Rabengesang
Die Landstraße führte durch die Ansiedlung, und Amadus mußte sie passieren. Er wollte nicht stoppen, aber er kam nicht umhin, seine Augen zur Bühne zu wenden. Ein Teil der Dekoration war zerrissen, und die Löcher in den Tuchbahnen hinter der Bretterbühne schienen wie ein Vorwurf an ihn. Ma’alenia, die Wolfsfrau - oder das Vogelmädchen, welche war wohl ihre wahre Gestalt? - sang noch immer, und ihre Stimme bohrte sich wie ein Dolch in Amadus Seele. Sie lächelte ihm zu, als ihre Blicke sich trafen. Wußte sie nicht, wer sie in Hapra angeklagt hatte? Dann ließ er das Dorf hinter sich.
Er hatte also versagt, auf diese Weise ließen sich die ‚Raben‘ nicht besiegen. Doch was konnte er sonst tun? Amadus wünschte sich, besser mit seiner Waffe umgehen zu können. Ein Hinterhalt an der Landstraße, und er würde zuerst dem Alten das Schwert ins Herz stoßen, denn ihn hielt er für den gefährlichsten der Truppe. Und dann - ja, was dann? Ma’alenia? So weit würde er nicht kommen, daß wußte Amadus. Selbst ohne Magie wäre es den Angegriffenen ein Leichtes, einen unerfahrenen Fechter wie ihn abzuwehren. In Skagen würde er lernen, mit der Klinge umzugehen, so schwor sich Amadus. Doch bis dahin war es zu spät, jetzt mußte er sich etwas anderes einfallen lassen.
Aber war die Waffe des Kaufmanns nicht das Gold? Mit der Macht seines Vaters konnte er alles kaufen, das hatte ihn der Vorfall in Hapra gelehrt. Warum sollte er also nicht eine einfach geübte Kämpfer anheuern, um die ‚Raben‘ zu stoppen? In jeder Stadt gab es finstere Gesellen, die für Geld zu allem bereit waren. Seine Geschäftspartner würden ihm gewiß helfen können, sie zu finden. Mit neuem Mut ritt Amadus nach Seddern, der nächsten großen Handelsmetropole auf seinem und der ‚Raben‘ Weg. In drei Tagen konnte er dort sein, wenn er sich ein wenig beeilte.
Er ritt bis spät in den Abend und brach früh am Morgen auf, um seinen Träumen keine Zeit zu lassen. Doch selbst am Tag sah er Ma’alenias Gesicht vor sich, glaubte er, ihre Stimme zu hören. Warum nur waren sie Feinde? Wenn er die Krähen auf den abgeernteten Feldern sah, schrak er zusammen. Auf halbem Weg überholte ihn die Nachricht von der Belagerung Hapras, und Amadus wußte, daß er nicht zögern durfte.
In Seddern suchte er sofort einen Bankier auf, den er schon von früheren Reisen her kannte. Er schilderte ihm sein Anliegen, ohne die wahren Gründe für den geplanten Anschlag zu nennen.
„Ihr sagt mir gewiß nicht alles“, stellte der weißhaarige Alte schließlich fest, „doch das ist auch nicht meine Sache. Es wird nicht billig werden, aber ich werde das Nötige in die Wege leiten. Möchtet Ihr die Männer selbst instruieren?“
Amadus nickte. So konnte er ihnen sagen, daß sie ihre Opfer schnell töten mußten, ohne ihnen Zeit zur Gegenwehr zu geben, und daß sie Ma’alenia verschonen sollten. Nein, das durften sie nicht.
Schon am Abend wurde Amadus von einem Boten in ein Wirtshaus bestellt. Es war ein Ort, wie er ihn sonst nie aufgesucht hätte, laut, übelriechend und voll. Eine freizügig bekleidete Frau sprach ihn an, kaum daß er eingetreten war, aber er wies sie erschrocken ab. An einem Tisch in der Ecke saßen fünf Männer und tranken schweigend ihr Bier. Der größte von ihnen hatte eine Narbe im Gesicht und sah wahrhaft bedrohlich aus, während sein Gegenüber mit der edlen Kleidung und den sorgfältig gepflegten Haaren auch ein Kaufmann oder Adeliger hätte sein können. Die Gestalt neben ihm war, wie Amadus erst jetzt gewahr wurde, eine Frau. Ihr Haar war glatt zurückgestrichen und zu einem Knoten gebunden, und ihre Kleidung war fast männlich. Die anderen beiden hingegen sahen wie beliebige Bürger oder Handwerker aus, unauffällig und harmlos, und man konnte sie leicht für Vater und Sohn halten. Sollten das wirklich die versprochenen Kämpfer sein? Aber was hatte er überhaupt erwartet?
