Rabengesang
Er verließ das Gasthaus durch den Hinterausgang. Er war überzeugt, den weiteren Weg der ‚Raben‘ zu kennen. Gewiß würden sie der großen Handelsstraße nach Norden zu den Hauptstädten und Märkten des Westens folgen, auf eben jener Route, auf der sich damals die Pest ausgebreitet hatte. Hapra wäre dann ihr nächstes Ziel. Amadus mußte verhindern, daß sie dort ankamen. Die Neuigkeiten, die der Wirt ihm beim Begleichen der Rechnung mitgeteilt hatte, übertrafen Amadus schlimmste Erwartungen.
Wie er sie stoppen wollte, daß wußte Amadus allerdings noch immer nicht. Er erwog und verwarf die abenteuerlichsten Pläne, und keiner davon schien ihm wirklich brauchbar. Sollte er ihnen Auflauern und sie mit seinem Schwert töten? Allein? Das war die absurdeste aller Varianten. Und wenn er Helfer finden würde, Wegelagerer etwa? Es war besser, wenn diese ihn nicht fanden, ein reicher Kaufmann war allemal eine bessere Beute als eine Gauklertruppe. Und überhaupt, niemand würde ihm diese Geschichte glauben.
Amadus steckte seine Ziele zurück. Konnte er wenigstens ihren Auftritt in Hapra verhindern, wenn er die dortigen Behörden vor einer Diebesbande warnte? Ja, das wäre ein Weg. Vielleicht würde man sie dann sogar verhaften.
Er mußte sich beeilen, und so ritt er bis in den Abend hinein und brach im Morgengrauen wieder auf. Schon am nächsten Mittag, so rechnete er, würde er in Hapra sein, mit einem oder zwei Tagen Vorsprung vor den ‚Raben‘.
Aber wenn sie nicht kamen? Wenn sie einen anderen Weg gewählt hatten?
Doch sein Pferd war müde, und er kam nicht so schnell vorwärts, wie er gehofft hatte. Es dämmerte bereits, und Amadus befand sich noch immer in den Wäldern von Rajk. Es gab nur wenige Siedlungen hier, und er fluchte bei dem Gedanken, die Nacht im Freien verbringen zu müssen.
„Amadus!“
Eine in einen schwarzen Umhang gekleidete Gestalt stand vor ihm am Wegrand, und der Angesprochene hielt überrascht sein Pferd an. Als er Ma’alenia erkannte, fuhr er erschrocken zusammen. Was wollte sie von ihm? Und wie kam sie hierher?
„Ich habe dich gesucht“, begrüßte sie ihn mit sanfter Stimme und trat einen Schritt auf ihn zu.
Amadus zögerte. Was sollte er tun? Die Gelegenheit nutzen und das Schwert ziehen? Doch das brachte er nicht fertig. Am einfachsten wäre es, zu fliehen.
„Hab keine Angst, Amadus. Warum fürchtest Du mich?“
Wie konnte er ihr antworten? Durfte er sein Wissen preisgeben? „Du bist eine Hexe!“ stieß er endlich hervor. „Laß mich in Ruhe!“
Ma’alenia seufzte. „Ich habe dich im Wald gesehen, bei unserem Ritual“, sagte sie ruhig. „Aber Du verstehst nicht, was Deine Augen wahrgenommen haben. Du hast nicht die wahre Bedeutung erkannt.“
„Die interessiert mich nicht“, gab er trotzig zurück. Aber warum ritt er nicht einfach weiter? Er konnte den Blick nicht von ihr lösen.
Sie nickte und senkte den Kopf. „Schenk’ mir nur ein wenig Zeit zum Abschied. Ich liebe dich.“
Amadus war verblüfft, Schmerz und Freude trafen ihn zugleich. Alles wäre einfacher gewesen, wenn sie ihn gehaßt hätte. Er zögerte noch einen Moment, dann stieg er vom Pferd. Warum?
Ma’alenia löste sich aus dem Dunkel des Waldes und ging ihm entgegen. Erst jetzt wurde Amadus gewahr, daß es kein Umhang war, den sie trug. Ihr glänzend schwarzes Gefieder raschelte, als sie ihre Flügel ausbreitete. Zwei Finger schauten aus den Federn, dort wo ihre Hände gewesen wären. Unter den Schwingen war ihr Körper nackt.
