadus.
„Ich weiß“, nickte die Alte, „ich weiß. Wir sollten reden, meint Ihr nicht?“
Er bot ihr an, sie nach Hause zu begleiten, aber sie lehnte ab. Es sei manchmal besser, sich nicht unnötig preiszugeben, so sagte sie, gerade wenn es um Dinge wie diese gehe. Die kahlen Felder vor den Toren der Stadt seien ein guter Platz, entschied sie, denn dort gäbe es keine unerwünschten Ohren. Voll neuer Hoffnung machte sich Amadus mit der geheimnisvollen Greisin auf den Weg.
Zum dritten Mal an diesem Tag erzählte er so seine Geschichte, und endlich wurde sie ihm geglaubt. Seine Zuhörerin nickte bestätigend, stellte hin und wieder eine Frage, und als er geendet hatte, legte sie ihre Hand auf seine Schulter.
„Dann ist es also soweit“, sagte sie lächelnd. „Endlich ist es soweit.“
Amadus war entsetzt. „Wie meint Ihr das?“ fragte er, noch immer in der Hoffnung, sie nicht verstanden zu haben.
„Die Zeit ist gekommen, da der neue Gott und seine Welt hinweg gefegt werden, und die Menschheit zurückfallen wird auf den Platz, der ihr zusteht unter den Kreaturen. Freut Ihr Euch nicht, junger Herr? Die wahre Ordnung der Natur wird wiederkehren, und die falschen Götzen werden stürzen.“ Sie umarmte ihn voll Freude. „Kommt mit mir, helft mir, die Diener Morrigus zu empfangen!“
Schreckensbleich riß sich Amadus los und floh vor der alten Hexe, denn eine solche war sie zweifelsohne. Konnte er Skagen überhaupt noch retten, wenn sie oder ihresgleichen schon in seinen Mauern lebten? Eine Freundin Ma’alenias, kam es ihm in den Sinn, während er, ihr Geliebter, dazu verdammt war, ihr größter Feind zu sein. Aber er mußte diese Gefühle vergessen, sie durften nicht sein, und doch waren sie da. ‘Wir sehen uns in Skagen’, hatte die Vogelfrau gesagt. Er wollte sie sehen, er wollte sie umarmen, aber die ‚Raben‘ durften die Reichsgrenze nicht überschreiten!
Amadus holte sein Pferd. Sein Weg führte ihn wieder zum Meer, aber er wußte, daß er keine Zeit mehr hatte, zu warten und zu sinnieren. Am Wasser entlang trieb er sein Tier nach Süden, zur Grenze.
Einen Plan hatte er nicht, aber er war zum äußersten entschlossen. Wenn es sein mußte, würde er sich den ‚Raben‘ alleine mit dem Schwert entgegenstellen. Vor seinem geistigen Auge sah er sich bereits Feuer an ihren Wagen legen und mit seiner Klinge auf sie einstechen. Doch er sah auch Ma’alenia. Er wußte, er konnte ihr nichts antun. Amadus liebte sie, und sie hatte seine Gefühle erwidert. Ob sie sich letztlich auf seine Seite stellen würde? Es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken. Wütend und verzweifelt gab er seinem Roß die Sporen.
Drei Tage, so schätzte Amadus, war er ihnen noch immer voraus. Wenn er sie aufhalten wollte, bevor sie die Provinz Skagen und damit das Nordmärkische Reich betraten, konnte er ihnen also nur zwischen der Grenze und Liekburg entgegentreten. Er kannte die Strecke, und seine Hoffnung sank. Die alte Peststraße führte dort schnurgerade über weites, offenes Marschland. Wiesen und Weiden erstreckten sich bis zum Horizont, und breiten Gräben begleiteten zu beiden Seiten den Fahrdamm. An einen Hinterhalt war dort nicht zu denken.
Amadus übernachtete in einem Gasthaus in Kraaske, dem Grenzort auf Skagener Seite. Von seinem Fenster aus konnte er die Posten am Schlagbaum sehen, das Dorf Sudermark auf der anderen Seite und die beiden grimmigen Garnisonsgebäude, die so lange schon nur als unbedeutende Wachstationen dienten und langsam verfielen. Nur ein Dutzend Gardisten hatte das Reich hier stationiert, und in Sudermark durften es kaum mehr sein. Wie lange würde dieser Frieden noch dauern?
Am Morgen machte sich Amadus auf den Weg nach Süden. Unentwegt hielt er Ausschau nach einem Versteck, der Möglichkeit, eine Falle zu errichten oder einfach einem unvermuteten Wink des Schicksals. Doch sein Kopf schien ihm leer, er wußte nicht, wie er die Sache angehen sollte, er träumte nur noch vom heldenhaften Kampf, und wenn dieser auch nur einen ehrenhaften Tod brachte. Unsinn, er durfte sich nicht in solchen Gedanken verlieren! War das der Zauber der ‚Raben‘?
Mittags erreichte Amadus Liekburg, und er hatte noch immer keinen Plan. Durch die offenen, unbewachten Tore ritt er in die Stadt. „Spielleute sind gekommen“, hörte er ein Kind einem anderen zurufen. Er zweifelte nicht daran, daß sie es waren. Er wußte, daß er zurückkehren, daß er einen Weg finden mußte, sie zu bezwingen, um jeden Preis. Die Zeit flog davon, aber wie in einem Traum zog es ihn zum Markt, ohne daß er die Kraft hatte, umzukehren. Ma’alenia wartete dort auf ihn, und er wollte sie sehen.
Am Rande des großen Platzes stoppte er sein Pferd. Dort hinten standen sie mit ihrer Bühne, und die Bürger der Stadt versammelten sich, als der Trommelschlag begann und die schrecklichen Verse Ma’alenias erklangen.
Ihr seid meine Kinder in Leben und Tod
ihr führt mir das Banner von blutigem Rot
gebt für mich das Leben, kommt heim in mein Reich
und in meinen Hall'n warten Schwerter für euch
Amadus hörte ihre dunkle, geheimnisvolle Stimme, und er sah von weitem ihr Gesicht. Hatten sie ihn schon entdeckt? Er wagte nicht, näherzukommen, doch er konnte sich auch nicht abwenden. Eine Träne rann über seine Wange. Die Entscheidung stand bevor, und wie auch immer sie ausfallen sollte, sie würde bitter werden. Warum waren sie sich in dieser Zeit begegnet? Amadus zwang sich, von diesen Gedanken zu lassen. Es hatte keinen Sinn, mit dem Schicksal zu hadern, und die Prophezeiung ihrer Lieder war eindeutig. Ma’alenia, die Vogelfrau, seine Geliebte, sie besang den Untergang der Menschheit. Er hatte sich entschieden, auf welcher Seite er stand, und sie ebenso. Sie waren Feinde.
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