„Hier sind sie“, flüsterte sein Führer Amadus zu, „die besten Mörder von Seddern.“
Mörder? Er zuckte bei diesem Wort zusammen. Natürlich, was sonst? Er hatte sie bestellt.
„Ich bin -„, setzte Amadus an, aber die Frau legte den Zeigefinger über ihre Lippen und gebot ihm zu schweigen.
„Bei dieser Art von Geschäften ist es besser, keinen Namen zu haben“, erklärte sie knapp. „Was wollt ihr?“
Mit flauem Gefühl nahm Amadus Platz. „Seid Ihr die Anführerin?“
Der Narbengesichtige lachte trocken. „Wir haben keine Führer. Wir sind freie Handwerker. Ihr müßt schon mit uns allen reden, Junge.“
Amadus schluckte seinen Ärger über diese Anrede und erklärte leise, was sie zu tun hatten. Immer wieder blickte er sich vorsichtig um, doch niemand beachtete sie, niemand hörte zu. Oder waren Gespräche dieses hier nicht ungewöhnlich?
Niemand stellte Fragen nach dem Warum. Sie nannten, jeder für sich, ihren Preis, und Amadus willigte erschrocken ein, ohne darüber zu verhandeln. Waren Menschenleben so billig? Eine Anzahlung genügte, und die Sache war abgemacht. Noch bevor die ‚Raben‘ Seddern erreichten, würden die gedungenen Killer die Gaukler aufspüren, ihnen folgen und sie im Schlaf ermorden.
„Halt!“ rief Amadus, einem plötzlichen Impuls folgend. „Ich komme mit!“
„Nein“, erwiderte der Narbengesichtige und wandte sich wieder zum Gehen.
Amadus setzte sich durch, denn er war der Auftraggeber, er hatte das Geld. Zumindest in der Nähe wollte er bleiben, um sicherzugehen, daß sie die Richtigen töteten. Und um Ma’alenia zu retten?
Zu sechst brachen sie noch in der Nacht auf, und Amadus setzte durch, als Späher vorauszureiten. Die Gesellschaft seiner Söldner war ihm unangenehm. Warum, fragte er sich. War der Auftraggeber denn besser als seine Helfer? Ja, versuchte er sich zu beruhigen. Es war kein persönlicher Feind, den es aus dem Weg zu räumen galt, es war ein Bedrohung der Menschheit - und seine Geliebte. Amadus hätte am liebsten geschrien.
Er fand die ‚Raben‘ in einer Ortschaft keine Tagesreise von Seddern entfernt. Würde sich überhaupt noch eine Gelegenheit bieten, oder war es schon zu spät, die Stadt vor dem Untergang zu bewahren? Aber die falschen Spielleute machten Station, um auch hier ihre grausige Saat auszubringen.
Amadus war versucht, zu bleiben und sich die Vorstellung anzusehen, doch er wagte es nicht, dieses Risiko einzugehen. Er wollte nicht entdeckt werden, so gerne er auch einen letzten Blick auf Ma’alenia geworfen hätte. Dabei war er sich nicht einmal sicher, ob er sein Vorhaben dann noch ausführen konnte. Entschlossen gab er seinem Pferd die Sporen und eilte zurück zu seinen Helfern.
Im Wald versteckt warteten Amadus und seine Begleiter, bis die Gaukler das Dorf verlassen hatten. Nur der Jüngste der Gruppe band sein Roß an einen Baum am Straßenrand und tat, als würde er nur eine Rast einlegen. Als die ‚Raben‘ passiert hatten, gab er das verabredete Zeichen.
Die sechs Verschwörer folgten ihnen in sicherer Entfernung und außer Sichtweite. Einer der Mörder holte hin und wieder genug auf, um sich zu vergewissern, daß sie ihre Opfer nicht verloren hatten.