„Erschrick nicht“, erklärte sie und hob ihre rechte Schwinge, um mit den Fingern sanft über seine Wange zu streichen. „Ich bin hierher geflogen. Aber die anderen sind weit weg, niemand wird uns finden.“
Noch war Amadus unsicher, ob er ihr nachgeben sollte. War sie nicht böse, mußte er sie nicht bekämpfen? Doch auch er spürte Verlangen nach ihr, und plötzlich wurde er von ihrer Doppelnatur nicht mehr abgeschreckt, sondern auf seltsame Weise angezogen. Aber wenn es eine Falle war?
Ma’alenia spürte sein Zögern. „Vergiß alles, was uns trennt, nur für diese eine Nacht. Hier und jetzt sind wir Mann und Frau, nichts anderes. Morgen mußt Du wieder Deinen Weg gehen, wohin auch immer er führt. Aber jetzt spielt er keine Rolle.“
Sie hätte jede Chance gehabt, ihn zu töten, das wußte Amadus, und so beschloß er, ihr sein Vertrauen zu schenken. Er folgte ihr in den Wald, band sein Pferd an einen Baum und ließ sich weiter ins Dickicht führen. Im letzten Licht erreichten sie eine kleine, moosbedeckte Mulde im Waldboden, schützend von dichtem Gebüsch umgeben und doch frei von Laub und Zweigen. ‘Wie ein Nest’, dachte Amadus.
Ein kleines Licht flammte auf, und Amadus entdeckte eine Kerze auf einem Baumstumpf am Rand. Wie hatte Ma’alenia sie entzündet? Natürlich, Magie. Er wandte sich nach seiner Begleiterin um, und sie lächelte.
„Gefällt es Dir hier?“ Das Vogelmädchen breitete die Schwingen aus, es schien, als schmolzen die Federn dahin, und dann stand sie als Frau vor ihm. „Und gefalle ich Dir?“
Ma’alenia trat auf ihn zu und begann, seinen Mantel zu öffnen. Ihre Finger fuhren über seine Kehle, und die Berührung erregte ihn. Sie half ihm weiter, seine Kleidung abzulegen, und bald war Amadus ebenso nackt wie sie. Zu seiner Überraschung fror er nicht. Es war angenehm warm hier, bestimmt ein Ergebnis ihrer Zauberkunst.
Ihre Hände glitten über seinen Körper, und ein angenehmer Schauer durchlief ihn. Er sah ihre verlockende Silhouette im flackernden Kerzenschein, ihr Haar schien einen Kranz von Funken zu sprühen. Sie ließ sich nieder, setzte sich ins weiche Moos, und Amadus tat es ihr gleich. Die beiden streichelten sich, sie liebkosten sich mit ihren Lippen, und Ma’alenia schlug zärtlich ihre Zähne in sein Fleisch, bis er endlich nicht mehr erschrak, sondern ihr lustvoll seinen Hals darbot. Seine Zunge berührte die Knospen ihrer Brüste, und sie wand sich unter ihm und wölbte ihm ihren Leib entgegen, um ihn endlich in sich aufzunehmen.
Glücklich lagen Amadus und Ma’alenia einander in den Armen, als sie spät in der Nacht erschöpft ins weiche Bett des Mooses sanken. War nicht alles andere nur ein böser Traum gewesen, ein schreckliches Mißverständnis? Nach diesem Erlebnis konnte nichts mehr sein wie zuvor. Die Nase in ihren Duft versenkt und ihr Bild vor Augen schlief Amadus ein.
Er schlug die Augen auf und blickte in ihr melancholisches Gesicht. Es wurde bereits hell. Ma’alenia saß neben ihm und hielt seine Hand.
„Es ist Zeit“, sagte sie traurig.