„Sie haben ihr Lager auf einer Lichtung aufgeschlagen“, berichtete die Frau, als schon wieder die Dämmerung hereinbrach. „Ein Stück ab von der Straße, auf einer Lichtung. Besser hätten sie es nicht treffen können.“
Die anderen lachten. Sie warteten noch, bis es dunkel war, dann machten sie sich auf den Weg. Amadus blieb mit den Pferden an der Landstraße zurück. ‘Wir steigen aus, wenn Ihr Euch nicht nach den Regeln richtet“, so hatte man ihn gewarnt.
Stunden verstrichen, aber niemand kam zurück. Erst ungeduldig, dann voll düsterer Ahnung wartete er in der Dunkelheit. Es war kalt, und er fror. Was war geschehen, war der Anschlag gelungen? Kein Geräusch, kein Schrei, nichts gab ihm einen Hinweis. Mitternacht mußte längst vorbei sein. Etwas stimmte nicht. Sollte er weiter abwarten oder alleine zurück nach Seddern reiten? Nein, Amadus mußte sich Gewißheit verschaffen.
Die Hand am Schwertgriff, trat er in den Wald. Vorsichtig darauf bedacht, keinen Lärm zu machen, tastete er sich vorwärts. War er noch auf dem richtigen Weg? Er dauerte lange, bis er endlich einen Feuerschein zwischen den Bäumen zu erkennen glaubte.
„Willkommen! Wir haben auf Dich gewartet“, hörte er die Stimme des graubärtigen Gauklers hinter sich.
Amadus fuhr erschrocken herum und zog sein Schwert. Der bedrohliche Schatten, kaum zu erkennen im Schwarz des Waldes, trat lautlos näher.
„Laß diesen Unsinn“, lachte der Mann. „Mit der Waffe kannst Du uns nicht besiegen. Komm mit!“
Sein Plan hatte also versagt. Aber was sollte nun dies bedeuten? Eine Falle? Nein, sie hätten ihn einfach im Wald töten können. Amadus spürte, daß der Alte dies tun würde, wenn er nicht folgte. Wachsam, ohne den Griff von der Waffe zu lösen, ging er zur Lichtung.
Um das Lagerfeuer saßen die vier übrigen Gaukler. Amadus Herz schlug höher, als er Ma’alenia sah. Sie blickte ihn stumm und traurig an, die anderen beachteten ihn nicht. Nur kurz schauten sie auf, um dann schweigen weiter an ihren Fleischstücken zu kauen. Alles wirkte friedlich, nichts wies auf einen Kampf hin. War er zu früh, warteten die Mörder noch im Wald? Doch dann fiel sein Blick auf fünf Stangen, die im Halbkreis um das Lager standen, und auf denen die Köpfe seiner Helfer steckten. Amadus erstarrte schaudernd. Erwartete ihn das gleiche Schicksal?
„Tritt näher und setze Dich“, sagte sie leise. „Es ist an der Zeit, daß wir miteinander reden.“
Nur zögernd ließ sich Amadus am Feuer nieder. Er saß zwischen Ma’alenia und dem Alten. Worüber sollten sie reden? ‘Ich möchte sie um die Hand ihrer Tochter bitten’, schoß es ihm durch den Kopf, und fast hätte er gelacht, wenn nicht die leeren Augen der abgeschlagenen Häupter auf ihn herabgeblickt hätten. Absurd!
„Möchtest Du nichts über uns wissen, Amadus?“ fragte sie.
Wie betäubt saß er da. Er war nicht einmal mehr glücklich, ihr nahe zu sein, so sehr er es sich noch vor kurzem auch gewünscht hatte. ‘Alles’, hätte er sagen können, oder auch ‘Nichts.’ Wo lag der Unterschied? Sie waren Feinde, mehr als zwei Feldherrn auf dem Schlachtfeld es je sein konnten. „Warum?“ antwortete Amadus knapp.
„Wir sind Diener der, die Ihr Menschen Morrigu, Göttin des Krieges nennt“, begann Ma’alenia. „Sie ist die Herrin der Zerstörung und des Untergangs, die Fürstin der Raben, die sich an den Gebeinen der Gefallenen nähren. Sie ist unsere Mutter, und sie hat uns ausgesandt, um Euch zu vernichten.“
Fassungslos starrte Amadus sie an. „Uns vernichten? Weshalb?“
Es war der Alte, der Patriarch der Gruppe, der nun das Wort an sich nahm. „Weshalb, das fragt Ihr noch?“ sagte er mit unbarmherziger Stimme. „Schaut Euch an, was Ihr Menschen aus der Welt gemacht habt. Ihr habt Wälder gerodet, Ihr habt Berge abgetragen, und nun fangt Ihr an, selbst den Lauf der Flüsse zu verändern. Man hat Euch die Erde anvertraut, auf daß Ihr sie hegt und pflegt, doch Ihr seid dabei, sie zu zerstören. Aber nun hat die Menschheit verspielt, und eine andere Rasse wird ihren Platz einnehmen.“
„Nein!“ widersprach Amadus entsetzt. „Nein, wir haben sie nicht zerstört, wir haben das Land fruchtbar gemacht. Wir haben Felder angelegt, die Nahrung bringen, wir haben Flüsse begradigt, um den Boden urbar zu machen. Wir -„ Er wußte nicht mehr weiter. Unerwartet war Amadus zum Anwalt seines Volkes geworden, und diese Aufgabe war zu groß für ihn, das wußte er.
„Ihr?“ Die Stimme des Graubärtigen war voller Spott.“ Ihr Kaufleute und Euresgleichen habt Gold gescheffelt, während andere die Arbeit gemacht haben. Und Ihr Menschen habt nur an Euer Wohl gedacht, während Ihr Krieg gegen die Natur geführt habt. Der Frieden, wie Ihr es nennt, galt nur für Euch Menschen - wenn überhaupt.“ Er hielt einen Augenblick inne. „Aber genug davon“, fuhr er fort, „das Urteil ist gefällt, und Ihr selbst werdet es vollstrecken. Eure Herrschaft ist zu Ende, und nichts kann den Lauf der Dinge aufhalten.“
Amadus Blick wanderte entsetzt von dem Alten zu Ma’alenia. Warum half sie ihm nicht? Warum sollte sie? Konnte er überhaupt noch etwas retten, war es nicht längst zu spät? „Nein, Euer Urteil ist zu grausam“, entgegnete er zornig. „Kein Tier hat das verdient, was Ihr uns antut!“
„Wirklich nicht?“ Die Gegenrede schien den Grauhaarigen nur zu amüsieren. „Ihr Menschen habt Euch selbst über die Tiere gestellt, und damit habt Ihr selbst das Recht verwirkt, wie Tiere behandelt zu werden.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Aber sorgt Euch nicht, ihr werdet überleben. Eurer Thron ist verloren, aber vielleicht findet Ihr eine neue Aufgabe als Hofnarr. Nur Ihr, Amadus von Skagen, werdet das nicht mehr erleben.“
Er zuckte bei diesen Worten zusammen, aber er wußte keine Entgegnung mehr. Schweigend, sprachlos starrte er in die flackernden Flammen des Lagerfeuers. Er, Amadus von Skagen, hatte versagt. Das Schicksal der Menschheit hatte in seinen Händen gelegen, aber er hatte versagt. Was sollte er nun tun? Gab es überhaupt noch einen Weg? Er wandte seinen Blick Ma’alenia zu. Seine Unfähigkeit hatte sie gerettet.
„Willst Du nichts essen?“ Der Alte ergriff einen Brocken Fleisch und reichte es ihm.
Amadus nahm es gedankenlos an. Er hatte keinen Hunger, was sollte er damit? Doch sogleich ließ er es erschrocken fallen. Es war ein Arm mit einer Hand! Sein entsetzter Blick wanderte von dem grausigen Stück zu den Köpfen über ihm und zu den Knochenresten am Feuer. Raben, Raben, die sich vom Fleisch der Gefallenen nährten!
„Warum quälst Du ihn?“ fragte Ma’alenia vorwurfsvoll.
Wieder erklang das trockene, entsetzliche Lachen. „Nun, da er alles weiß, was er wissen wollte, muß er ohnehin sterben“, sagte der Alte.
Wie betäubt vor Schreck beobachtete Amadus das Geschehen um ihn herum. Betraf es ihn noch? Alles erschien ihm wie ein Traum.