Amadus erhob sich, um sich anzukleiden. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, war sie längst wieder in ihr schwarzes Gefieder gehüllt. Gemeinsam gingen sie zur Straße zurück, ohne ein Wort zu wechseln. Noch im Schutz der Bäume legte sie ihre Finger auf seinen Arm, um ihn zurückzuhalten. Die Vogelfrau umfing ihn mit ihren Flügeln und küßte ihn ein letztes Mal. Dann traten sie auf die einsame Landstraße. Amadus fröstelte.
„Höre auf einen Rat“, sagte sie zum Abschied. „Sei vorsichtiger, wenn Du dich mit uns einläßt. Wenn die anderen Dich gesehen hätten, wärest Du nicht mehr am Leben. Und nun Leb wohl, geliebter Gegner!“
Ma’alenia beugte die Knie, breitete ihre Schwingen aus, und während sie sich noch mit dem ersten Flügelschlag in die Luft erhob, war sie zum Vogel geworden. Wie einen letzten Gruß stieß sie einen krächzenden Schrei auf, dann verschwand sie langsam in der Ferne.
Eine einsame Träne lief über seine Wange, während er ihr nachblickte. Warum konnte es nicht bleiben wie in der letzten Nacht, warum mußten sie Feinde sein? Verzweifelte Kälte umfaßte sein Herz, er wandte sich ab und gab seinem Pferd die Sporen.
Amadus erreichte sein Ziel am nächsten Abend. Die Mauern von Hapra ragten stark und unbezwingbar in den Himmel, aber die Tore waren weit geöffnet, und nur ein schläfriger Wachposten beobachtete gelangweilt das rege Kommen und Gehen. Nichts stand zwischen Stadt und ihrem Untergang.
Nur mühsam und mit dem Namen seines Vaters als Referenz gelang es Amadus, sich bei der Stadtwache von Hapra Gehör zu verschaffen. Die Gaukler seien nicht nur raffinierte Diebe, sondern auch Spione, so versicherte er, ausgesandt, um die Verteidigung von Hapra auszuspähen. Widerwillig aus der vermeintlich sicheren Ruhe der Handelsmetropole geschreckt, sagte man Amadus zu, die ‚Raben‘ bei ihrer Ankunft noch vor den Toren zu verhaften und sie in den alten Hexenturm vor den Stadtmauern zu sperren.
Er spürte, daß er nicht ernst genommen wurde, und er wußte noch nicht, was weiter geschehen sollte, wenn die Unheilsboten erst gefaßt waren. Vielleicht fand sich ja im Wagen ein Hinweis auf ihre Hexerei. Würden sie sich widersetzen? Wie mächtig waren sie? Aber wie auch immer, es brachte zumindest einen Aufschub. Voll zwiespältiger Gefühle wartete er am Fenster des Turms über dem Südtor, halb ungeduldig und halb hoffend, daß sie nie kommen würden. Doch dann?
Sie kamen schneller als erwartet. Ma’alenia saß neben dem Alten auf dem Kutschbock, und es schmerzte Amadus, sie ihrem Untergang entgegen fahren zu sehen. Ein Ende durch seine Hand! Er schloß die Augen und bat die Götter stumm um Vergebung, dann gab er der Wache das Zeichen. Die Soldaten stoppten das Gefährt der Gaukler kurz vor der Mauer und befahlen ihnen mit gezogenem Schwert, abzusteigen. Warum kletterten sie ohne Gegenwehr von ihrem Wagen, fragte sich Amadus, der die Szene noch immer vom Südturm aus beobachtete. War ihre Magie nicht so stark, wie er befürchtet hatte? Sie blickte in seine Richtung, hatte sie ihn gesehen? Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen.
Die ‚Raben‘ wurden mit gefesselten Händen zum Gefängnisturm geführt, das Fuhrwerk brachte man in die Stadt. Erleichtert über den Sieg, so bitter er auch war, folgte Amadus dem Zug der Neugierigen zum Rathaus. Im Hof wurde das Fuhrwerk unter den Augen eines herbeigeeilten Ratsherrn durchsucht. Die Stadtgardisten gingen wenig zimperlich mit dem Habe der Gaukler um, und das meiste wurde kurzerhand auf das Pflaster geworfen. Bühnenteile und Requisiten, Werkzeuge, Instrumente und Kostüme stapelten sich bald auf dem schmutzigen Boden. Persönliche Habe fand sich nicht, nur ein paar Decken und Töpfe zeugten von der Kargheit des Schaustellerlebens.