„Nein!“ Sie sprang auf und stellte sich schützend vor ihn. „Wage es nicht, ihm etwas anzutun!“
„Dann bringe ihn zum Schweigen, auf welche Weise auch immer!“
Amadus erhob sich langsam. Seine Hand war unwillkürlich an den Schwertgriff gefahren, aber er wußte, daß ihm die Waffe hier nicht helfen konnte. Er sah sich um. Sie funkelten sich wütend an, während die drei anderen das Geschehen nur still beobachteten. Wie konnte er entkommen?
Ma’alenia drehte sich zu Amadus um und blickte ihn traurig an. „Verzeih mir, mein Geliebter“, sagte sie leise. Dann hob sie die Hand und deutete mit dem Zeigefinger auf ihn. Sie murmelte Worte, die er nicht verstand. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr, und Amadus fiel auf die Knie. „Du wirst leben, mein Rabe!“ rief sie, und er spürte, wie seine Verwandlung begann. Ihn schwindelte, und anstatt sich mit den Händen abzustützen, ruderte er mit den Armen, als wären sie bereits Flügel.
„Halt!“ hörte Amadus eine Stimme hinter sich rufen.
Es war Ta’aneja. Ma‘alenia trat einen Schritt zurück und neigte ehrfurchtsvoll den Kopf. Die anderen, ihr Vater und ihre Begleiter, verbeugten sich sogar.
„Er steht unter meinem Schutz“, sprach die blonde Frau und trat auf die Lichtung, während die Raben voller Respekt zurückwichen. „Habe ich nicht gesagt, daß ich eigene Pläne mit ihm habe?“
Amadus fühlte die Kraft der Magie von sich weichen und richtete sich auf. Rückwärts, ohne die unheilbringenden Gaukler aus den Augen zu lassen, ging er auf Ta’aneja zu. Ma’alenia, das Vogelmädchen, lächelte erleichtert.
„Hab keine Furcht“, beruhigte ihn die Gesandte der Muttergöttin. „Dir wird nichts geschehen. Komm mit mir.“
Noch immer wie in einem Traum gefangen, wandte sich Amadus zum Gehen. Die Frau an seiner Seite reichte ihm zur Führung die Hand. Er war in Sicherheit, so wurde ihm plötzlich bewußt, vorläufig zumindest.
„Wir treffen uns in Skagen, Amadus!“ hörte er Ma’alenia hinter sich rufen.
Ihre Abschiedsworte klangen ihm lange in den Ohren. Skagen, seine Heimat, auch sie würde nicht verschont werden. Amadus war verzweifelt, denn er sah keine Möglichkeit mehr, das zu verhindern. Sieben Tagesritte trennten ihn noch von Zuhause, die ‚Raben‘ mochten ein wenig länger brauchen. Und hinter ihnen fraßen sich Krieg und Gewalt durch bislang friedliche Länder. Menschen, die immer schon gute Nachbarn gewesen waren, entdeckten die Unterschiede ihrer Herkunft und erhoben die Schwerter. Götter, deren Tempel seit Jahrhunderten nebeneinander gestanden hatten, wurden plötzlich gegeneinander ins Feld geführt. Und Kaufleute, ehrbare Bürger von Stand, gossen Öl in das schreckliche Feuer, um ihren Gewinn zu vergrößern. Was war mit der Welt geschehen, an die Amadus geglaubt hatte? War sie wirklich dem Untergang geweiht? Eine Welle der Verzweiflung brach über ihn herein. Verloren!
Verloren? Hatte die Große Mutter ihn nicht retten lassen, damit er die Boten Morrigus stoppen konnte? Der Gedanke, daß ausgerechnet er dazu ausersehen sein sollte, die Menschheit zu retten, erschien ihm absurd. Aber er war hier, er war entkommen. Wie auch immer, es mußte noch eine Chance geben.
„Womit sind sie aufzuhalten?“ fragte er seine Begleiterin Ta’aneja. „Gibt es eine Magie, mit der sie zu bezwingen sind?“
„Nicht in dieser Welt“, antwortete sie knapp.
Amadus war ernüchtert. Hatte er sich geirrt?
Schweigend gingen sie weiter. Er führte sein eigenes Pferd am Zügel, die Rösser der toten Mörder hatten sie auf Ta’anejas Wunsch freigelassen. Der Mond schien auf die Landstraße, die sich als gerades, endloses Band vor ihnen erstreckte. Hin und wieder verdunkelte sich die Szenerie, und Amadus, der sich seinen Weg dann mehr mit den Füßen ertastete, als daß er ihn sah, hatte Schwierigkeiten, mit seiner Führerin Schritt zu halten. Seine Gedanken jagten sich, wie die Wolken am Himmel. Er lebte. Aber er hatte am Rande der ewigen Finsternis gestanden, man hatte ihn töten wollen. Ma’alenia, die Frau, die er liebte und fürchtete, hatte versucht, ihn zu retten, indem sie ihn verwandeln wollte. Ta’aneja hatte ihn vor diesem Schicksal bewahrt, aber warum? Sie sprach in Rätseln zu ihm, wenn sie es überhaupt tat. Wer war sie? Es wäre einfacher gewesen, dem Zauber der Vogelfrau zu erliegen. Dann läge keine unlösbare Aufgabe mehr vor ihm, dann könnte er ihr nahe sein. Nein, er mußte handeln, er durfte sich nicht in Träumen und im Wenn und Aber verstecken.
Amadus stolperte und schob die Grübeleien beiseite. Wie lange waren sie schon unterwegs? Er fror nicht mehr, und seine Beine bewegten sich wie von selbst. Aber er war müde, mußte sich zwingen, die Augen offen zu halten.
„Wohin gehen wir überhaupt?“ wollte Amadus wissen. „Das ist doch nicht mehr die Straße nach Seddern?“
„Nein“, antwortete Ta’aneja. „Wir sind auf dem Weg nach Skagen.
Er seufzte leise. Wieder ein Rätsel. Doch Amadus war nicht in der Stimmung, weiter zu fragen. Noch immer benommen und verwirrt vom Geschehenen, versuchte er, seine Gedanken zu ordnen. ‘Nun hat die Menschheit verspielt’, so hatte der Alte gesagt. Aller Schrecken lag in diesen profanen Worten. ‘Das Urteil ist gefällt, und Ihr selbst werdet es vollstrecken.’ Endgültig! ‘Ihr selbst’ - aber wie, wenn der Henker sich weigerte? Lag es doch in der Macht der Menschen, dieses Schicksal abzuwenden, war das der Grund, weshalb die Große Mutter nicht eingriff? Die Macht der ‚Raben‘ war also zu stoppen! Amadus faßte neuen Mut.
Die Nacht schien endlos, und seine Müdigkeit wurde übermächtig. Sie waren niemandem begegnet, keinem Reisenden, keinem rastenden Wanderer am Wegesrand, und sie waren durch kein Dorf gekommen. Nur der Wald zog sich monoton zu beiden Seiten des Weges hin. Wie viele Stunden wanderten sie schon? Warum wurde es nicht Tag? Doch noch immer stand der Mond am Himmel.
„Können wir eine Pause machen?“ Amadus bleib stehen. „Meine Füße wollen nicht mehr.“
„Nun gut, ganz wie Du möchtest“, antwortete Ta’aneja. „Ein Stück voraus findest Du ein Gasthaus.“
Erleichtert ging er weiter. Nun begannen auch endlich die Sterne zu verblassen, und das erste Grau des neuen Tages zeigte sich am Himmel. ‘Endlich’, wollte er zu seiner Begleiterin sagen, aber als er sich nach ihr umwandte, stellte Amadus fest, daß er alleine war.
Er rief nach ihr, aber sie blieb verschwunden. Ein wenig gekränkt, aber doch froh, alleine zu sein, setzte er seinen Weg fort. Bald lösten die ersten Felder den Wald ab, und dann erreichte er tatsächlich eine Ortschaft. Doch wo war er? Die Ansiedlung mit der riesigen Eiche auf dem Dorfplatz kam ihm bekannt vor. Auch das Wirtshaus, einen flachen Bau mit Schilfdach, hatte er schon einmal gesehen. Aber er konnte es nicht zuordnen, nein, nicht hier zumindest. Er sah sich um, und seine Ahnung verdichtete sich. Eine Frau trat aus einem der Häuser, um zum Brunnen zu gehen, und Amadus fragte sie nach dem Namen des Dorfes.
„Haglind“, antwortete sie und ging weiter.
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