„Kein Diebesgut“, stellte der Hauptmann schließlich fest. „Könnt Ihr Eure Beschuldigungen anderweitig beweisen?“
„Da muß etwas sein!“ Amadus sah seinen Plan scheitern und kletterte selbst hinauf. Doch die Ladefläche war längst leer, und man hatte sogar Bretter herausgerissen, um nach Verstecken zu suchen. Nichts, keine Wertsachen, keine Waffen, gar nichts! Womit sollte er seine Beschuldigungen nun aufrecht erhalten? Er sprang wieder hinunter und umrundete den Wagen. Das Wasserfaß war leer, die Kiste an der Seitenwand längst ausgeräumt. Resigniert und ratlos wollte er sich abwenden, als sein Blick auf eine vertrocknete Rose fiel, die neben Ma’alenias Platz am Kutschbock steckte.
Der hagere Ratsherr legte seine Hand auf Amadus Schulter und nahm ihn beiseite, so daß die anderen sie nicht hören konnten. „Es scheint Euch sehr daran gelegen zu sein, sie im Kerker zu wissen“, sagte er gönnerhaft. „Aber gewiß wird man der Bande ihre Verbrechen auch nachweisen können, wenn man sie ausgiebig genug verhört.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Ich wollte übrigens schon immer mit Eurem Herrn Vater über einige Handelsprivilegien sprechen. Könnt Ihr das nicht arrangieren, mein lieber Freund?“
Amadus nickte, und er schämte sich dafür. ‘Ausgiebiges Verhör’, er wußte sehr wohl, was damit gemeint war. Heiligte der Zweck wirklich jedes Mittel? Wie konnte er Ma’alenia schützen?
„Ladet den Schund wieder auf“, befahl der alte Patrizier. „Diese Schufte sind gerissener, als wir gedacht haben. Und Ihr, mein Freund, kommt mit auf ein Glas Wein, damit wir in Ruhe reden können.“
Amadus war einer der ersten, die den Rauch über den Dächern aufsteigen sahen. Dann erfüllte aufgeregtes Schreien die Straßen, und alle eilten vor die Tore, um den alten Hexenturm brennen zu sehen. Schon schlugen die Flammen aus dem Dach, und mit lautem Krachen gab das Gebälk nach. Niemand war entkommen, so versicherte man, weder die Wächter noch die Gefangenen. Eine schreiende Frau versuchte, zum Ort des Unglücks vorzudringen, aber die Umstehenden hielten sie zurück. Schluchzend, immer wieder den Namen ihres Mannes rufend, brach sie vor Amadus zusammen.
Noch in der Nacht erhellte der Feuerschein den Himmel, bis das Gemäuer endlich funkensprühend in sich zusammenstürzte. Amadus hielt bis zuletzt Wache, ohne zu wissen, worauf er eigentlich wartete. Sollte das wirklich das Ende der ‚Raben‘ gewesen sein? Er schloß die Augen und sah Ma’alenias Gesicht vor sich. Was für ein Sieg wäre das? Es überraschte ihn nicht, als er am Morgen erfuhr, daß der Wagen der Gaukler verschwunden war.
Amadus verließ Hapra mit düsteren Vorahnungen. Konnte es ihm überhaupt gelingen, die Magier zu stoppen? Sie würden ihren Weg nach Norden fortsetzen und das Land mit Verwüstung überziehen, daran zweifelte er nicht. Schließlich würden sie auch Skagen erreichen. Ihm schauderte bei diesen Gedanken.
Vor ihm lag ein Dorf, friedlich und in trügerischer Sicherheit. Ein kleiner Junge hütete auf einer Wiese an der Straße Schafe, und er blickte sehnsüchtig zum Ort herüber. Schon von weitem hörte Amadus die Trommeln und Ma’alenias Gesang.
So kommt, meine Kinder, stürzt um euren Thron
töt't Schwester und Bruder und fallt von Freund's Hand
Das Schwert holt die Ernte, den Raben zum Lohn
eure Zeit ist vorüber, gebt frei nun das Land
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